Interview mit Kelly Mathieson, Chief Client Experience Officer bei Digital Asset

Women in Tech: „Du selbst bist die beste Autorin deiner Karriere“
Keine Kommentare

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Interview mit Kelly Mathieson, Chief Client Experience Officer bei Digital Asset

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Kelly Mathieson, Chief Client Experience Officer bei Digital Asset

Kelly Mathieson ist Chief Client Experience Officer für Digital Asset, die Erfinder der DAML-Smart-Contract-Programmiersprache und Pioniere im Bereich der Blockchain-Technologie. Vor ihrer Tätigkeit bei Digital Asset war Kelly Mathieson 26 Jahre bei J.P.Morgan und 3 Jahre bei Goldman Sachs in den Bereichen Securities Services, Clearing und Brokerage tätig. Zudem ist Kelly ist Mitglied des Aufsichtsrats der Susan-G.-Komen-Stiftung für den Großraum New York City.

Was hat dein Interesse für Technik zuerst entfacht?

Ich beschäftige mich zwar seit Jahren mit Technologie und arbeite derzeit auch bei dem Technologieunternehmen Digital Asset, aber ich bin eigentlich keine Technologin. Doch während meiner gesamten Laufbahn in der Finanzdienstleistungsbranche war jede Position, die ich je innehatte, stark auf die in der Betriebsumgebung verwendete Technologie angewiesen, d. h. auf die Algorithmen, die für den Handel mit Finanzprodukten verwendet werden, oder auf die Systeme, die für das Clearing und Abwickeln von Geschäften verwendet werden, oder auf die Software, die für die Kundenbetreuung eingesetzt wird.

Ich habe während meiner Karriere in der Finanzdienstleistungsbrachne zukunftsweisende Ereignisse erlebt, wie dem Börsencrash von 1987, den Aufstieg des Online Brokers, die erste Internetblase und ihr Ende am 11. September 2001 und dessen Auswirkungen auf die globale Finanzwelt, bis hin zur Weltfinanzkrise von 2007 und 2008. In jeder dieser Situationen oder Krisen spielte die Technologie eine wichtige, wenn nicht gar essenzielle Rolle.

Nachdem ich 30 Jahre lang in einer Branche gearbeitet hatte, die so stark auf Technologie angewiesen ist und so sehr darunter litt, dass die Technologie nicht wie beabsichtigt funktionierte, wollte ich Teil eines Teams sein, das die Art und Weise veränderte, wie das Finanzgeschäft betrieben wurde. Deswegen schloss ich mich Digital Asset an.

Hattest du Unterstützung? Wie sieht es mit Vorbildern aus?

Ich betrachte mich selbst als einen jener glücklichen Menschen, die ein starkes Netzwerk über verschiedene Standorte, Stellen und Branchen hinweg aufgebaut haben. Meine Vorbilder sind meine Familie, Freunde und Kollegen und Kolleginnen, die es mir ermöglichen, Feedback zu bekommen, um entweder meine Perspektive zu verbessern oder mich bei einer wichtigen Entscheidung unterstützen, indem sie mir andere Perspektiven vorschlagen, nach denen ich die Situation analysieren und mir meine Meinung bilden kann.

Man ist zu jedem Zeitpunkt die Gesamtsumme seiner Erfahrungen. Deshalb wird das, was man morgen zu tun vermag, niemals dem entsprechen, wozu man heute fähig ist.

Hat man dir bewusst Steine in den Weg gelegt?

Was man morgen zu tun vermag, enstpricht nie dem, wozu man heute fähig ist.

Es gab weder eine bestimmte Person noch einen Moment in der Vergangenheit, die mich davon abgehalten hätten, die Richtung einzuschlagen, in die ich beruflich gehen wollte. Aber ich habe ein abschreckendes Beispiel dafür, warum man sich in seiner Karriere nicht in eine Schublade stecken lassen sollte.
Nach der Finanzkrise in 2008, hatte ich das Glück, an einigen der eher transformativen Markt- und Regulierungsinitiativen beteiligt sein zu können, die darauf abzielten, Finanzdienstleistungen zu stabilisieren und sicherzustellen, dass sich ein solches Ereignis nie wieder abspielen würde. Auf diese Erfahrung würde ich niemals verzichten wollen, doch da ich eine so herausragende Rolle spielte, wurde ich dadurch in gewisser Weise definiert. Es wurde davon ausgegangen, dass ich für den Rest meiner Karriere in dieser Rolle bleiben würde. Daraus habe ich gelernt, dass man gewillt sein muss für seine persönliche Marke zu werben und Fähigkeiten hervorzuheben, die einen über seine derzeitige Rolle hinaus positionieren. Man ist zu jedem Zeitpunkt die Gesamtsumme seiner Erfahrungen. Deshalb wird das, was man morgen zu tun vermag, niemals dem entsprechen, wozu man heute fähig ist.

[marketing_widget_area 1]

Ein Tag in Kellys Leben

Ich bin Chief Client Experience Officer bei Digital Asset. Das Kernstück unseres Service-Angebots ist DAML, eine Open-Source- und plattformunabhängige smart-contract-Sprache, die es Entwicklerninnen ermöglicht, eine verteilte Anwendung einmal zu schreiben und sie auf einer Vielzahl von Plattformen einzusetzen, von verteilten Konten bis hin zu traditionellen Datenbanken.

Bei Digital Asset leite ich das Team, das die Kunden unterstützt und es ihnen ermöglicht, Technologie und Partnerlösungen von Digital Asset zu nutzen, um die nächste Generation von verbundenen Anwendungen zu erstellen. Dies umfasst alles von der Ausarbeitung einer Strategie zur Verwendung von DAML für einen bestimmten Anwendungsfall oder ein Geschäftsproblem, über die Unterstützung bei der Visualisierung des ersten Applikationsprototyps oder einer Demo, die Kunden bei der Zusammenarbeit und Interaktion mit Dritten unterstützt, wie etwa Regulierungsbehörden, Marktteilnehmern oder deren Kunden, bis hin zur Hilfe bei der Auswahl aus einer Reihe von Lösungen, die wir zusammen mit unseren Partnern anbieten.

Warum gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Frauen in der Technik müssen darauf achten, dass sie sich konsequent profilieren, unabhängig vom Geschlecht.

Während meiner mehr als 30-jährigen Karriere war Diversität ein Thema in der Branche, sei es an der Börse in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren, dem Durchbrechen von Glasdecken im Finanzdienstleistungsbereich oder bei der Schaffung von mehr Chancen für Frauen in Führungspositionen. Die Diversität in der Belegschaft ist für den Geschäftserfolg ebenso wichtig wie für die persönliche Selbstbestimmung. In unzähligen Studien wurde nachgewiesen, dass diversifizierte Belegschaften wettbewerbsfähigere Unternehmen hervorbringen, die bessere Produkte und Dienstleistungen anbieten.

Dennoch gibt es noch viele Herausforderungen, die wir bewältigen müssen. Wenn Frauen in eine Organisation eintreten, in der Frauen in den Technologie-Rollen nur schwach vertreten sind, werden sie sofort als anders gebrandmarkt und nicht nach ihren tatsächlichen Fähigkeiten und Erfahrungen beurteilt. Das erfordert, dass Frauen auf allen Ebenen härter arbeiten müssen, um sicherzustellen, dass sie nicht als weibliches Teammitglied, sondern vielmehr als herausragende Leistungsträgerinnen angesehen werden. Frauen in der Technik müssen darauf achten, dass sie sich konsequent profilieren, unabhängig vom Geschlecht.

Welche Hindernisse müssen Frauen in der Tech-Branche überwältigen?

Unternehmen müssen alternative oder diversifizierte Wege in leitende Tech-Positionen in Betracht ziehen.

Die Hindernisse, mit denen wir als Frauen in der Technologie konfrontiert sind, beginnen schon früh in unserem Bildungssystem. Die meisten Programme in den Bereichen Technologie, Naturwissenschaften, Ingenieurwesen und Mathematik ziehen eher Männer als Frauen an, insbesondere auf höherem Bildungsniveau. Wir müssen in diesen Studienbereichen Lehrpläne schaffen, die beide Geschlechter ansprechen – von der Grundschule über die Hochschule bis hin zu Postgraduiertenprogrammen.

Als führendes Unternehmen in der Technologiebranche müssen wir ein echtes Verantwortungsgefühl für die Schaffung dieses Weges für Mädchen ab der Grundschulebene haben. Wir müssen auch sicherstellen, dass die Technologieunternehmen bewusst darauf hinarbeiten, weibliche Bewerberinnen anzuziehen, vor allem durch die Eliminierung männlich dominanter „Tech-Bro“-Kulturen. Das fängt damit an, wie Stellenbeschreibungen geschrieben werden und welche Arten von Karrieremöglichkeiten und Karrierewege mit weiblichen Mitarbeitern diskutiert werden. Darüber hinaus müssen die Unternehmen flexible Arbeitsumgebungen bieten, die sowohl berufstätige Mütter als auch Väter unterstützen, damit Frauen das gleiche Potenzial für Karrieremöglichkeiten haben wie ihre männlichen Kollegen.

Nach meiner eigenen Erfahrung müssen Unternehmen auch alternative oder diversifizierte Wege in leitende Technologiepositionen in Betracht ziehen. Abschlüsse in Informatik und Mathematik sollten keine Vorbedingungen für das Erreichen einer leitenden Technologieposition sein. Ich kenne viele Technologieführer, die aus Bereichen wie Finanzen und Kundenbetreuung kamen. Ein vielfältiger beruflicher Hintergrund ermöglicht es Ihnen, eine einzigartige Perspektive in eine Organisation einzubringen, die verschiedene Bereiche des Unternehmens auf der Suche nach den praktischsten und kundenorientiertesten Technologielösungen zusammenführen kann.

Wie sähe unsere Welt aus, wenn mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten würden?

Ich glaube fest daran, dass die Welt ein besserer Ort ist, wenn Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven, Hintergründen und Erfahrungen zusammengebracht werden, um eine Herausforderung oder ein Problem zu lösen. Frauen bringen eine frische Stimme in jede Initiative ein und sei es nur, weil unsere Perspektiven unterschiedlich sind.

Wir müssen die Schülerinnen und Schüler in der Grundschule, in der Mittelstufe und in der Oberstufe ermutigen, ihre eigenen Wege zu definieren und dabei helfen, MINT-Themen und -Lehrpläne zu entwickeln, die sie dazu inspirieren, mit Leidenschaft und Ausdauer eine technologische Karriere zu verfolgen. Wenn wir das tun, wird es in nur einem Jahrzehnt oder einer Generation soziale, wirtschaftliche und kulturelle Auswirkungen von undefinierbarer positiver Qualität geben, einfach weil wir die Tür zu einer diversifizierteren Belegschaft geöffnet haben, die ihre intellektuelle Kraft zur Lösung der größten Herausforderungen der Welt einsetzt.

Man muss nicht alles wissen, sondern nur woher man es bekommen kann und wen man fragen muss!

Die Debatte über Diversität nimmt an Fahrt auf, wann glaubst du, wird man Ergebnisse sehen können?

Im Laufe meiner Karriere habe ich schon Ergebnisse gesehen, aber offensichtlich nicht genug, um die Debatte zu beseitigen und es gibt noch viel mehr zu tun. Wie ich schon sagte, habe ich mich mein ganzes Berufsleben lang mit Diskussionen über die Geschlechterdiversität beschäftigt und ich habe schon lange aufgehört, darüber zu spekulieren, wann sie nicht mehr nötig sein werden. Ich war noch nie in einem Unternehmen, das sich nicht darauf zu konzentrieren brauchte und nicht davon profitierte.

Kannst Du Frauen, die eine Tech-Karriere anstreben, einen Rat geben? Was sollten sie über die Branche wissen?

Als erstes müsst ihr dazu bereit sein, wirklich hart zu arbeiten. Wartet nicht darauf, bis sich euch eine Gelegenheit bietet, sondern verfolgt sie aktiv. Du selbst bist immer noch die beste Autorin deines eigenen Karriewegs. Die Gesamtsumme eurer Erfahrungen macht euch aus und ihr müsst euch entsprechend präsentieren. Letztlich ist es sehr wichtig, dass ihr ein Netzwerk von Einflussnehmern aufbaut, denn eine weise Person sagte mir einst: „Kelly, du musst nicht alles wissen. Du musst nur wissen, woher du es bekommen kannst und wen du fragen musst.

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments
X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -