Interview mit Alexandra Machado, Leiterin des Social Innovation Program bei Red Hat

Women in Tech: „Frauen fügen eine neue Perspektive hinzu und geben oft vergessenen Themen eine Stimme.“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Alexandra Machado, Leiterin des Social Innovation Program bei Red Hat.

Die Tech-Branche wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Alexandra Machado

Alexandra Machado hat im Alleingang das Social Innovation Programme von Red Hat ins Leben gerufen. Das ist eine separate Abteilung, die sich der Bereitstellung von Pro-Bono-Arbeit für gemeinnützige Organisationen widmet. Alexandra hat die letzten Jahre damit zugebracht, dieses Programm aufzubauen und hatte gleichzeitig eine Vollzeitstelle bei Red Hats Global-Services-Team inne.

Wann entstand dein Interesse für die Tech-Branche?

Meinen ersten Kontakt mit Technologie hatte ich während meiner Teenagerzeit mit ICQ, einem Cross-Platform-Messenger. Ich konnte mich von meinem Computer in Margarita Island, Venezuela, mit Freuden und neuen Leuten überall auf der Welt verbinden. Von diesem Moment an war Technologie für mich ein Mittel, mich mit der Welt zu verbinden. Sie passte zu meiner Leidenschaft für Kulturen, Sprachen und dem Wunsch, mehr über die Welt zu lernen. Ich fühlte mich weitentlegenen Orten näher und sie erleichterte mir die Verbindung zu meiner Familie, die im Ausland lebte. Ich wollte mehr über Technologie lernen und besser darin werden, damit ich meine Erkundung der Welt fortführen konnte.

Wie verlief dein Weg zu deiner jetzigen Karriere?

Mein Karriereweg wurde komplett durch eine einzige, einfache Frage geprägt: „In welcher Karriere wäre es mir möglich, in verschiedenen Orten auf der Welt zu leben und zu arbeiten?“ Die Antwort war einfach: Eine Karriere in der Tech-Branche. Ich hätte gerne Anthropologie studiert oder mich auf Sprachen spezialisiert, aber ich habe sehr früh verstanden, dass Technologie die neue, allgemeine Weltsprache ist und um sie fließend sprechen zu können, musste ich sie erlernen. Sie ist das neue Bindeglied, der neue Weg, wie man Dinge global erledigt und ich wollte ein Teil davon sein.

Hattest du Unterstützung? Wie sieht es mit deinen Vorbildern aus?

Ich habe eine Menge Unterstützung von meinen Eltern erfahren. Vor allem, weil sie Technologie als den Weg der Zukunft ansahen, waren sie froh, dass ich diesen Karriereweg beschritt. Meine beiden Eltern sind Elektroingenieure. Meine Mutter war die erste Frau, die als Elektroingenieurin an der Universidad de Oriente in Venezuela abschloss. Sie selbst hat nicht viel Unterstützung von ihrer Familie erhalten, weil das damals in den 70ern keine übliche Karriere für eine Frau war oder, wie meine Großmutter ihr sagte: „Das ist keine Frauenarbeit.“ Sie machte weiter und schloss mit Auszeichnung und einer Stelle im größten Elektrounternehmen Venezuelas ab, in dem sie meinen Vater kennenlernte. Nach ein paar Jahren entschieden sie, sich selbstständig zu machen und starteten zusammen ihr eigenes Vertragsunternehmen.

Meine Mutter war immer für uns da, während sie hart arbeitete und ihr Unternehmen voran trieb. Ich erkenne deutlich, wie ihre Karriere die Art und Weise, wie sie mich aufzog, beeinflusst hat und wie das Dasein als Ingenieurin ihre Herangehensweise an Problemlösungen im Gegensatz zu anderen Müttern veränderte. Die Art, wie sie mit Problemen in ihrem Unternehmen umging, half uns, andere Probleme zu Hause zu lösen. Und sie als arbeitende Mutter zu sehen, hat mir eine Menge Selbstbewusstsein für meinen eigenen Job geschaffen. Sie ist auf jeden Fall mein Vorbild und je älter ich werde, desto mehr sehe ich von ihr in mir selbst, speziell in meinem Arbeitsstil.

DYF

Hat man dir jemals Steine in den Weg gelegt?

Nein. Ich hatte sehr viel Glück, dass ich die volle Unterstützung meiner Familie und meiner Lieben durch mein ganzes Arbeitsleben hindurch hatte. Allerdings habe ich unterwegs auch Feedback oder Kommentare erhalten, die unerwünscht und oft nicht sehr konstruktiv waren. Ich nutze sie als Mittel, meine Bewusstsein zu schärfen und sicherzustellen, dass mein Selbstvertrauen niemals davon abhängt, was andere Leute von mir denken.

Nachdem ich meinen Abschluss in Engineering hatte, habe ich meinen Master of Science in ICT (Information and Communication Technology) bei der Universitat Poltiècnica de Catalunya in Barcelona in Spanien angefangen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich 4 Sprachen fließend sprechen und einigen Freunden zu Hause in Venezuela nach konzentrierte ich mich mehr auf meine Karriere als auf meine eigene Familie. Meine Cousine sagte mir: „Wenn du noch mehr zu deinem Lebenslauf hinzufügst, wirst du keinen geeigneten Ehemann finden, weil es für einen Mann zu viel sein wird, um dich zu heiraten. Sie werden sich dumm fühlen.“ Meine Cousine hatte auch einen Universitätsabschluss, aber mir wurde klar, dass Erwartungen und kulturelle Bürden für Frauen in einigen Kulturen viel schwerer wiegen. So wurde mein Appetit nach Erfolg noch mehr angeregt und ich konnte in 3 Ländern Arbeitserfahrungen sammeln. Ich machte dann meinen internationalen MBA in Shanghai, NYC und Boston und fügte meinem Werkzeugkasten unterwegs noch 2 weitere Sprachen hinzu.

Der große Kernpunkt dabei ist, dass wir nicht immer Unterstützung in der Art und Weise oder bei den Menschen finden, wie wir es erwarten, aber wir sollten jede Erfahrung nutzen, sowohl negativ als auch positiv, um zu wachsen und uns zu verbessern. Um die Zukunft zu ändern und uns von kulturellen Bürden, Erwartungen und Glaubenssätzen zu lösen, müssen wir weiterhin erziehen, lernen und neue Beispiele geben.

Ein Tag aus dem Leben von Alexandra

Momentan bin ich als Senior Managerin für unser Global Social Innovation Program bei Red Hat angestellt. Durch das Programm verbinden wir gemeinnützige Organisationen mit der Macht von Open-Source-Technologie und -Kultur, um die dringendsten Probleme der Welt zu lösen. Wir strukturieren Kollaborationsprojekte mit Schlüsselprojekten aus dem Open-Source-Bereich für gemeinnützige Unternehmen, um ihnen Werkzeuge, Ressourcen und Wissen an die Hand zu geben, die sie brauchen, um effektiver Open-Source-Lösungen bauen zu können. Jeder Tag ist anders und das liebe ich an meiner Arbeit. Sie erfordert kreatives Denken und Zusammenarbeit innerhalb von Red Hat und mit unseren Partnern, damit wir im Bereich der sozialen Innovation etwas bewirken und das Konzept und das Programm ausbauen können.

Meine Arbeitswoche beinhaltet, dass ich potentielle, neue Projekte erkunde, laufende Lieferungen überarbeite, die Ergebnisse der Kollaborationen checke und neue interne Initiativen in unserem Programm strukturiere. Unsere Gewinne und unsere Lektionen zu teilen und weiterzugeben, gehört ebenso zur Reise. Deshalb verbringen wir einen großen Teil unserer Zeit mit Kommunikation und PR.

Ich war bei Red Hat federführend dabei, dieses Programm von Grund auf zu entwickeln und zu definieren, was es bedeutet, soziale Innovation auf Open-Source-Art zu betreiben. Das erste Ziel des Programmes ist es, Software zu demokratisieren und Open-Source als Standard im gemeinnützigen Bereich zu etablieren. Das zweite Ziel ist es, ein Beispiel dafür zu sein, dass sektorübergreifende Zusammenarbeit der Schlüssel ist, um gemeinsame Open-Source-Lösungen zu bauen, die dann dabei helfen, große, globale Probleme anzugehen.

Auf was bist du besonders stolz in deiner Karriere?

Da muss ich auf jeden Fall die Gründung des Social Innovation Program nennen. Mir wurde die Möglichkeit gegeben, eine ursprüngliche Idee zu nehmen und diese umzusetzen. Dabei zuzusehen, wie sie sich in das entwickelt, was sie heute ist, ist die erfüllendste Erfahrung meiner gesamten Karriere gewesen. Nachdem ich das Programm aufgebaut hatte, hat es mich an die endlosen Möglichkeiten erinnert, die wir alle haben, wenn wir das richtige Mindset und Durchhaltevermögen, das richtige System an Unterstützung, Unternehmenskultur und Werkzeugen haben.

Ich bin ebenso stolz und dankbar auf meine Bildung und all die Fähigkeiten, die ich durch meine Karriere hinweg erhalten habe und die mich so weit gebracht haben. Meine Bildung hat mich definitiv mit einer Menge wertvollen Wissens und Fähigkeiten ausgestattet, die mir das Vertrauen gegeben haben, neue Herausforderungen anzugehen. Die 10 Jahre, die ich im Ausland in 6 verschiedenen Ländern gearbeitet und gelebt habe, haben mich auch gelehrt, mutig zu sein und keine Angst vor dem Unbekannten zu haben. Das hat viele Dinge ins rechte Licht gerückt und hat mir aus erster Hand gezeigt, wie unterschiedlich Probleme von verschiedenen Kulturen und Menschen gesehen werden.

Warum gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Die Gesellschaft hat uns immer gesagt, was wir als Frauen tun sollten und, was wir nicht tun sollten […].

Genau wie meine Mutter damals in den 70ern mit Vorurteilen zu kämpfen hatte, so haben auch wir noch einen langen Weg zu gehen, bevor wir echte Geschlechtergleichheit erreichen. Der Grund, aus dem nicht viele Frauen im Tech-Bereich arbeiten, ist kulturell bedingt. Die Gesellschaft hat uns immer gesagt, was wir als Frauen tun sollten und, was wir nicht tun sollten – beispielsweise, dass Elektroingenieur kein Beruf für eine Frau sei. Eine Menge Frauen müssen sich auch zwischen ihrer Karriere und dem Gründen einer Familie entscheiden. Oft genug geben sie ihren Job auf, um sich um ihre Kinder zu kümmern. Es gibt keinen richtigen oder falschen Weg hier, aber häufig sind es die Frauen, die die harten Entscheidungen zu treffen haben. Das gründet auf einem System, das historisch betrachtet, Frauen nicht unterstützt hat. Wenn wir anfangen, Paradigmen, Erwartungen und Glaubensgrundsätze zu ändern, wird es uns möglich sein, diese Herausforderungen zu meistern, um ein neues System zu errichten, in dem Frauen beides sein können: Mütter und Berufstätige.

Welche Hürden müssen Frauen in der Tech-Branche überwinden?

Es braucht eine gesellschaftliche Veränderung, damit dieser männlich dominierte Bereich geschlechtsneutral wird.

Die Tech-Branche wird dominiert von Männern. Das bedeutet, es ist ein Umfeld, das normalerweise von Männern geführt wird und gleichzeitig weniger Frauen beinhaltet. Ich habe einige Frauen in der Tech-Branche gesehen, die durch Anpassen an den Status Quo erfolgreich wurden, anstatt die Dinge auf ihre eigene Weise anzugehen und das Umfeld zu verändern. Dieser Quick Fix, der für einige funktionieren mag, hilft nicht dabei, das Thema Diversität langfristig zu verbessern und es ebnet auch nicht den Weg, neue Frauen für den Bereich zu gewinnen. Es braucht eine gesellschaftliche Veränderung, damit dieser männlich dominierte Bereich geschlechtsneutral wird. Wir müssen unsere Stimmen hörbar machen und wir brauchen mehr Frauen in diesem Umfeld, um zukünftige Generationen zu inspirieren und echte Diversität in Bereiche zu bringen, die dringend eine andere Perspektive benötigen. Die andere Hürde ist, Frauen von jungen Jahren für Technologie zu interessieren. Wenn man ihren Wert früher im Leben herausstellen würde, könnten sich mehr Frauen an Technologie beteiligen. Hier spielen die MINT-Fächer eine Schlüsselrolle.

Würde unsere Welt anders aussehen, wenn mehr Frauen im MINT-Bereich arbeiteten?

Ja, ich glaube, das wird einen großen Unterschied machen. Mehr Frauen, die in egal welchem Sektor oder egal welchem Bereich arbeiten, ist genau das, was die Welt wirklich braucht. Frauen bringen eine andere Perspektive auf jeden Aspekt des Lebens mit und diese Perspektive wird für die Weiterentwicklung und für einen Wechsel benötigt. Es gibt zwei gute Gründe, warum Frauen an großen Entscheidungen, die überall auf der Welt stattfinden, teilnehmen sollten. Erstens fügen Frauen ideologisch eine neue Perspektive hinzu und geben oft vergessenen Themen eine Stimme. Zweitens ergibt es Sinn, wenn Frauen ökonomisch etwas beitragen. Wenn Frauen in einer erfolgreichen Karriere im Mint-Bereich arbeiten, hilft das nicht nur dem eigenen Haushalt, sondern auch der Wirtschaft überall auf der Welt.

Die Diskussion über Diversität gewinnt an Dynamik. Wie lange wird es dauern, bis die Ergebnisse der aktuellen Debatte vorliegen?

Ich hoffe, dass die Notwendigkeit einer größeren Vielfalt nicht mehr zur Diskussion steht und dass sie bereits stattfindet. Geschlechtergleichheit ist ein wichtiges Problem und sie ist keine einfache Aufgabe, weil sie entstehen muss, ohne die Leistungsgesellschaft zu gefährden.

Wenn man das Problem angehen möchte, muss man mit der Erziehung sowohl in Schulen als auch am Arbeitsplatz beginnen. Es ist sehr wichtig, auf allen Ebenen an MINT-Initiativen zu arbeiten. Frauen haben auch die Verantwortung, ihren Kindern ein neues Beispiel zu sein, statt ihnen veraltete Geschlechterstereotypen beizubringen. Für den Arbeitsplatz ist es eine gute Strategie, diversitätsbedingt Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen anzustellen, genauso wie Frauen auf allen Ebenen zu befördern, aber am wichtigsten auf der Führungsebene. Es ist bewiesen, dass es bei Innovationen hilft, weil es eine gesunde Mischung an Meinungen und unterschiedlichen Perspektiven in den Mix bringt, um einen Wandel herbeizuführen.

Welche Ratschläge (und Tipps) würdest du Frauen geben, die eine technische Karriere anstreben?

Wir sollten uns nicht mehr fügen oder anpassen.

Zunächst einmal solltet ihr wissen, dass ihr am richtigen Ort zur richtigen Zeit seid. Genau jetzt ist das die beste Branche, weil sich heute alles um Technologie dreht und sie gibt das Tempo für alle anderen Bereiche vor. Zweitens sind sich etablierte Tech-Unternehmen in der Regel der Bedeutung der Leistungsgesellschaft und der Diversität bewusst und wie lebensnotwendig sie für die Verbesserung der Unternehmenskultur und für Innovationen sind. Wenn ihr nicht überzeugt seid, folgt hier ein Beispiel: Wenn ihr codet, löst euer Code ein Problem und dann wird euer Code zusammengefügt. Niemand kümmert sich hierbei um Geschlecht oder Hautfarbe. Euer Talent spricht für sich selbst.

Mein Ratschlag für Coderinnen ist, besser in dem zu werden, was sie bereits tun, damit ihr Wissen und ihr Talent für sich selbst sprechen. Mein Ratschlag an die Frauen, die schon in Führungspositionen sind, ist, mehr Frauen aktiv als Mentor bereit zu stehen, den Weg für andere Frauen zu bereiten und sicherzustellen, dass verschiedene Meinungen und Perspektiven Teil ihrer Teams sind. Wie ich schon angemerkt habe, habe ich über meine Karriere hinweg Frauen kennengelernt, die sich dem altgedienten Führungsstil angepasst haben, anstatt aktiv einen Wandel herbeizuführen.
Mein allgemeiner Ratschlag für alle Frauen im Tech-Bereich ist, sie selbst zu sein, transparent, offen und mutig zu sein und einen Weg für andere Frauen zu ebnen, um eine breitere Diversität zu schaffen.

Ich gebe außerdem den gleichen Ratschlag, den ich einer meiner direkten Untergebenen gegeben habe, die direkt von der Universität kam. Ich sagte ihr, dass sie sich darauf konzentrieren kann, was sie braucht und was sie möchte, aber der beste Weg, um wirklich Eindruck zu machen, besteht darin, sich dem anzupassen, was die eigene Organisation, der Markt und die Welt brauchen. Immer unter der Prämisse, selbst die Change-Makerin zu sein, die das große Ganze im Auge hat. Wir können uns selbst als die Bindeglieder und Integratoren ansehen, die dem Markt fehlen. Wir sollten uns nicht mehr fügen oder anpassen. Wir sollten ein anderes Tempo setzen, andere Regeln einführen und hoffentlich mehr Empathie mit an den Arbeitsplatz bringen. Seid selbstlos, nett und rücksichtsvoll und habt keine Angst davor, ein Vertreter des Wandels für das Allgemeinwohl zu sein.

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