Interview mit Nina Fischer, AI Application Consultant im Bereich IBM Watson

Women in Tech: „Es gibt unglaublich viele spannende Herausforderungen, die dich erwarten.“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Birgit Krenn, Leiterin des Bereichs Manufacturing Science and Technology bei der VTU-Gruppe.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Nina Fischer

Seit 2017 arbeitet Nina Fischer bei IBM als AI Application Consultant im Bereich IBM Watson – der Plattform für Künstliche Intelligenz. Als Spezialistin für Spracherkennung und virtuelle Assistenten entwickelt sie KI-Lösungen und arbeitet an deren Umsetzung. Preisträgerin des WIN-Award 2020 (Women‘s IT Network) in der Kategorie TECHNICAL INNOVATION in PLATIN. Vor ihrem Einstieg in die IT absolvierte sie ein Bachelor-Studium in Maschinenwesen und machte ihren Master in „Robotics, Cognition, Intelligence“.

Seit wann besteht dein Interesse für die Tech-Branche?

Eigentlich hat sich mein Interesse an Mathematik erst in der Oberstufe gezeigt. Das war, als ich gemerkt habe, dass die (meisten 😉 ) Rechenwege eigentlich total logisch sind und es Spaß macht, nach einer langen und aufwändigen Rechenaufgabe die richtige Zahl ins Lösungsfeld einzutragen. Nach dem Abitur entschied ich daher, mich weiter in die mathematische/technische Richtung zu entwickeln, wollte aber auch den Bezug zur Praxis nicht verlieren. Gleichzeitig hat mich immer schon die Raumfahrt fasziniert – da lag ein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik nahe. Ich studierte also zunächst Maschinenwesen im Bachelor mit dem Plan, mich im Master weiter zu spezialisieren. Tatsächlich kam es dann doch anders als geplant. Durch ein Praktikum änderte sich mein Interessensschwerpunkt immer mehr in Richtung Künstliche Intelligenz. Ich entschied mich also für das Masterstudium „Robotics, Cognition, Intelligence“, was mir einerseits ermöglichte, tief in die KI einzusteigen und zu lernen, wie man z.B. Neuronale Netze programmiert, aber auch die Freiheit ließ, einige Raumfahrt-Vorlesungen einzubringen. Win – win!

Wie verlief dein Weg bis zum jetzigen Job?

Ich bin sehr froh, dass ich der Informatik eine zweite Chance geben konnte.

In der Schule fand ich Informatik immer schrecklich. Ich habe damals nichts vom Stoff verstanden und auch keinen Grund gesehen, warum ich sowas lernen sollte. Das änderte sich aber dann, wie gesagt, ab der Oberstufe. Während meines Bachelors in Maschinenwesen gab es Pflichtvorlesungen im Bereich Informatik, die mir so viel Spaß machten, dass ich dann an der Uni sogar als IT-Tutor für die unteren Studiengänge arbeitete. Dabei unterstützte ich die Studierenden u.a. bei der Programmierung von Anlagen in C.
Am Ende des Bachelors absolvierte ich ein Ingenieurspraktikum bei Airbus Defence & Space GmbH und durfte an einem super spannenden Projekt mitarbeiten: CIMON. Dort wurde mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz von IBM der weltweit erste autonom fliegende Sprach-Assistent für Astronauten auf der Internationalen Raumstation entwickelt; und ich durfte die Programmierung des Dialogsystems der KI übernehmen.
Danach war klar, dass ich mich verändern und noch tiefer in die KI-Sparte einsteigen wollte. Gleichzeitig mit dem Master in „Robotics, Cognition, Intelligence“ begann ich bei IBM zunächst als Werkstudentin zu arbeiten und konnte so schon in vielen Kundenprojekten das Gelernte in der Praxis anwenden. Seit Abschluss des Masters im Januar 2020 arbeite ich nun voll bei IBM und bin sehr froh, dass ich der Informatik eine zweite Chance geben konnte.

Hast du ein Vorbild?

Ein Vorbild zu benennen, finde ich sehr schwierig – das klingt immer, als würde man eine andere Person uneingeschränkt als ein Ideal sehen, das man selbst versucht zu kopieren. Dabei ist jede Person so individuell und hat ihre Stärken auf verschiedensten Gebieten. Ich würde eher sagen, es gibt einige Kolleg*innen oder Freund*innen, deren Arbeit oder Einstellung mich inspirieren oder zum Nachdenken anregen. Mit diesem Input versuche ich, das Beste aus mir selbst herauszuholen und meinen eigenen Weg zu gehen. Ich bin sehr dankbar, dass vor allem meine Familie und auch Kollegen und meine Vorgesetzten mich stets in meinen Entscheidungen unterstützen und wo immer möglich gefördert haben!

Hat man dir Steine in den Weg gelegt?

Ich kann von Glück reden, dass mir bisher karrieretechnisch keine größeren Steine in den Weg gelegt worden sind.
Selbstverständlich gibt es immer hier und da einige Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt – sei es die eine schwierige Prüfung an der Uni, für die man schon zum dritten Mal antritt, Anforderungen im Projektalltag, bei denen die Lösung unklar und kompliziert ist oder die kleinen persönlichen Challenges, wie z.B. vor einer Gruppe zu sprechen.
Ich versuche jedoch, diese Herausforderungen als Möglichkeiten zu sehen, mich weiterzuentwickeln, zu lernen und daran zu wachsen.

Was machst du in deiner jetzigen Position genau?

Seit Februar 2020 arbeite ich als „AI Application Consultant“ bei IBM Deutschland im Bereich Watson Services. Die Plattform „IBM Watson“ deckt dabei durch Cloud Services alle möglichen KI-Komponenten ab – von Spracherkennung über Dialogsysteme, visuelle Bilderkennung und sprachliche Suche bis hin zu eigenen Neuronalen Netzen. Da wir hauptsächlich in Kundenprojekten tätig sind und zusammen mit den Kunden KI-Systeme für deren Unternehmen entwickeln, besteht mein Alltag unter anderem daraus, mit den Kunden über die Anforderungen und Zielsetzungen zu sprechen und mögliche Lösungsansätze zu diskutieren. Oft laufen dabei mehrere Projekte parallel, was eine gute Zeitplanung erfordert.
Nach den Abstimmungen, folgt die Umsetzung. Ich überlege mir Strategien, wie ich beispielsweise das KI-Dialogsystem am intelligentesten und nutzerfreundlichsten gestalten kann. In der Regel gibt es dabei auch weitere Abhängigkeiten zu Datenbanken, Wissensbeiträgen, weiteren KI-Services oder anderen Schnittstellen, die ebenfalls durch eine Backend-Applikation abgefragt und ggf. im Dialog eingebaut werden müssen. Je nach Projekt arbeite ich dann am Dialog, an der Spracherkennung oder auch direkt am Backend.
Ein weiterer für mich sehr wichtiger Teil ist die Möglichkeit, sich neben dem „Daily Business“ auch noch durch Schulungen und Trainings weiterzuentwickeln und zusätzliche Skills zu erlangen.

Hast du selbst etwas entwickelt?

In jedem Projekt, das wir umsetzen, steckt Entwicklungsarbeit und jedes ist einzigartig in Aufbau und Inhalt. Demnach habe ich schon in einigen Projekten kleinere und größere Komponenten selbst entwickelt.
Eines der spannendsten Projekte, an denen ich mitgewirkt habe, war oder ist mit Sicherheit das Projekt CIMON in Zusammenarbeit mit Airbus, DLR und IBM. CIMON ist ein frei und autonom fliegender Sprachassistent für Astronauten auf der ISS, der durch KI die Astronauten bei ihren täglichen Aufgaben und Experimenten unterstützen kann. Hier war ich fast von Beginn an für Dialog- und Sprachsystem des Astronauten-Assistenten zuständig und programmierte auch einige Komponenten der Backend-Anwendung. Für mein Mitwirken bei CIMON habe ich übrigens den WIN-Award 2020 (Women‘s IT Network) in der Kategorie TECHNICAL INNOVATION in PLATIN gewonnen. Das macht mich natürlich doppelt stolz, Teil dieses wunderbaren Teams zu sein.

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche?

Diese Denkweisen und Klischess muss man erst einmal für sich persönlich brechen.

Bestimmt haben Stereotypen und Vorurteile einigen Einfluss auf den Berufswunsch von Frauen (und auch Männern) und geschlechter-untypische Berufe werden dann seltener ergriffen. Ich war ja selbst keine Ausnahme und fand Informatik, Programmieren und Computer früher „nerdy“ und unattraktiv – und vor allem „nichts für Mädchen“.
Diese Denkweisen und Klischees muss man auch erst einmal für sich persönlich brechen, um zu sehen, welche spannenden Themen und Herausforderungen einen erwarten.

Welche Klischees sind dir in Bezug auf „Women in Tech“ schon begegnet?

Vor allem früher, wenn es zur Sprache gekommen ist, dass ich Maschinenbau studiere, war meist die erste Frage: „Bist du da die einzige Frau im Hörsaal?“ oder ähnliches. Tatsächlich aber hatte ich einige Kommilitoninnen im Studium, auf die ich dann hingewiesen habe. Von einer 50/50 Verteilung waren wir aber trotzdem weit entfernt. In manchen Fällen kam dann die Rückfrage, ob man diese Frauen dann auch als solche erkennen würde, oder ob sie rein optisch eher als Männer durchgehen würden. Solche Klischees sind wohl leider in manchen Köpfen verankert und hindern möglicherweise andere Frauen daran, einen technischen Berufsweg einzuschlagen.
In meinem heutigen Berufsumfeld habe ich allerdings glücklicherweise noch keine negativen Berührungspunkte mit Vorurteilen bezüglich „Women in Tech“ machen müssen – im Gegenteil: Ich kenne einige Spezialist*innen auf ihren Gebieten, die genau für diese Expertise angefragt und nicht aufgrund des Geschlechts bevorzugt oder benachteiligt werden.

Und warum sollten mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten?

Es kann nur hilfreich sein, wenn eine Aufgabe von möglichst vielen Blickwinkeln betrachtet wird.

Ich habe in der Vergangenheit in einigen beruflichen oder Uni-Projekten festgestellt, je diverser ein Team ist, desto spannender und vielfältiger kann am Ende die Lösung sein. Ich möchte das daher eigentlich gar nicht an einem Mann/Frau-Unterschied festmachen und warum mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten sollten. Ich bin der Meinung, dass es nur hilfreich sein kann, wenn man eine Aufgabe von möglichst vielen Blickwinkeln betrachtet, um so das beste Endprodukt zu entwickeln. Mir wäre generell wichtig, dass Männer sowie Frauen, Erfahrene und Neulinge, „Macher“ sowie „Denker“ dabei zusammenwirken – um selbst nur ein paar Aspekte eines diversen Teams zu nennen. Ich würde mich freuen, wenn man das Schubladendenken reduzieren könnte und sich lieber auf die Fähigkeiten aller Beteiligten konzentriert, die in ein Projekt einfließen. Nur so lassen sich Synergien sinnvoll nutzen und Innovationen jeglicher Art können geschaffen werden.

Wie sieht die Zukunft aus – wird die Diversity-Debatte bald Geschichte sein?

Hoffentlich wird diese Debatte irgendwann kein Thema mehr sein. Doch ich denke, dazu gehört einiges an Umdenken in der Gesellschaft, was wohl häufig eher langsam und träge verläuft. Initiativen wie https://www.awomaninai.com/, https://www.femaletechleaders.org/, der Girls-Day oder auch diese „Women in Tech“-Serie geben Frauen die Plattform, ihre Präsenz in der Tech-Industrie zu stärken.
Dass heutzutage generell Diversity – und das nicht nur in Bezug auf das Geschlecht – schon in vielen Unternehmen gelebt und gefördert wird, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Schöner wäre es natürlich, wenn die Diskussion z.B. über stereotypische Geschlechterrollen von vornherein nicht nötig wäre. Doch vielleicht schaffen wir das in Zukunft.

Hast du Tipps für Frauen, die in die Tech-Branche einsteigen möchten?

Wenn Du dich für Technik interessierst, lass dich nicht von Vorurteilen oder vorgefestigten Rollenbildern abhalten. Du selbst bist die beste Möglichkeit, Stereotype und Klischees zu widerlegen.
Gehe selbstbewusst deinen Weg und versuche Hürden oder Rückschläge als „Lerngeschenke“ zu sehen, so kannst Du dich immer weiterentwickeln. Es gibt unglaublich viele spannende Herausforderungen, die dich erwarten.

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