Interview mit Vinita Rathi, CEO und Gründerin von Systango

Women in Tech: „Vielfältige Teams bringen die stärksten Innovationen hervor“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Vinita Rathi, CEO und Gründerin von Systango.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Vinita Rathi, CEO und Gründerin von Systango

Vinita Rathi ist CEO und Gründerin von Systango sowie Ex-Vizepräsidentin von Goldman Sachs, eine sehr erfahrene Technologieexpertin, die eine persönliche Leidenschaft für Fintech-, Blockchain- und IoT-Projekte hat. Vinita ist seit über 5 Jahren in einer führenden Investmentbank tätig, die sich auf die Trading-Technologie spezialisiert hat, und seit etwa 5 Jahren ist sie CEO einer globalen Softwareberatung (Systango) mit über 100 Mitarbeitern, zu deren Kundenkreis unter anderem Grindr, Dialpad, ResearchNow, Deloitte, Oracle und Porsche gehören.

Sie ist auch die Gründerin von Studio Fintech, das sich auf Fintech- und Blockchain-Unternehmen spezialisiert hat und den Schwerpunkt auf Blockchain-zentrierte Projekte legt. Ebenso hat sie einigen Leuten geholfen, eigene DAPPs zu erstellen und eigene ICOs zu starten.

Vinita ist ein sehr aktives Mitglied der Women in Tech Community von London und hat die Gruppen „Women Hack for Non Profits“ und „Women Who Code London“ gegründet.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Damals, von 1996 bis 1997, als wir in meiner Heimatstadt noch Dial-up-Internet nutzten, bekam mein Vater einen Computer und ich eröffnete mein erstes E-Mail-Konto bei Yahoo. Es war wirklich ein Privileg, denn die meisten meiner Freunde hatten nicht einmal eine Ahnung, was E-Mail-Dienste sind. Ich verbrachte endlose Nächte damit, Minesweeper zu spielen oder als in C zu programmieren. Diese frühe Berührung hat mein Interesse für Technik geweckt und es mir ermöglicht, mich danach dem Ingenieurwesen in der Informationstechnologie zuzuwenden.

Das klassische Rollenbild war bisher mein größtes Hindernis und das Aufbrechen dieser Norm mein größter Erfolg.

Nun, es war Glück (für mich) im Unglück (der Branche). Der Dotcom-Boom im Jahr 2000 und der Hype um die Jahrhundertwende (Y2K) machte die Informationstechnologie zu einer gefragten Branche, was der Hauptgrund dafür war, dass ich mich für das Engineering in der IT entschieden habe. Ich war der erste IT Engineer in unserer Familie und auch die Erste, die loszog und eine Vollzeitstelle annahm.

Ich hatte mit den gleichen Herausforderungen zu kämpfen, mit denen wohl alle ehrgeizigen Frauen aus einer traditionellen indischen Familie zu kämpfen haben. In einem traditionellen indischen Haushalt ist es nicht wirklich die Norm, dass die Frau die Hauptverdienerin ist – das klassische Rollenbild war bisher mein größtes Hindernis und das Aufbrechen dieser Norm zugleich auch mein größter Erfolg.

Es war nicht leicht, das komfortable Leben, das Goldman Sachs bot, hinter mir zu lassen und irgendwo etwas Neues zu beginnen, vor allem mit einem einjährigen Jungen. Allerdings bin ich froh, dass ich diese Entscheidung getroffen habe und zwar zur richtigen Zeit.

Mein ganzes Leben lang hatte ich mich mit den Vorstellungen darüber, was eine Frau zu tun und zu lassen hat, auseinandersetzen müssen, aber es gab nichts, was mich wirklich aufhalten konnte. Meine Familie, meine Manager und Kollegen haben mich wirklich sehr unterstützt, als ich versuchte, neue Dinge zu lernen.

Vorbilder

Ich sehe Sheryl Sandberg als Vorbild an, mit ihrer Entschlossenheit, ihrer Ausdauer und ihrem Einsatz zum Empowerment der Frauen.

Ich freue mich auf den Tag, an dem die Hälfte unserer Haushalte von Männern und die Hälfte unserer Unternehmen und Institutionen von Frauen geführt werden. Wenn das geschieht, bedeutet das nicht nur, dass Frauen und Familien glücklicher sind, sondern auch erfolgreichere Unternehmen und ein besseres Leben für uns alle.

Ich glaube an das, was sie hier gesagt hat. Es ist mir in Erinnerung geblieben und auch ich sehe dieser Zeit mit Freude entgegen.

Ein Tag in Vinitas Leben

Ich bin Gründerin und CEO von Systango Technologies und Studio Fintech, einer digitalen Beratungs- und Fintech-Agentur, die sich auf den Aufbau von mobilen Apps, Web-Apps und Webseiten von Anfang bis Ende spezialisiert hat. Wir haben diese Aufgaben für einige sehr große Unternehmen erledigt, etwa für Grindr, Dialpad, Target und Disney.

Wir sind ein Technologieunternehmen mit den Schwerpunkten IoT, Smart City, Hospitality, Connected Logistics und FinTech. Spezialisiert sind wir auf die Blockchain und helfen dabei, die nächste Stufe der Digitalisierung für traditionelle Unternehmen zu erschließen, indem wir Blockchain Workflows parallel zu bestehenden Enterprise-Systemen integrieren.

Drei Hauptaktivitäten machen unser Unternehmen aus: Wir arbeiten an unseren eigenen Projekten, beraten zudem zahlreiche Start-ups, Unternehmen, Hedgefonds sowie Banken dabei, wie sie am besten die Stärken der Technologie für sich nutzen können (inkl. der Bereitstellung dafür notwendiger Ressourcen) und schließlich sind wir aktiv auf der Suche nach vielversprechenden Start-ups, in die wir als Early-Stage-Evangelisten investieren.

Die falsche Annahme, man müsse als Entwicklerin rund um die Uhr coden, ist für viele beängstigend.

Technologie ist meine Leidenschaft und bis heute bin eine praktisch veranlagte Entwicklerin und Tech-Architektin. Die Leitung eines globalen IT-Unternehmens, das täglich wächst, erfordert, dass ich 10 bis 12 Stunden am Tag arbeite. Es ist nicht einfach, aber ich stelle sicher, dass ich in der Lage bin, Prioritäten zu setzen und Zeit mit meiner Familie zu verbringen.

Mein Tag beginnt im Allgemeinen sehr früh, etwa gegen 5 Uhr morgens, und ich beende ihn auch früh (gegen 17 Uhr), ohne größere Pausen dazwischen zu machen. Das gibt mir genug Zeit, die ich abends mit meinem Sohn verbringen kann, ohne meine Zeit im Büro verringern zu müssen. Ich neige dazu, die interessantesten Dinge früher am Tag zu machen, während ich die alltäglichen Sachen zum Ende des Tages hin erledige. Damit stelle ich sicher, dass die Dinge, die meine ungeteilte Aufmerksamkeit benötigen, diese auch erhalten und ich so effizient und produktiv wie nur möglich bin.

Ich habe einen siebenjährigen Sohn. Gerade die Tatsache, dass ich in der Lage bin, eine Mutter zu sein, während ich eine Softwareagentur mit 150 Mitarbeitern leite, ist eine ziemliche Leistung für mich!

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Ein Grund dafür ist die Annahme, dass man, sofern man im technischen Bereich arbeitet, rund um die Uhr an seinem Computer sein muss. Das ist beängstigend. Es wird einfach von jedem angenommen, dass man vom Programmieren besessen sein muss und jede einzelne Minute damit verbringen muss, auch genau das zu tun.

Ich glaube daran, dass Bildung ein Bottom-Up-Instrument ist, bei dem wir es Mädchen ermöglichen sollten, ihr Potenzial in den MINT-Fächern zu entwickeln, sodass ihnen ihre Interessen und ihr Drang als Motivation dienen können. Die Information und das Bewusstsein darüber, welche Vorteile MINT-Berufe für Frauen und Mädchen in petto hat, müssen auf gesellschaftlicher Ebene verbreitet werden. Wenn das passiert, dann wir auch potentiell mehr Mädchen in der Tech-Branche und werden, trotz der großen Abbruchqoute von 30%, ein angemessenes Verhältnis von Frauen in technischen Führungspositionen haben.

Der erste Schritt im Diskurs über Diversität war das Schaffen des Bewusstsein für das Problem. Ich denke, dass wir darüber mittlerweile weit hinaus sind. Seit 2012 bin ich in der Tech-Community tätig. Ich leite den Londoner Ableger von „Woman Who Code“ als Direktorin und gründete dann vor drei Jahren die NPO „Woman Hack for Non-Profits“. Im Jahr 2012 kamen 10 bis 15 Teilnehmerinnen zu den Treffen, jetzt hingegen sind wir im Allgemeinen überbucht und haben teilweise bis zu 50 Interessierte auf der Warteliste. Es wird von jedem erkannt, dass es sich um ein Problem handelt, dem man Aufmerksamkeit schenken sollte. Wir sind nicht weit davon entfernt, zu den Verhältnissen der 1970er Jahre zurückzukehren, als in Tech- und MINT-Berufen im Allgemeinen mehr Frauen unterwegs waren.

Women in MINT

Mit dem Verschwinden des geschlechts- spezifischen Lohngefälles, werden Frauen automatisch mehr Fairness und Unterstützung erfahren.

Man hat es nicht leicht, wenn man keinen um sich hat, der einem selbst ähnlich ist. Teams, in denen die Diversität Einzug gehalten hat, leisten mehr und sie bringen unterschiedliche Perspektiven an den Tisch: die Zusammenarbeit ist der Schlüssel zur Innovation. Diese Teams sind sehr gut bei der Entwicklung von innovativen Lösungen, die zudem noch ausgereift sind. Ich glaube, dass zehn Frauen, die durch einen MINT-Job gut verdienen, eher zu einem besseren Haushalt, einer besseren Bildung für ihre Kinder und einer besseren Gesundheitsvorsorge sowie einem nachhaltigeren Wandel beitragen können, als hundert Frauen, die in einer schlechten Umgebung arbeiten.

Mit dem Verschwinden des geschlechtsspezifischen Lohngefälles, werden Frauen automatisch mehr Fairness und Unterstützung erfahren, größere Kontrolle über ihr eigenes Leben ausüben können sowie mehr Entscheidungsgewalt zu Hause bekommen. Das wird ihnen die Möglichkeit geben, selbstbestimmt zu sagen, was sie tun können und was nicht.

Hindernisse für Frauen in der Tech-Branche

Es ist der „kulturelle Engpass“, der auf unterschiedliche Weise die größte Herausforderung für jede Frau darstellt – damit hat jede zu kämpfen. Es ist nicht leicht, einige der gängigen Vorstellungen zu überwinden, etwa die allgemeine Vorstellung, dass eine Frau ein einfaches Leben und möglichst flexible Arbeitszeiten will. Zusammen mit unserer eigenen, pragmatischen Einstellung und der Gewohnheit, uns selbst zu unterschätzen, insbesondere dann, wenn es niemanden gibt, der unsere Grenzen ausreizt, ist das eine toxische Mischung.

Tipps und Tricks

Wir schreiben das 21. Jahrhundert und ihr könnt alles machen, was ihr euch vorgenommen habt! Nichts ist so schlimm, wie es sich anhört, und es gibt in der Tech-Branche gute wie schlechte Menschen – wie in jeder anderen Branche auch. Solange man selbstbewusst und entschlossen ist, wird man an all den Problemen vorbeisegeln.

Einer der Vor- und Nachteile der Branche ist es, dass sie sich ständert verändert und das in einem extrem schnellen Tempo. Man muss also ständig auf dem Laufendem bleiben. Wenn das etwas ist, dass man genießt, dann wird man diese Branche lieben und in ihr gedeihen.

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