Interview mit Diana Breternitz, Senior UX Consultant

Women in Tech: „Es sollten mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten, wenn sie es sich wünschen dort zu arbeiten“
Keine Kommentare

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Diana Breternitz, Senior UX Consultant für MHP.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Diana Bretenitz

Diana Bretenitz

Nach fünf Jahren kreativer Arbeit als UX Architect in einer Digitalagentur ist Diana Breternitz als Senior UX Consultant für MHP tätig. Das Interesse für die Verbindung von Werbung/Marketing und neuen Technologien wurde während des Studiums an der Hochschule der Medien geweckt. Entsprechend liegt die Motivation ihrer Arbeit darin, neue Mittel und Wege zu finden, technische Anforderungen in eine attraktive und wertvolle User Experience zu übersetzen.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Am Anfang waren es eher zarte Bande, die ich mit dem klassischen Heimcomputer und Windows 95 geknüpft habe. Ich glaube wir als Familie gehörten zu den „Late Adoptern“ und hatten zu Beginn auch keinen Internetanschluss zu Hause auf dem Land. Aber Solitär, Minesweeper und andere Spiele auf CD-Rom und Diskette liefen ohne Internet und Hausaufgaben mit Word erledigen war auch kein Problem. Aber so richtig begeistert hatte mich das alles damals noch nicht… In der Schule konnten wir dann auch glücklicherweise einen Computerkurs besuchen, bei dem uns allgemeine Grundlagen vermittelt wurden. Aber das war auch noch nicht so catchy.

Interessant waren für mich jedoch der Kunstunterricht und die Spielkonsolen meines Bruders oder die von Freunden. Das klingt jetzt nach einer seltsamen Mischung, aber das hat mich in gewisser Weise beeindruckt und geprägt. So entschloss ich mich auch mein Fachabitur und meine spätere Berufsausbildung in dieser Richtung zu absolvieren: klassische Kunst, Gestaltungsprinzipien und digitale Medien. Zu dieser Zeit habe ich mir dann auch einen eigenen PC zugelegt und durch Zufall das MMORPG „World of Warcraft“ für mich entdeckt. Damit einher kam die Begeisterung für das Gestalten und Individualisieren meines Interface im Spiel und die Auswahl und Zusammensetzung der Hardware für meinen Rechner. Gaming, Science-Fiction und Fantasy in Film und Literatur wurden immer spannender für mich.

Später habe ich mich dann auch für ein Studium entschieden, welches verschiedene Aspekte der Kreativität und Technik vereint. Mein Weg hat mich dadurch über Werbung und Marketing hin zur Konzipierung und Umsetzungsbegleitung digitalter Produkte geführt. Dabei ist die Begeisterung für Kunst, Gaming, Sci-Fi und Fantasy geblieben und wurde eine wunderbare Inspirationsquelle.

Der Weg in den Beruf

Mein Karriereweg verlief eher in Schlangenlinien: Stetig vorwärts bewegen und dabei immer ein wenig die Richtung anpassen. Nach meiner klassischen Berufsausbildung zur Mediengestalterin war ich zunächst in einem medienpädagogischen Projekt rund um Computerspiele involviert. Anschließend arbeitete ich als Mediengestalterin in einer kleinen Unternehmensberatung, und konnte Privatpersonen auf dem Weg in ihrer Geschäftsneugründung begleiten. Aber irgendwie wollte ich etwas anderes…

Mein Karriereweg verlief eher in Schlangenlinien.

Ich habe überlegt Kommunikationsdesign an der Bauhaus-Universität zu studieren. Doch es kam anders und ich entschied mich meine Heimat Thüringen zu verlassen und in Stuttgart „Werbung und Marktkommunikation“ zu studieren. Durch diesen sehr vielfältigen Studiengang bin ich dann auch auf klassische und digitale Werbeagenturen aufmerksam geworden. Und siehe da, nach dem Studium habe ich in dieser Werbewelt für lange Zeit Fuß gefasst. Angefangen als Content Manager, über die Umsetzung von E-Learnings bis hin zur Konzeption kreativer Kampagnen und anderen digitalen Produkten. Es war eine sehr gute Zeit. Jedoch auch geprägt von einem Wandel, nicht nur der Medien an sich sondern auch der Anforderungen an meinen Beruf. Ein Wandel weg vom reinen Umsetzer, hin zur Beratung und Ausgestaltung der Anforderungen an die Umsetzung mit technischem Hintergrundwissen. Und so begann auch das neue Kapitel in meinem Berufsleben, welches ich mit MHP im Oktober 2018 aufgeschlagen habe.

Vorbilder und Unterstützer

Das ist schwierig: Privat waren immer meine Oma und Mutter davon überzeugt, dass ich es schaffe. Egal ob ich gerade unglücklich und weniger erfolgreich war oder total zufrieden. Manchmal sagt meine Oma auch „Ich bin stolz, dass du das geschafft hast. Ich bin auf alle meine Enkel stolz, dass aus ihnen etwas geworden ist.“ Im ersten Moment denkt man nicht weiter darüber nach, aber sie hat recht. Das fühlt sich gut an.

Beruflich hatte ich in den letzten Jahren immer das Glück großartige Vorgesetzte (ausschließlich Männer) zu haben. Ich empfand sie immer alle als Vorbild. Egal ob es darum ging sich an Aufgaben heranzuwagen, Dinge umzusetzen und zu präsentieren, Feedback zu geben und zu nehmen oder einfach eine bestimmte Wirkung auf Menschen zu haben. Ich nehme mir Eigenschaften von Ihnen als Vorbild, um daraus meine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.

Aber auch an (ehemaligen) Kollegen, Freunden und „mediale Persönlichkeiten“, egal ob Frau, Mann oder etwas dazwischen, finde ich immer wieder positive, faszinierende und inspirierende Eigenschaften, die ich mir gern als Vorbild nehme.

PS: Ich würde z. B. gern einmal mit Nikola Tesla, Elon Musk und Wonder Woman einen Kaffee trinken 😉

Ein Tag in Dianas Leben

Aktuell bin ich als Senior UX Consultant bei MHP tätig. Ich unterstütze, berate und setze vielfältige UI/UX-Themen und Projekte bei unserem Kunden, zusammen mit unseren Kunden um. Dabei erarbeite ich Präsentationen, Wireframes/Prototypen, User Flows und Journeys, Mock-Ups, Funktionsbeschreibungen, Usability Testing-Formate und unterstütze den Austausch bezüglich UI/UX in crossfunktionalen Teams.

Einen immer gleichen Arbeitstag habe ich nicht.

Einen immer gleichen Arbeitstag habe ich nicht, was ich gut finde. Zeitweise habe ich an mehr als einem Projekt gearbeitet, wodurch jeden Tag ein anderer Arbeitsort und Schwerpunkte auf der Agenda standen. Ganz schön spannend, manchmal auch ganz schön anstrengend. Aber immer gleich ist eigentlich der Morgen: Ich starte gern früher als andere, um mir in Ruhe mit einem Kaffee einen Überblick über den Tag, Tasks und meine Mails zu verschaffen. Danach bin ich bereit für unsere Dailys, Meetings und Fachsimpelein mit meinen Kollegen.

Darüber hinaus entwickle ich Konzepte/Prototypen/Funktionsbeschreibungen für digitale Anwendungen und setze diese dann mit Software Developern innerhalb eines crossfunktionalen Teams um. Vor ca. drei Jahren war das noch ein Novum für mich, da ich rein kreative Konzepte erstellt habe und weit weniger technisches Verständnis hatte als heute. Mit einem Projekt, dem Porsche Kundenportal „My Porsche“ (früher „Connect Portal“) hat sich das geändert. Ich musste das Fahrzeug, die Hard- und Software verstehen. Und wie es zu einem neuen Device für den Kunden, den User geworden ist. Damit ich daraus ein für ihn harmonisches und wertvolles Zusammenspiel aller Funktionen für Desktop- und Mobile-Applikationen entwickeln und gewährleisten konnte. Dadurch habe ich viel gelernt und bin tiefer in diese Materie eingetaucht.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Ich selbst bin kein reiner „Techi“, aber arbeite oft sehr eng mit ihnen zusammen (Frontend/Backend Developer, IT Leads, Technischer Product Owner, etc.) Im Laufe der Zeit sind es mehr Frauen geworden, die selbst als z. B. Software Developer arbeiten oder in diesem Umfeld tätig sind. So wie ich.

Hürden sind meines Erachtens sehr oft hausgemacht.

Hürden sind meines Erachtens sehr oft hausgemacht. Dass Frauen sich selbst Steine in den Weg legen (so wie ich) und denken, dass sie Dieses und Jenes nicht können oder dürfen. Und weniger Mut haben, eine Sache doch anzugehen, auszuprobieren. Weil wir oft Angst davor haben, etwas falsch zu machen.

Eine Sache wünsche ich mir zudem noch: Lasst die Kleinen viel mehr entscheiden, mit was sie sich beschäftigen wollen. Ein Mädchen möchte den Bausatz für den ersten eigenen Roboter und ein Junge möchte eigene Kleider entwerfen? Ja! Go for it. Es sind die vielfältigen Themen die uns prägen und uns ausmalen lassen, wohin wir in der Zukunft gehen wollen.

Frauen in MINT-Fächern

Es sollten mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten, wenn sie es sich wünschen dort zu arbeiten. Denn zwingen würde ich niemanden. Jedoch denke ich, dass es unvermeidlich ist. Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt zukünftig noch stärker verändern. Dadurch wird es unmöglich, sich selbst im Alltag nicht mit Tech-Themen zu befassen.

Für mich zählt das Können, die Persönlichkeit und auch das Potential.

Vorstellen kann ich mir aber, dass gerade die gefühlsbetonten Eigenschaften, wie ich sie eher an Frauen als an Männern beobachte, positiv auf die Entwicklung künstlicher Intelligenzen Einfluss haben kann. D. h. Sympathie, Empathie, verschiedenste Emotionen und Gefühle die das Menschsein ausmachen, können bei der Entwicklung und Gestaltung einer AI, eines Charakters, besser einbezogen werden, wenn Frauen Teil eines interdisziplinären Entwickler-Teams sind.

Ich hoffe, dass die Diversity-Debatte bald Geschichte sein wird. Für mich sind zum Beispiel Herkunft und Geschlecht (m/w/d) einer Person egal. Was zählt sind Können, Persönlichkeit und auch Potential. Das Potential zu lernen, sich weiterzuentwickeln, innovativ und auch ein bisschen verrückt zu sein. Entsprechend sollte auch jeder bezahlt und gefördert werden. Dazu bedarf es manchmal auch, dass man die Menschen etwas besser kennen lernt und auch denen eine Chance gibt und mit Wertschätzung begegnet, die nicht sofort am lautesten bellen.

Hindernisse

Ich würde nicht sagen, dass man mir Steine in den Weg gelegt hat. Wenn dann waren es Regeln, Restriktionen oder Hierarchien, die mich daran gehindert haben, Dinge zu tun oder anzugehen bzw. die es mir nicht erlaubt haben Dinge zu tun oder anzugehen. Und oft war ich es selbst, die sich Steine in den Weg gelegt hat: Das schaffst du nicht. Deine Fähigkeiten reichen dazu nicht aus. Du bist nicht mutig genug. Das darfst du doch gar nicht. Solche Gedanken haben mich blockiert, blockieren mich teilweise immer noch. Obwohl sie viel zu oft nicht stimmen und obwohl ich inzwischen weiß: „Einfach mal machen!“

„Einfach mal machen!“

Stellt man sich als Frau selbst unter ein kleines Licht, so nehmen einen die anderen (Kollegen, Kunden) auch so war. Dinge wie „Ich nehme dich nicht ernst.“ habe ich in der Vergangenheit selbst schon gehört (hauptsächlich auch im technischen Kontext). Oder es wird einem nicht richtig zugehört in einer Diskussion. Nur damit eine Minute später von jemand anderem (meist männlich) die gleichen Worten wiederholt werden und alle hören zu, stimmen zu.

Nicht dass wir alle zu Hochstaplern und Dummschwätzern mutieren sollen. Es geht darum sein Wissen und Können nicht zu verstecken. Sich zu trauen sichtbar zu werden, Dinge laut zu äußern. Einfach mal zu machen. Das heißt auch Fragen zu stellen: Wie funktioniert dies? Wie hängt jenes zusammen? Besonders im technischen Kontext. Denn nur dann kann man sich auch notwendiges Wissen aneignen und mitreden.

Tipps & Tricks

Seid immer wieder neugierig, stellt Fragen, habt Eier.

Lasst euch nicht mit halben und zu einfachen Antworten abspeisen.

Denn wenn du selbst etwas nicht weißt, dann ist es absolut in Ordnung jemanden zu Fragen, der es weiß und es dir erklären kann. Aber das muss auf Augenhöhe passieren. Wenn ihr merkt, dass es in eine unangenehme Richtung läuft, z. B. so wirkt als erkläre jemand einem dummen kleinen Mädchen die Welt, dann sprecht es an! Lasst euch nicht mit halben und zu einfachen Antworten abspeisen. Fragt aber auch zweimal oder dreimal, wenn euch Dinge unklar sind und erläutert, was und warum ihr es noch nicht ganz verstanden habt. Seid ehrlich aber bestimmt. Eine Sache noch: Entschuldigt euch nicht permanent für alles… Ich weiß selbst, wie schwer das umzusetzen ist. Sorry!

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

avatar
400
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu:
X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -