Interview mit May Goldstein, Senior Infrastructure Consultant bei Red Hat

Women in Tech: „Wenn sich Frauen für Technik interessieren und davon fasziniert sind, sollten sie einfach loslegen.“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: May Goldstein, Senior Infrastructure Consultant bei Red Hat.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: May Goldstein

May hat 2006 ihr Studium in Informatik an der Ben-Gurion University abgeschlossen. Während des Studiums hat sie schon für SAP gearbeitet. Anstatt dort wie geplant Datenbank-Adiminstator zu werden, ist sie in der Infrastrukturabteilung bei einem großen Dienstleistungsunternehmen gelandet. Hier fand sie ihre große Leidenschaft in Form von Unix, Linux und Anwendungsservern. Somit war der Weg zu ihrem heutigen Arbeitgeber, Red Hat, quasi vorgezeichnet. Seit 2015 arbeitet May bei dem Open-Source-Software-Hersteller. Seit 2018 ist sie dort Senior Infrastructur Consultant.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Mein Interesse an Technik wurde bereits sehr früh geweckt. Mein Vater war Mainframe-Ingenieur. Bei uns zu Hause lagen immer alte, ausrangierte Ethernet- und Stromkabel herum, mit denen ich als Kind spielen durfte. Wir hatten einen IBM-Rechner und einen Commodore-PC. Bereits mit zehn Jahren konnte ich zwischen den Geräten unterscheiden und wusste, welche Steckdose zu welchem Kabel gehört. Da ich schon als Teenager ein Computer-Freak war, bin ich sozusagen irgendwie in die IT-Branche „hineingewachsen“. Meine ganze Kindheit und Teenagerzeit über hat mich die Faszination für Technik begleitet. Mit einem kleinen Umweg: Als ich Anfang 20 war, habe ich elektronische Musik mit dem Cubase-Sequenzer erstellt. Für mich war das damals ein Riesen-Spaß – gleichzeitig wusste ich: Karriere würde ich damit nicht machen.

Hast du ein Vorbild?

Ja, meine Eltern haben mich immer unterstützt, auch wenn mein Vater anfangs davon ausging, dass ich mich mit meinem offenen und kommunikativen Charakter in der IT langweilen würde und deshalb im Marketingbereich besser aufgehoben bin. Heute weiß ich, dass man, um ein guter Berater zu sein, genau über diese zwischenmenschlichen Fähigkeiten verfügen muss. Immerhin besteht ein großer Teil meiner Arbeit darin, mit Menschen zu kommunizieren.

Welche Erfahrungen mit Klisches oder Vorurteilen hast du gemacht?

Mir wurden zumindest nie wirklich Steine in den Weg gelegt. Aber als Frau erlebt man dann doch die eine oder andere Überraschung. In Erinnerung geblieben ist mir besonders eine Situation: Der IT-Manager eines Kunden, der mich als Berater gebucht hat, wollte mich nicht haben. Die Begründung: Ich als Frau würde die Konzentration innerhalb des rein männlichen Teams stören.

Aus meinen weiteren Erfahrungen kann ich nur Folgendes sagen: Ich bin eher eine extrovertierte Persönlichkeit. Das hat manche Manager überfordert. In der Konsequenz haben sie mich in der beruflichen Entwicklung nicht so unterstützt, wie ich es gerne gehabt hätte.

Ein Tag in Mays Arbeitsalltag

Meine Arbeit in der IT-Branche ist einfach faszinierend. In den letzten fünf Jahren bin ich quer durch Europa – hauptsächlich Deutschland – gereist und habe mit vielen unterschiedlichen Unternehmen gearbeitet, von denen ich immer wieder etwas Neues lernen konnte. Denn jedes Unternehmen hat eine einzigartige Architektur und Infrastruktur, weshalb die Arbeit nie gleich ist. Je mehr Kunden ich betreue, desto besser verstehe ich meine Rolle:

Meine Arbeit in der IT-Branche ist einfach faszinierend

Auch wenn meine Tätigkeit per Definition ein Berater-Job ist, decke ich in der Realität oft mehrere Rollen ab. Ich bin Projektmanager, Architekt und Berater in einer Person. Das Beste daran ist, gemeinsam mit dem Kunden eine kreative Lösung zu finden, an der er sehr lange Freude hat. Ich als Problemlöserin bin dann jedes Mal stolz, wenn ich verhindere, dass ein Showstopper-Vorfall länger dauert als nötig. Auch wenn es im Stillen passiert. In komplexen und teils groß angelegten Projekten zu arbeiten, bedeutet auch, sich jeden Tag aufs Neue selbst herauszufordern. Das hält den Adrenalinspiegel hoch, langweilig ist mir definitiv nie.

Welche Vorteile hätte es, wenn es mehr Frauen in der Tech-Branche gäbe?

Frauen sehen darin eine Unvereinbarkeit von Familie und Beruf,[…]

Zunächst einmal gibt es meiner Meinung nach viele Gründe, warum so wenige Frauen in der Tech-Branche sind. Einer davon ist beispielsweise die landläufige Meinung, dass die Tech-Branche anspruchsvoll ist, lange Arbeitszeiten und auch ein gewisses Maß an Stress mit sich bringt. Frauen sehen darin eine Unvereinbarkeit von Familie und Beruf, da sie auch immer noch den größten Teil der Care-Arbeit übernehmen.

Wenn mehr Frauen – obwohl ich die Diskussion nicht alleine auf das weibliche Geschlecht reduzieren würde – in der IT-Branche arbeiten würden, würde das automatisch zu mehr Vielfalt führen. Das macht wiederum ein Unternehmen als Marke für potenzielle Kandidaten attraktiver. Wir haben in technischen Berufen einen eklatanten Fachkräftemangel, die Unternehmen konkurrieren um wenige Bewerber auf eine Stelle. Die Talente von heute erwarten von ihrem Arbeitgeber dabei mehr als frühere Generationen. Für sie sind softe Faktoren längst wichtiger als die rein finanziellen Aspekte. Unternehmen, die nicht in diese Werte investieren, werden diese Kandidaten nicht für sich gewinnen.

Die Diskussion über Diversität nimmt Fahrt auf. Wie lange wird es dauern, bis wir Ergebnisse der aktuellen Debatte sehen?

Ich würde gerne glauben, dass die Diversity-Debatte in der IT-Branche bereits im vollen Gange ist. Auch wenn sich manches geändert hat: Früher waren Technologieunternehmen nur denen bekannt, die sich auch mit dem Thema beschäftigt haben. Das ist heute anders: Unternehmen wie Red Hat, Google oder Facebook gelten als hip und attraktive Arbeitgeber und ziehen damit diverse Persönlichkeiten an.

Tipps & Tricks

Wer sein Tech-Thema gefunden hat und immer auf dem aktuellen Stand bleibt, ist automatisch gut darin.

Bei der Leidenschaft für Technik ist das Geschlecht völlig egal. Wenn sich Frauen für Technik interessieren und davon fasziniert sind, sollten sie einfach loslegen. Der nächste Punkt ist, ganz man selbst zu sein. Nur weil man eine Frau ist, muss man sich nicht doppelt beweisen.
Weiterbildung ist auch sehr wichtig und heutzutage gibt es zahlreiche kostenlose Tools dafür. Wer sein Tech-Thema gefunden hat und immer auf dem aktuellen Stand bleibt, ist automatisch gut darin. Gleichzeitig gilt es, Erfahrungen zu sammeln, denn niemand wird als Star-Entwickler geboren. Frauen sollten sich auch niemals von irgendwelchen Traditionen oder angeblichen Normen daran hindern lassen, ihren Weg zu gehen. Und zu guter Letzt: Manchmal hilft ein dickeres Fall. Nehmen Sie Vorurteile und verletzende Kommentare nicht persönlich, gehen Sie Ihren Weg!

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