Interview mit Carla Vaquero, Android Engineer bei Bring!

Women in Tech: „Man muss im Hinterkopf behalten, dass Diversität bereichert“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Carla Vaquero, Android Engineer bei Bring!.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Carla Vaquero


Nach der zweijährigen Informatikausbildung in Bern schloss Carla Vaquero Verde erfolgreich das Nanodegree-Programm der Udacity für Android-Entwickler ab. Vier Jahre lang betreute sie als Software Engineer bei der Swisscom nicht nur den Aufbau und die Wartung des sicheren Datenspeichers Docsafe, sondern übernahm u.a. auch den Lead der EventApp. Nach ihrer Zeit als Softwareentwicklerin bei der größten Telefongesellschaft der Schweiz unterstützt sie nun als Android-Entwicklerin das Team des smarten Shopping-Assistenten Bring! in Zürich.

Mit ihrer Erfahrung hat sich Carla Vaquero zur Aufgabe gemacht, Usern ein bestmögliches Nutzererlebnis bei der App-Anwendung zu bieten. Ihre Leidenschaft sind dabei vor allem wartungsfreundliche Codes und kontinuierliches Refactoring. Hierbei möchte sie die oftmals komplizierten Abläufe für App-User in ein einfaches Interface verwandeln, welches unter seiner Oberfläche unerwartete und geniale Funktionalitäten verbirgt. Als multilinguale Android-Spezialistin beherrscht sie nicht nur fünf Sprachen, sondern hat auch eine Leidenschaft für mobile Apps und ihre verschiedenen Technologien.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Ein Freund meiner Eltern hatte einen uralten Computer, den er mir schenkte. Ich war damals in der 5./6. Klasse und fand das Ganze sehr aufregend. Damals dachte ich aber noch, ich würde später mal etwas mit Sprachen machen. Stewardess zum Beispiel. Dass ich dann schließlich Entwicklerin wurde, war mir damals noch nicht klar 🙂

Mein erstes Ziel war zunächst Elektrotechnik-Ingenieurin. Aus diesem Grund begann ich auch mein Studium an der ETH in Zürich. Dennoch merkte ich schnell, dass das noch nicht wirklich das ist, was ich zukünftig machen wollte, weshalb ich das Studium kurz darauf abbrach. Ich begab mich danach einige Zeit auf die Suche nach einer Zwischenlösung. Zunächst arbeitete ich im Sicherheitsbereich und entschied mich dann, einmal genauer in eine Lehre zum Polymechaniker reinzuschnuppern. Allerdings merkte ich schnell, dass das ebenfalls nicht das Richtige für mich war. Ich stieß dann letzten Endes auf einen zweijährigen Lehrgang der Swisscom, für den ich mich dann auch einschrieb. Der Rest ist Geschichte.

Vorbilder und Antagonisten

Marie Curies Geschichte zeigt, dass es keinen Unterschied zwischen Frau und Mann gibt.

Per se habe ich nicht wirklich ein Vorbild. Da ich aber immer ein grundsätzliches Interesse an der Wissenschaft habe, bewundere ich Marie Curie. Aus dem Nichts wurde sie zu einer der bekanntesten Physikerinnen und erhielt als einzige Frau den Nobelpreis mehrfach und sogar auf zwei unterschiedlichen Fachgebieten. Was sie erreicht hat, inspiriert mich zutiefst. Marie Curie musste als Frau in der damals sehr männlich geprägten Wissenschaftsriege als Frau viele Hürden überwinden. Ihre Geschichte zeigt, dass es keinen Unterschied zwischen Frau und Mann gibt. Außerdem habe ich von vielen Menschen in meinem Umfeld Unterstützung erhalten. Meine beste Freundin hat mir in all der Zeit wohl am meisten den Rücken gestärkt. Vor allem in der Zeit nach dem Studienabbruch, wo ich nicht genau wusste, wie meine berufliche Zukunft aussehen soll, war sie viel für mich da.

Ich hatte das Glück, dass mir weder in meinem bisherigen Lebensweg, noch während meines Studiums, Steine in den Weg gelegt worden sind.

Ein Tag in Carlas Leben

Zurzeit bin ich als Android Engineer bei der smarten Shopping-App Bring! tätig. Dort bin ich in der Entwicklung für neue Features zuständig. Außerdem fixe ich sich herausbildende Bugs, teste, was ich konzeptualisiert habe, und optimiere, wo immer es möglich ist, den Code. Ansonsten trinke ich hier sehr viel Kaffee!

Auch unabhängig von meinem Berufsleben habe ich schon Dinge entwickelt, unter anderem habe ich eine App namens „Random Timer“ für einen Freund geschrieben. Als User gibt man in der App einen festen Zeitintervall an, innerhalb dessen Eckpunkten lässt die App dann zufälligerweise einen Alarm ertönen. Das ist insbesondere für gewisse Brettspiele von großem Nutzen. „Random Timer“ wurde auch schon von 370 Menschen heruntergeladen, darauf bin ich schon ein wenig stolz! Ich habe aber auch bereits etwa 5-6 andere Apps gemacht, die wurden aber nie veröffentlicht, sondern ausschließlich für Kollegen kreiert.

Herausforderungen und Hindernisse

Viele männliche Techies haben das Gefühl, Frauen gehören da einfach nicht hinein.

Erst letzthin habe ich in einem bekannten Elektrofachhandel nach einem Laptop mit 32 GB RAM gesucht. Die Verkäufer dort konnten nicht glauben, dass ich so einen großen Arbeitsspeicher brauche. So ist es ihnen doch im Leben nicht in den Sinn gekommen, dass ich vielleicht in der Technik-Branche arbeite. Zudem passiert es mir öfter, dass ich, wenn ich meinen Vornamen nicht angebe, ganz selbstverständlich im Mailverkehr mit der Anrede „Herr“ angesprochen werde. Man erwartet einfach nicht, mit einer Frau zu tun zu haben. Aber das kann tatsächlich auch in vielen anderen Branchen passieren. Größere Probleme habe ich aber noch nicht angetroffen.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der IT?

Wie ich persönlich finde, ergeben sich für Frauen innerhalb der Tech-Branche mehrere Probleme. Viele männliche Techies haben das Gefühl, Frauen gehören da einfach nicht hinein. Natürlich ist es nicht mehr so schlimm wie noch vor einigen Jahren, aber es gibt definitiv noch immer Leute, die auf uns herabschauen. Hier bei Bring! ist das gar nicht der Fall, was die Arbeit hier super cool macht. Aber ja, generell wird es nicht so gut aufgefasst, wenn eine Frau über Technik Bescheid weiß oder Interesse an dem Themengebiet zeigt. Auch, weil das Vorurteil der Frau, die zum Beispiel nicht weiß, was ein HDMI-Kabel ist, auch in unserer Branche noch im Raum rumschwirrt.

Dennoch sehe ich die eigentliche Hürde für uns Frauen nicht darin, in die Branche hineinzukommen, sondern eher darin, in der Tech-Branche zu bleiben. Vor allem, wenn ich da an das Stichwort „Familie“ denke. Es gibt fast keine Teilzeitstellen im Tech-Bereich! Gerade als Frau, die anfangs stillen muss, etc. (selbst wenn der Mann zuhause bleibt und die Kinder hütet) werden einem diesbezüglich definitiv Hürden in den Weg gestellt.

Ich befürchte, dass sich diese ganze Debatte noch ein wenig hinauszögern wird. Wahrscheinlich sind wir in einigen Jahren noch genau am gleichen Punkt.

Warum Diversität so wichtig ist

Grundsätzlich finde ich, dass Frauen in die Branche kommen sollten, weil sie Interesse und Spaß an der Arbeit haben und nicht, um eine Quote zu erfüllen.

Eine gemischte Gruppe in allen Arten von Jobs finde ich persönlich einfach besser. Das beruhigt generell die Gruppendynamik (Stichwort: Drama in Frauenteams oder zu harsche Umgangsformen in reinen Männerteams). Wenn alles gemischt ist, gibt es einfach mehr Balance. Grundsätzlich finde ich, dass Frauen in die Branche kommen sollten, weil sie Interesse und Spaß an der Arbeit haben und nicht, um eine Quote zu erfüllen. Ich denke auch, dass sich die Problematik mit dem geringen Frauenanteil in naher Zukunft nicht wirklich bessern wird und auch die Vorurteile werden nicht so schnell verschwinden.

Im Allgemeinen ist es einfach wichtig, im Hinterkopf zu behalten, dass Diversität bereichert. Frauen gehen Probleme anders an als Männer, das ist wissenschaftlich bewiesen. Auch deswegen braucht es – rein wissenschaftlich gesehen – schon Vertreter beider Geschlechter in einem Team.

Tipps & Tricks

Seid neugierig, nehmt euch dumme Sprüche nicht zu Herzen, sondern mit Humor. Eine gute Liste von Informatiker-Witzen auf Lager zu haben, hilft bestimmt auch. Plus: Habt keine Angst vor Technik!!

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