Interview mit Dr. Kim Nilsson, Mitbegründerin und CEO von Pivigo

Women in Tech: „Es fehlt uns an Vorbildern sowie an Unterstützung auf jedem Schritt dieses Weges“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Dr. Kim Nilsson, Mitbegründerin und CEO von Pivigo.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Women in Tech: Dr. Kim Nilsson, Mitgründerin und CEO von Pivigo.

Dr Kim Nilsson

Kim hat einen wissenschaftlichen Hintergrund. Sie verfügt über einen Doktor in Astrophysik und einen MBA-Abschluss von der Cranfield School of Management. Außerdem ist sie Mitgründerin und CEO des Data Science Hub Pivigo. Pivigo ist eine Art Marketplace für Data Science, der Organisationen dabei helfen soll, innovative Arten der Datennutzung umzusetzen. Dies geschieht über die individuelle Vernetzung mit einer globalen Community freischaffender Data Scientists. Pivigo betreibt außerdem Europas größtes Trainingsprogramm für Data Sience, S2D2.

Kim und ihr Team bei Pivigo bringen Unternehmen und Wissenschaftler zusammen. Durch die Kooperation soll eine Brücke zwischen den beiden Feldern geschlagen werden, um die Potentiale von Daten  besser auszuschöpfen. Seit dem Launch von Pivigo wurde Kim zum „Rising Star“ unter den Top 100 Big-Data-Influencern ernannt und hat vor Kurzem die Auszeichnung „Entrepreneur des Jahres“ bei den Women in IT Awards erhalten. Kim hat eine Leidenschaft für Daten und Menschen sowie dafür, beides miteinander zu verbinden.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Seit ich mich als Teenager in die Astronomie verliebt habe, interessiere ich mich für Technologie. Als Kind war ich immer neugierig und wollte wissen, wie Dinge funktionieren. Meine Mutter erzählt gerne, wie ich als kleines Kind eine Verbindung zwischen Nebel und Wasserdampf in der Dusche herstellte. Ein Physik-Studium und der anschließende Wechsel in den Bereich der Datenanalyse und Informationstechnik war die natürliche Konsequenz dieser Neugierde.

Ein Tag in Kims Leben

Heute bin ich CEO von Pivigo, einer Data-Science-Firma, die ich vor sechs Jahren mitgegründet habe. Als CEO eines schnell wachsenden Unternehmens gibt es eigentlich keinen „typischen Tag“. Ich habe meine Hände überall mit drin und bin in alle Bereiche, von Sales, Marketing und PR über Operations bis hin zur Produktentwicklung, involviert. Ich treffe gerne Kunden und Partner aus unserem Netzwerk, um ihre Herausforderungen und die Art, wie wir ihnen helfen können, zu verstehen. Es macht mir Spaß, unsere Data-Science-Community aufzubauen, beispielsweise über unser Trainingsprogramm für Data Science, mit dem wir Akademiker wie mich selbst beim Übergang von der wissenschaftlichen Arbeit zu einem Job als Data Scientist unterstützen. Es ist ein bereicherndes Gefühl, der Community, aus der ich selbst komme, etwas zurückzugeben.

Ein unterstützendes Umfeld

Meine Familie, insbesondere mein Mann, unterstützte mich immer sehr. Ohne ihn wäre ich nicht dort, wo ich jetzt bin. Als ich mit meinem Job unzufrieden war, hat er mich ermutigt, mir etwas anderes zu suchen. Wenn ich nachließ, hat er mich weiter angespornt. Als ich mein eigenes Unternehmen gründen wollte, hat er hart dafür gearbeitet, alle Rechnungen mit einem Gehalt bezahlen zu können. Immer wenn ich mich über geschäftliche Herausforderungen beklagt habe, hörte er zu und bot mir seinen Rat an.

In puncto Vorbilder schaue ich oft auf die Frauen in meiner Familie zurück. Ich bin die vierte Generation in meiner Familie, die als Unternehmerin tätig ist. Die Frauen vor mir gingen allesamt neue Wege, um für sich und ihre Familien zu sorgen. Wird es einmal schwieriger, erinnere ich mich daran, dass es für sie noch schwieriger war – das macht mich stärker!

Gab es Hindernisse auf deinem Weg?

Es fehlt uns an Vorbildern sowie an Unterstützung auf jedem Schritt dieses Weges.

Im Alter von 13 Jahren gab es eine Nacht, in der ich keinen Schlaf fand. Ich sah auf zu den Sternen und fragte mich, warum sie nachts funkeln. Am nächsten Tag ging ich in die Bibliothek, lieh mir ein Buch über Astronomie aus und wollte fortan Astronomin werden. Dafür folgte ich einem geradlinigen Pfad, durch die Schule, durch die Universität und zu meinem Doktortitel in Astrophysik.

Interessanterweise schlug meine Karriere bereits nach wenigen Jahren als Wissenschaftlerin eine neue Richtung ein. Ich gestand mir selbst ein, dass ich mir mehr Freude von meiner Arbeit erhofft hatte und entschied, die akademische Welt zu verlassen. Das entpuppte sich als große Herausforderung, da niemand aus der Industrie eine Ex-Astronomin einstellen wollte. Mein Weg führte mich, nach einigen Richtungswechseln, einen MBA im UK eingeschlossen, schließlich zur Gründung meines eigenen Unternehmens. Unter den Hindernissen, die ich überwinden musste, waren meine eigene Angst vor dem Unbekannten, Vorurteile gegenüber Akademikern und das Fehlen eines Business-Netzwerks, auf dem ich hätte aufbauen können.

Im Allgemeinen denke ich, ich hatte Glück, bisher sehr unterstützende Mentoren und Manager in meinem Leben getroffen zu haben. Ich war immer sehr kreativ bei meiner Arbeit und wollte stets etwas verbessern, von dem ich dachte, es könnte verbessert werden. Ich denke, es gab nur einen Mann in meiner Vergangenheit, der damit unglücklich war, und mich „zurück in eine Box“ drängen wollte. Er wollte beispielsweise, dass ich Aufgaben ohne Nachfragen erledigte, wenn er sie mir gab. Dass ich schnell weiterzog, bedarf keiner Erwähnung.

Worauf bist du in deiner Karriere besonders stolz?

Ich bin sehr stolz darauf, mich zweimal zu drastischen beruflichen Veränderungen getraut zu haben. Zuerst als ich die Wissenschaft, die ein relativ sicheres Arbeitsumfeld ist, verließ, um nach etwas Erfüllendem zu suchen. Zum zweiten Mal, als ich zustimmte, den Sprung wagte und mit meinem Mitgründer Jason ein eigenes Unternehmen gründete. Beide Male gab ich einen sicheren Job und eine sichere Zukunft für etwas Unbekanntes auf. Doch in beiden Fällen stellten sich diese Entscheidungen als die besten heraus, die ich in meinem Leben getroffen habe. Ich habe sie an keinem einzigen Tag bereut. Das ist einer meiner wichtigsten Ratschläge für junge Berufstätige da draußen: Wenn du in einem aktuellen Job nicht glücklich bist, riskiere es, such dir etwas Neues!

Warum gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Ich denke, da gibt es ein strukturelles Problem, das in jungen Jahren beginnt und sich durch jede Stufe der Karriereleiter zieht. Im Kindesalter werden Mädchen weniger dazu ermutigt, sich für STEM- bzw. MINT-Felder zu interessieren. Dadurch bemühen sich nur wenige Frauen um MINT-Abschlüsse an Universitäten, noch weniger starten ihre Karriere in der Tech-Industrie und nur eine sehr kleine Minderheit arbeitet sich auf der Leiter nach oben.

Als Frau kann es einschüchternd wirken, sich in dieser Welt zu bewegen. Kürzlich besuchte ich ein Networking-Event in Berlin und war unter 30 Teilnehmern die einzige Frau. Man muss stark sein, um sich damit wohl zu fühlen. Es fehlt uns an Vorbildern sowie an Unterstützung auf jedem Schritt dieses Weges.

Wäre unsere Welt eine andere, wenn mehr Frauen in STEM arbeiten würden?

Diversität treibt Innovation an! Das ist keine Debatte nur über Frauen, es geht auch um andere Minderheiten. Heutzutage allerdings sind Frauen die am stärksten unterrepräsentierte „Minderheit“ in der Tech-Branche. Leute mit unterschiedlichen Hintergründen, Geschlechtern, Fähigkeiten, Nationalitäten und Meinungen haben verschiedene Perspektiven auf ein Problem. Darin ist auch ein offenes Auge für Verzerrungen und Vorurteile, die sich in ein Produkt einschleichen könnten, eingeschlossen. Die jüngsten Debatten um tendenziöse KI-Algorithmen könnten gelöst werden, wenn sich diversifizierte Teams mit diversifizierten Einstellungen das selbe Problem ansehen. Dass diversifizierte Unternehmen wirtschaftlich erfolgreicher sind, ist klar, aber ich denke, der gesellschaftliche Einfluss wird noch größer, wenn Tendenzen und Vorurteile aus der Produktentwicklung entfernt werden.

Die Diskussion über Diversität nimmt Fahrt auf. Wie lange wird es dauern, bis wir Ergebnisse der aktuellen Debatte sehen?

Die Debatte ermutigt mich, doch gleichzeitig enttäuschen mich die Fortschritte. Die Probleme sind tatsächlich strukturell, und es wird Generationen dauern, bis sie beseitigt sind. Wir sollten schon bald einige Ergebnisse durch verbesserte Zahlen in unserer Industrie sehen. Bis Ausgeglichenheit erreicht ist, wird noch viel Zeit vergehen, das gilt auch für das Gender-Pay-Gap.

Tipps & Tricks

Legt los! Die Technologie ist längst auf dem Weg, unsere Welt zu beherrschen, und wird dies innerhalb einer Generation tun. Technologie ist eine zukunftssichere Berufswahl, eine sehr aufregende noch dazu. Man sollte mit offenen Augen und mit dem Wissen, dass es nicht einfach wird, in die Tech-Welt aufbrechen. Zu Beginn wird man möglicherweise eine dicke Haut brauchen, und es ist wahrscheinlich, dass man mit Vorurteilen konfrontiert wird. Dennoch bildet sich ein kräftiges weltweites Netzwerk von Frauen in der Tech-Branche mit starkem Momentum heraus. Darum können wir in schweren Zeiten voneinander lernen. In der Zwischenzeit bauen wir eine bessere, fairere Welt und bahnen einen Weg für zukünftige Generationen.

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