Interview: Karen Hoyos, Backend-Entwicklerin im Babbel Payment-Team

Women in Tech: „Diversität sollte auf jedem Level präsent sein“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Karen Hoyos, Backend Software Engineer im Babbel Payment-Team.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Women in Tech: Karen Hoyos

Karen Hoyos arbeitet als Backend Software Engineer in Babbels Payment-Team. Ursprünglich war sie Sozialarbeiterin, verließ dann jedoch Spanien und brach nach Frankreich auf, um in der Reisebranche zu arbeiten. Das führte sie nach Berlin, wo sie die letzten 5 Jahre gelebt hat. In 2018 absolvierte sie ein Full Stack Developer Bootcamp und schloss sich anschließend Babbel an. Dennoch trägt sie weiterhin ihre Sozialarbeiter-Kappe, indem sie sich ehrenamtlich in verschiedenen Projekten engagiert, die Frauen das Programmieren beibringen.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Vor einigen Jahren wusste ich, dass ich mich verändern wollte. Aber ich hatte keine Ahnung, in welche Richtung es gehen sollte.

Ich hatte überlegt, wieder an die Universität zu gehen, um einen Master-Abschluss zu machen. Doch ich verwarf den Gedanken wieder, als ich feststellte, dass die meisten Master-Studiengänge, die für mich von Interesse waren, mindestens 2 Jahre für einen Abschluss benötigen würden. Daraufhin öffnete ich die MeetUp-Seite, um zu sehen, was gerade in Berlin stattfindet. Ich stolperte über einen kostenlosen Coding Day und entschied mich dazu, mich anzumelden und hinzugehen. Nach diesem Tag wusste ich, dass ich Entwicklerin werden wollte. Ich war fasziniert von dem, was ich innerhalb nur weniger Stunden erreicht hatte, ohne vorher Erfahrung auf dem Gebiet gehabt zu haben. Während der Veranstaltung kam ich mit verschiedenen Leuten ins Gespräch, die allesamt mit dem Coden angefangen hatten, ohne einen Informatikabschluss gemacht zu haben. Das zeigte mir, dass man Coden erlernen kann.

Das sofortige Belohnungsgefühl, das man erlebt, wenn der eigene Code funktioniert, hat mir ganz besonders gut gefallen. Ich stellte ebenfalls fest, dass die Informatik ein weites und sich ständig veränderndes Feld ist, sodass ich damit beschäftigt sein würde, zu lernen und mich zu verbessern. Das hatte ich schon seit einiger Zeit vermisst.

Nach diesem Coding Day entschloss ich mich dazu, meine Festanstellung zu kündigen und mich für ein neunwöchiges Coding Bootcamp anzumelden.

Wie bist du zu deinem aktuellen Job gekommen und was für Schwierigkeiten gab es auf dem Weg dorthin?

Ich habe Soziale Arbeit studiert, was nicht mit Technologie zusammenhängt. Schon als Kind hatte ich den Wunsch, einen Beruf zu ergreifen, bei dem ich etwas für die Menschen um mich herum bewirken kann. Zuerst habe ich mit Patienten gearbeitet; jetzt arbeite ich mit Benutzern, um ihnen zu helfen. So oder, ich arbeite auf Dinge zu, bei denen ich sehen kann, welche Wirkung meine Arbeit entfaltet.

Das sofortige Belohnungsgefühl, das man erlebt, wenn der eigene Code funktioniert, hat mir ganz besonders gut gefallen.

Was mir am meisten an der Webentwicklung gefallen hat, als mich dazu entschloss, den Beruf zu wechseln, war die große Zahl an Möglichkeiten, die dieser Bereich bot. Ich wusste, dass ich laufend dazu lernen, von einer Technologie zur anderen wechseln und mich stetig verbessern kann.

Das Coden zu lernen war kein einfacher, leichter Weg. Es gab immer wieder Momente, die frustrierend waren, aber ich habe kein einziges Mal an meiner Entscheidung gezweifelt, mit dem Coden anzufangen. Was mich zum Weitermachen bewegte (und es immer noch tut), war das Wissen, dass eine spannende Zukunft vor mir liegt, in der ich viele neue Technologien erlernen werde.

Vorbilder und Unterstützer

Keiner aus meiner Familie oder näheren Freundeskreis arbeitet in der IT, deswegen gab es niemanden, mit dem ich während des Boot Camps hätte sprechen können, außer den Lehrern selbst. Ich habe regelmäßig mit ihnen über den Lernprozess gesprochen. Das war das Gute am Boot Camp, denn die Lehrer und ihre Assistenten waren allesamt ehemalige Absolventen, die dieselben Erfahrungen wie ich gemacht hatten, weswegen es mir sehr leicht fiel mit ihnen zu reden.

Hat jemals jemand versucht, dich vom Lernen oder deinem beruflichen Weg abzuhalten?

Meine Familie, insbesondere meine Eltern, waren sehr besorgt, als ich meine Festanstellung gekündigt hatte, da eine solche Stelle, trauriger Weise, in Spanien nicht üblich ist. Sie machten sich Sorgen, dass ich nach dem Boot Camp keine Arbeit finden würde. Sie hatten mich niemals wirklich davon abgehalten, aber sie haben ihre Bedenken geäußert. Ihre Bedenken waren verständlich, da sie diesen Bereich nicht gut kennen.

Mein Freund hingegen war sehr unterstützend, sodass es sehr hilfreich während des Lernens war, nach einem langen Tag des Codens nach Hause zu kommen und seine Unterstützung zu haben.

Ein Tag in Karens Leben

Ich arbeite bei Babbel als Backend Software Engineer. Babbel ist ein Anbieter für Sprachkurse und ich bin Teil des Zahlungs-Teams. Wir kümmern uns um die Integration der verschiedenen Zahlungsdienstleister, die wir anbieten, integrieren neue Währungen und Zahlungsmethoden in das Produkt, arbeiten eng mit dem Marketing zusammen, um Kampagnen zu starten, usw.

Was mir am meisten an der Webentwicklung gefallen hat, war die große Zahl an Möglichkeiten, die dieser Bereich bot.

Wir arbeiten in zweiwöchigen Sprints, für die wir festlegen, welchen Schwerpunkt sie haben sollen und welchen Aufgaben wir Priorität einräumen. Wir erarbeiten die Prioritäten unter Berücksichtigung der Zeitvorgaben; dementsprechend übernehmen wir Aufgaben entweder einzeln, zu zweit oder in Gruppen. Nach den zwei Wochen haben wir eine so genannte Retrospektive, in der wir über den Sprint sprechen, was gut und was nicht funktioniert hat und Dinge, von denen wir meinen, dass wir sie besprechen müssen.

Worauf bist Du in Deiner Karriere besonders stolz?

Ich bin noch ziemlich neu in der Branche (fast 2 Jahre), aber ich bin stolz darauf, dass ich Mentorin geworden bin und denke, dass meine Erfahrung andere Menschen dazu inspirieren kann und ihnen zeigen kann, dass es möglich ist, ihre berufliche Laufbahn zu ändern.

Ich bin jetzt seit zwei Semestern Lehrerin an der ReDI-Schule. Ich gehöre zum Frauenprogramm und wir unterrichten die Grundlagen der Programmierung mit Python. Ich bin erstaunt über die Zahl von Frauen, die sich für das Programmieren interessieren. Wir haben so eine vielfältige Gruppe, was das Alter und den Hintergrund betrifft. Letztes Semester hatten wir sogar eine Mutter und eine Tochter, die zusammen in den Unterricht kamen. Es macht mich glücklich, dass einige von ihnen in der ReDI-Schule mit Programmierkursen für Fortgeschrittene weitermachen.

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche?

Von außen betrachtet kann die Tech-Industrie wie ein hochgradiges Wettbewerbsfeld für nur leistungsstarke Menschen erscheinen, was meiner Meinung nach nicht stimmt. Außerdem wird die Programmierung als sehr mathematisches Gebiet angesehen, was ebenfalls nicht stimmt. Einige Leute können sich davon eingeschüchtert fühlen und dies nicht als eine berufliche Laufbahn für sich sehen.

Herausforderungen & Hindernisse

Glücklicherweise kann ich sagen, dass ich nicht auf Hindernisse gestoßen bin. Meine Kollegen haben mir keine Sonderbehandlung zukommen lassen oder ihre Antworten beschönigt, weil ich eine Frau bin. Es stimmt, dass dieser Bereich immer noch sehr männlich dominiert ist, so dass sich die Sprache hauptsächlich an männliche Kollegen richtet und man sieht, dass die Dokumentation einen sehr männlichen Bias hat. Aber ich möchte glauben, dass mit mehr Frauen, die in diesem Bereich arbeiten, diese Idee, von ausschließlich männlichen Programmierern, langsam verblassen wird.

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Was mir bei Konferenzen aufgefallen ist, ist, dass einige Männer immer noch überrascht sind, wenn sie einen sehen. In den Pausen sieht man lange Schlangen für die Herrentoilette, während die Damentoiletten leer sind. Leider sieht man immer noch selten Frauen auf der Bühne, die technische Vorträge halten, aber wir kommen langsam voran. Vergleichbare Reaktionen wie auf Konferenzen habe ich erlabt, wenn man neue Leute kennenlernt und die Berufe miteinander vergleicht. Es gab eine Menge überraschte Gesichter, als ich über meinen Beruf sprach und Leute annahmen, dass ich eine Frontend-Entwicklerin sei, nur weil ich eine Frau bin und man Frauen für kreativer hält.

Sähe die Welt mit mehr Frauen in MINT-Berufen anders aus?

Ich glaube, dass sich die Diversität im Allgemeinen nachweislich positiv auf das Arbeitsumfeld auswirkt. Es ist großartig, Kollegen zu haben, die aus einem völlig anderen Umfeld kommen, und wie man diese Vorkenntnisse und Erfahrungen in diesem Bereich nutzen kann.

Was mir bei Konferenzen aufgefallen ist, ist, dass einige Männer immer noch überrascht sind, wenn sie eine Frau dort sehen.

Ich glaube auch, dass wir mit dem Stereotyp des Programmierers brechen, indem wir diversere Teams haben, in denen Menschen aus unterschiedlichen Hintergründen ihre gemeinsame Leidenschaft für das Programmieren finden.

Die Diskussion über Diversität nimmt Fahrt auf. Wie lange wird es dauern, bis wir Ergebnisse der aktuellen Debatte sehen?

Ich halte es für notwendig, dass Unternehmen Diversität als vorteilhaft betrachten.

Meiner Meinung nach sollte die Diversität in jedem Teil des Unternehmens präsent sein, nicht nur beim Einstellen von Entwicklerinnen, sondern auch beim Befördern dieser Frauen zu technischen Führungskräften, Engineering Directors und so weiter. Wenn wir nur unsere Teams vielseitiger machen, machen wir das Unternehmen nicht vielseitiger, da die Diversität auf allen Ebenen vertreten sein sollte. Wenn man über Diversität spricht, spricht man auch über Inklusion; man sollte nicht einfach eine Frau einstellen, nur um die Daten des Unternehmens zu verbessern, wenn man sie nicht einbezieht und sie sich innerhalb des Unternehmens entwickeln lässt.

Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen bringen frische Ideen ein, Ideen, von denen wir alle profitieren können.

Ich sehe auch, dass die Branche die Anforderungen an ihre Mitarbeiter langsam verändert. Man kann in den Stellenangeboten sehen, dass immer weniger Unternehmen nach Kandidaten mit einem Informatik-Abschluss suchen. Tech-Unternehmen interessiert es nicht, wo und wie man die für die Stelle erforderlichen Fähigkeiten erworben hat, solange man sie hat! Das ist etwas, dass sich mit der Öffnung des Felds für mehr unterschiedliche Leute ergeben hat.

Es ist wichtig, zu wissen, dass es viele Unternehmerinnen gibt, die sich entscheiden, ihr eigenes Unternehmen zu gründen, und sie sollten gleichen Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten haben.

Tipps & Tricks

Ich würde sagen, dass jede/r programmieren lernen kann; man kann den Beruf wechseln, wenn man das will, aber man sollte sicher sein, dass es auch das ist, was man möchte. Es geht nicht nur darum Konzepte und Syntax zu lernen, sondern man muss seine ganze Denkweise ändern, die Art, wie man an Herausforderungen herangeht und Probleme löst. Das ist für mich der schwierigste Teil des Programmierens, deswegen muss man sich absolut sicher sein, dass man diesen Weg gehen will.

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Man sollte ebenfalls die zahlreichen Onlineressourcen nutzen, einen Mentor finden, an einem Projekt arbeiten, das für einen selbst von Bedeutung ist und üben, üben, üben! Oft sprechen die Leute über die Coding-Gemeinschaft; geht auf MeetUps, werdet Teil einer Lerngruppe in eurer Stadt oder stellt selbst eine auf die Beine! Ihr werdet euch wundern, wie viele Menschen sich für das Programmieren interessieren.

Was mir am meisten an der Programmierung gefällt, ist, dass viele Unternehmen nicht auf Ihr Diplom schauen, sondern auf die Fähigkeiten und Persönlichkeit. Sie konzentrieren sich nicht darauf, wie man sein Wissen erworben hat, sondern mehr darauf, was man tatsächlich tun kann. Bei den Vorstellungsgesprächen geht es um die eigenen Fähigkeiten, ohne dass man sich seinem zukünftigen Arbeitgeber verkaufen muss; etwas, das mir sehr schwer fällt.

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