Heute im Interview: Katrin Rabow, selbständige Beraterin

Women in Tech: „Ich möchte als Frau erkennbar sein, ohne dass es Einfluss darauf hat, wie ich in meinem Beruf anerkannt werde“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Katrin Rabow, selbständige Beraterin und Studentin der Wirtschaftsinformatik.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Katrin Rabow

Katrin Rabow hat fünfzehn Jahre lang als selbständige Beraterin kleine Unternehmen in ihrem kaufmännischen Alltag unterstützt. Seit 2015 studiert sie Wirtschaftsinformatik an der TU Darmstadt, wo sie immer wieder Möglichkeiten sucht, „harte“ Themen wie Software Engineering mit „soften“ Bereichen wie Unternehmenskultur zu verbinden.

Neben Uni, Familie und ein bisschen Geldverdienen bleibt zum Glück noch etwas Zeit für Meetups oder (Un-)Konferenzen zu allen Themen rund um Softwareentwicklung.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Ich hatte in der Schule ein oder zwei Jahre „EDV“ als Wahlfach. Da haben wir ein bisschen BASIC programmiert und das hat mir auch Spaß gemacht, aber die ganz große Tech-Begeisterung blieb noch aus. Obwohl wir zu Hause immerhin relativ früh einen C64 stehen hatten, habe ich den, soweit ich mich erinnere, nur zur Textverarbeitung oder zum Spielen genutzt.

Als ich Abitur gemacht habe, galt Wirtschaftsingenieurwesen gerade als der Karriereweg, weswegen ich mich um einen Studienplatz sowohl für WI-Elektrotechnik als auch WI-Maschinenbau beworben habe. Ich habe sogar noch das Vorpraktikum gemacht, das man dafür brauchte, dann aber im letzten Moment beschlossen, dass mir das doch alles zu technisch ist (!) und stattdessen eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau gemacht.

Es wäre schön, wenn wir Diversität irgendwann nicht mehr diskutieren, sondern einfach leben.

Erst einige Jahre später, nachdem ich mich mit einem Buchhaltungsservice selbständig gemacht hatte, habe ich dann mein Interesse nicht nur an der Anwendung von Software gefunden, sondern mit meinen rudimentären Kenntnissen ein bisschen an den Formularen für Auswertungen oder Rechnungsdruck gebastelt. Es hat dann aber nochmal 15 Jahre gedauert, bis ich mich entschieden habe, an der TU Darmstadt Wirtschaftsinformatik zu studieren und endlich einigermaßen strukturiert programmieren zu lernen.

Vorbilder und Unterstützer

Mein Vorbild ist tatsächlich am ehesten – auch wenn es ein bisschen banal klingt – meine Mutter. Die hat zwar mit Technik gar nichts am Hut, aber sie hat sich sehr für Rechte von Frauen und Gleichberechtigung eingesetzt. Als Kind habe ich das gar nicht so außergewöhnlich empfunden, aber es hat mich natürlich schon geprägt. Ich habe zu Hause niemals gesagt bekommen, dass ich irgendetwas als Frau nicht machen könnte – eher wurde ich vielleicht sogar ein bisschen in die Richtung gedrängt, nicht „nur“ Hausfrau und Mutter werden zu wollen, worüber man sich sicherlich auch streiten könnte 😊.

Ein Tag in Katrins Leben

Im Moment studiere ich praktisch Vollzeit und betreue nur nebenbei noch ein paar der alten Kunden.

Hindernisse

Hindernisse hatte ich glücklicherweise überhaupt nicht. Im Gegenteil ich hatte immer viel Unterstützung – in frühen Jahren von meinen Eltern und Großeltern, in den letzten Jahren ganz viel durch meinen Mann und meine Kinder, die durch mein Studium schon auch gefordert waren, etwas schneller erwachsen zu werden als einige ihrer Altersgenossen.

Die Diskussion über Diversität nimmt Fahrt auf. Wie lange wird es dauern, bis wir Ergebnisse der aktuellen Debatte sehen?

Es wäre schön, wenn wir das irgendwann nicht mehr diskutieren, sondern einfach leben. Ich wünsche mir sehr, dass wir nicht mehr darüber reden, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welche Herkunft jemand hat und uns als eine Gemeinschaft sehen, die von der Vielfältigkeit der anderen profitiert und Andersartigkeit nicht so sehr als Bedrohung empfindet.

Ich möchte nicht als Teilnehmer bei einer Konferenz zugelassen werden, eine Auszeichnung erhalten, als Sprecher eingeladen werden, weil ich eine Frau bin! Vielleicht müssen wir im Moment durch Regeln für Diversität sorgen, aber wir werden unser Ziel erst erreicht haben, wenn keine Regeln mehr erforderlich sind. Ich bezweifle manchmal, dass ich das noch erlebe, aber zumindest habe ich Hoffnung für die Generation meiner Kinder.

Frauen in Mint

Im Alltag gibt es immer wieder kleine typische Situationen, wie z.B. die Frage, ob ich sicher bin, dass ich unseren Router selbst einrichten kann, oder ob ich wirklich so viel Arbeitsspeicher in meinem Rechner brauche – vermutlich mit dem Gedanken, dass für die bisschen Textverarbeitung oder das Ausdrucken von Kochrezepten auch der ausgediente Laptop meines Mannes reichen würde 😉 Da ärgere ich mich dann für einen Moment, obwohl ich weiß, dass ich in meinem Denken leider auch selbst manchmal in diese Bias-Schubladen rutsche.

In der Vergangenheit wurde Frauen in Seminaren oft geraten, eher männliche Verhaltensmuster an den Tag zu legen.

Ganz aktuell war ich als Speakerin auf einigen Konferenzen und habe im Vorfeld gehört „Du wurdest da angenommen, weil du eine Frau bist und alle Konferenzen mehr weibliche Sprecher haben wollen.“ So etwas finde ich dann schon ein Stück schlimmer, es verletzt mich und es fällt mir auch schwer, dann nicht selbst zu hinterfragen, ob das der Grund für die Annahme meines Vortrags war.

Sähe die Welt mit mehr Frauen in MINT-Berufen anders aus?

Es ist ja nicht nur in der Tech-Branche so, dass der Frauenanteil sehr niedrig ist, sondern auch in den meisten Führungsetagen. Da wurde Frauen dann in der Vergangenheit in Seminaren oft geraten, eher männliche Verhaltensmuster an den Tag zu legen, um sich gegenüber den Kollegen behaupten und durchsetzen zu können. Das wollte ich noch nie! Ich möchte als Frau erkennbar sein, weiblich sein dürfen, ohne dass das irgendeinen Einfluss darauf hat, wie ich in meinem Beruf anerkannt werde. Und da glaube ich schon, dass sich durch einen höheren Frauenanteil in unserer Branche auch im Denken etwas verändert. Darüber hinaus verändert sich die Kultur in vielen Unternehmen sowieso gerade sehr stark durch die agilen Methoden, die auch einen stärkeren Fokus auf das Miteinander im Team legen. Da werden plötzlich Soft Skills wichtig, die klassisch oft eher Frauen zugeschrieben wurden – vielleicht wird gerade dieser neue Umgang miteinander am Ende auch mehr Frauen in den Tech-Bereich bringen.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Das ist eine hervorragende Frage, auf die ich leider keine Antwort weiß. Ich diskutiere das immer mal wieder mit meiner 17-jährigen Tochter, die super Noten in Informatik hat, das Fach aber „total langweilig“ findet. Dabei hat sie beim gleichen Lehrer Mathe-Leistungskurs und findet es super; daran kann es also eigentlich nicht liegen. Leider kann sie selbst auch nicht sagen, was sich ändern müsste, damit sie mehr Interesse für technische Themen entwickeln würde.

Lesen Sie auch: Women in Tech – „Diversity hat noch einen langen Weg vor sich“

Ich habe in der Uni nicht das Gefühl, dass mir oder meinen Kommilitoninnen irgendwelche Hürden in den Weg gestellt würden, dennoch kommen jedes Jahr nur unter 20 Prozent neue Studentinnen. Manchmal denke ich, das müssen wir vielleicht zumindest vorerst als Status Quo akzeptieren und unsere Kraft gar nicht so sehr darauf verwenden, den Anteil von Frauen und Männern in den Berufsbildern anzugleichen, sondern uns darauf konzentrieren, dass die Gehälter zwischen typischen Männer- bzw. Frauenberufen nicht so stark differieren.

Tipps & Tricks

Aus meiner Sicht das Gleiche wie beim Einstieg in jede Branche: Macht das, was euch wirklich Spaß macht. Und lasst euch nicht abschrecken durch die Negativ-Beispiele. So schlimm es natürlich im Einzelfall ist, wenn Frauen anderes erfahren – ich habe eigentlich immer gute Erfahrungen gemacht, ich arbeite sehr gerne mit Männern zusammen und gerade bei den jüngeren erlebe ich eher, dass sie sich darüber Sorgen machen, ob sie später genug Zeit für ihre Familien haben werden als darüber, dass sie mit Frauen zusammenarbeiten „müssen“. Und wenn doch mal ein blöder Spruch kommt, kann es durchaus helfen, das anzusprechen – Männer sind manchmal gar nicht so unsensibel, wie wir Frauen immer behaupten 😉

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