Interview mit Dr. Anna Hilsmann, Gruppenleiterin „Computer Vision & Grafik“ am Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut (HHI) in Berlin

Women in Tech: „Traut Euch und vertraut Euren Fähigkeiten“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Dr. Anna Hilsmann, Gruppenleiterin „Computer Vision & Grafik“ am Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut (HHI) in Berlin.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Dr. Anna Hilsmann

Dr. Anna Hilsmann ist eine der deutschlandweit führenden Forscherinnen im Bereich „Computer Vision und Computer Grafik“. In ihrer Forschung kombiniert sie Methoden aus den Bereichen Machine Learning, Computer Vision, Computer Graphics und Visual Computing, um neue Lösungen für ein breites Anwendungsspektrum in Multimedia, Industrie, Augmented Reality sowie Sicherheit und Medizintechnik zu entwickeln. Am Fraunhofer HHI leitet Anna Hilsmann die Abteilung „Computer Vision and Graphics“. 2016 wurde sie mit dem ARD/ZDF Förderpreis „Women & Media Technology“ ausgezeichnet. Sie war Google Anita Borg Scholar und erhielt für ihre Dissertation im Jahr 2015 den VBKI Wissenschaftspreis.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Ich hatte immer großes Interesse an Mathematik, zunächst weniger an richtig technischen Dingen. Mein Vater ist Mathematiker und schon während der Schule haben wir beim Abendbrot mathematische Rätsel gelöst. Gute MathematiklehrerInnen haben sicher auch eine große Rolle gespielt. Als ich acht Jahre alt war, erkrankte eine meiner engsten Freundinnen an einem Tumor und erhielt eine sehr fortschrittliche Bein-Prothese. Damals wollte ich unbedingt Prothesenbauerin werden und habe mir überlegt, wie man Prothesen über Nervensignale steuern könnte.

Wie verlief dein bisheriger Karriereweg?

Mein Weg verlief ziemlich linear. Rückblickend würde ich das vielleicht anders machen. Das Interesse an Mathematik, Medizin und Medizintechnik hielt an. Zunächst konnte ich mich nicht zwischen einem Medizinstudium oder einem Mathematikstudium entscheiden. An der RWTH (Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule) Aachen konnte man Elektrotechnik und Informationstechnik mit Schwerpunkt Medizintechnik studieren und ich hatte das Gefühl, hier meine Interessen verbunden zu sehen. Tatsächlich war die reine Elektrotechnik eher nichts für mich. Rückblickend hätte ich vielleicht lieber Informatik oder Mathematik mit Nebenfach Medizin studieren sollen.

Durch meine Diplomarbeit, die ich bei Philips Research in Hamburg im Bereich medizinische Bildverarbeitung absolvierte, stieg mein Interesse an wissenschaftlicher Arbeit und speziell an den Themen Computer Vision und Maschinelles Sehen. Nach dem Studium nahm ich eine Stelle am Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut in Berlin an. Hier hatte ich die Möglichkeit, zu forschen und gleichzeitig einen Praxisbezug zu behalten. Parallel zu meiner Tätigkeit am Institut promovierte ich an der Humboldt-Universität zu Berlin in Informatik.

Nach meiner Promotion übernahm ich die Leitung der Forschungsgruppe „Computer Vision & Grafik“ am Fraunhofer HHI in Berlin zusammen mit meinem langjährigen Vorgesetzten und Mentor. Aktuell sind wir ein Team von 12 Leuten, die neue Methoden in Bild- und Videoanalyse und –synthese erforschen und entwickeln. Dabei kombinieren wir Methoden aus den Bereichen Machine Learning, Computer Vision, Computer Graphics und Visual Computing, um neue Lösungen für ein breites Anwendungsspektrum in Multimedia, Industrie, Augmented Reality sowie Sicherheit und Medizintechnik zu entwickeln.

Welche Unterstützung hast du erfahren?

Mich haben viele Menschen unterstützt und gefördert– Männer wie Frauen. Vor allem hatte ich das Glück, dass ich stets Vorgesetzte hatte, die mich bestärkten und mir großes Vertrauen entgegengebracht haben. Ein richtiges Vorbild habe ich nicht. Mein Umfeld ist voll von inspirierenden Menschen und ich lerne täglich dazu.

Hat man Dir Steine in den Weg gelegt?

Am ehesten habe ich mir selbst im Weg gestanden, weil ich mir Herausforderungen nicht zugetraut habe.

Nein. Ich habe immer Menschen um mich gehabt, die mich unterstützt haben und von denen ich viel lernen konnte. Am ehesten habe ich mir selbst im Weg gestanden, weil ich mir Herausforderungen nicht zugetraut habe. Sicher gab es immer mal wieder Situationen, in denen ich merkte, dass ich als Frau anders wahrgenommen werde als meine männlichen Kollegen. Das muss aber nicht zwangsläufig schlecht sein und wenn doch, dann kann man sein Verhalten entsprechend anpassen. Aber mir ist bewusst, dass es vielen Frauen anders ergeht.

Welche Klischees sind Dir in Bezug auf „Women in Tech“ schon begegnet?

Klischees gibt es viele und sie werden sowohl von Frauen als auch von Männern geprägt. Unser unbewusstes, klischeebehaftetes Denken steuert unsere Wahrnehmung und hat großen Einfluss auf unsere Entscheidungen. Frauen entscheiden sich meiner Meinung nach oft gegen eine ambitionierte Karriere aufgrund ihres verinnerlichten Bildes von der männlichen Führungswelt.

Hast Du selbst schon etwas entwickelt?

Bis zu meiner Promotion habe ich viel selbst entwickelt. Ich habe in unterschiedlichen Projekten zu Maschinellem Sehen, Bild- und Videoanalyse und -synthese gearbeitet. Ich habe mich in dieser Zeit mit der Entwicklung von hybriden bild- und videobasierten Animationsmethoden beschäftigt. Hierbei werden die Vorteile zweier Animations- und Darstellungsmethoden – Fotorealismus unter Echtzeitbedingungen Bild-basierter Verfahren sowie Flexibilität durch Animation und Objektmodifikation klassischer Computergrafikverfahren – vereint.

Inzwischen entwickle ich nicht mehr selbst, sondern leite die Forschungsaktivitäten des Teams. Den Ansatz hybrider Methoden, der die Vorteile verschiedener Verfahren miteinander kombiniert, haben wir aber beibehalten und weiterverfolgt. So entwickeln wir aktuell im Bereich Human Modelling und Animation Ansätze, die klassische Computergrafik-Verfahren mit echten Daten und KI kombinieren, um so Fotorealismus und Interaktivität zu vereinen. Auch im Bereich KI beschäftigen wir uns mit hybriden Ansätzen, um deren Vorteile miteinander zu kombinieren.

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche?

Ich denke, die Gründe hierfür sind vielschichtig. Ich erlebe es gerade bei meinem Sohn, dass Kinder immer noch mit Gender-Stereotypen konfrontiert werden. Mädchen fehlt bereits in der Schule das Vertrauen, sich mit Mathematik und Naturwissenschaften zu beschäftigen. Zugleich haben viele Mädchen falsche Vorstellungen von technischen Berufen und sind abgeschreckt. Hier braucht es schon von klein auf positive Rollenvorbilder, um Frauen zu motivieren, technische Berufe zu ergreifen. Andererseits passiert hier schon sehr viel. Es gibt STEM-Programme und Coding Sessions für Mädchen, gezielte Frauenförderprogramme etc.

Mädchen fehlt bereits in der Schule das Vertrauen, sich mit Mathematik und Naturwissenschaften zu beschäftigen.

Ein weiterer Grund ist meiner Meinung nach ein strukturelles Problem. Ich glaube, dass häufig auch die Arbeitsstrukturen und die Arbeitskultur dazu führen, dass Frauen die Tech-Branche eher verlassen als Männer. Frauen müssen sich an die männlich-geprägten Strukturen anpassen, um erfolgreich zu sein. Das kann anstrengend und frustrierend sein. Darüber hinaus stehen Frauen sich leider häufig selbst im Weg und trauen sich nicht so viel zu.

Welche Vorteile hätte es Deiner Meinung nach, wenn es mehr Frauen in der Tech-Branche gäbe?

Allgemein ist es sicher so, dass sich Vielfalt nur positiv auswirken kann.

Allgemein ist es sicher so, dass sich Vielfalt nur positiv auswirken kann. Gerade im Technologiebereich werden Innovationen durch unterschiedliche Sichtweisen und Lebenserfahrungen vorangetrieben. Technologische Entwicklungen haben einen enormen Einfluss auf unser aller Leben und unsere Gesellschaft. Nur wenn Frauen diese Technologien auch maßgeblich mitgestalten, können diese näher an den Nutzer gebracht werden. Aber hier trifft Vielfalt nicht nur in Bezug auf das Geschlecht zu.

Wie sieht die Zukunft aus – wird die Diversity-Debatte bald Geschichte sein?

Um den Strukturwandel voranzutreiben, ist es wichtig, dass mehr Frauen in technischen Berufen und in Führungspositionen arbeiten.

Ich mag das Wort Debatte im Zusammenhang mit Diversity nicht. Diversität ist ja nichts, was wir diskutieren müssen, allenfalls müssen wir darüber reden, wie wir es schaffen, die richtigen Strukturen zu schaffen, um mehr Vielfalt zu erreichen. Ich bin zuversichtlich, dass wir uns in die richtige Richtung bewegen, auch wenn uns diese Aufgabe sicher noch einige Jahre beschäftigen wird. Das Bewusstsein für Diversität und Geschlechterparität wächst. Männer sind zunehmend auch aktives Elternteil und übernehmen Care-Arbeit. Darüber hinaus ändert sich gerade die Art und Weise, wie wir arbeiten. So ein Strukturwandel braucht Zeit. Um ihn voranzutreiben, ist es wichtig, dass mehr Frauen in technischen Berufen und in Führungspositionen arbeiten.

Tipps & Tricks

Mein genereller Rat ist, keine Angst vor falschen Entscheidungen zu haben und sich von Labeln freizusprechen. Es ist ok, keinen Lebensplan zu haben. Die wenigsten wissen nach der Schule, wohin ihr Weg sie führt. Man sollte versuchen, mehr über die eigenen Interessen und Leidenschaften herauszufinden und diesen dann zu folgen. Mit der Entscheidung für ein Studienfach ist man noch nicht festgelegt, denn es gibt viele Wege und Abzweigungen.

Mein Rat speziell an Frauen: Traut Euch und seid selbstbewusst! Denn Frauen sind das oft weniger als Männer und bremsen sich selbst aus. Sie leiden häufiger am sogenannten „Impostor-Syndrom“: Selbst wenn Frauen tolle Erfolge erzielen, zweifeln sie an ihren Fähigkeiten und fürchten, irgendwann „aufzufliegen“. Ein Augenöffner für mich war, als mir eine Top-Entwicklerin bei Google, die einen PhD der University of Oxford vorweisen konnte, erzählt hat, dass sie jahrelang durch die ehrwürdigen Hallen ihrer Universität gelaufen ist und dabei dachte: „Bald merken sie hier, dass ich eigentlich gar nichts kann“. Also, traut Euch und vertraut Euren Fähigkeiten!

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