Interview mit Lisa Junger, Entwicklerin und Information Security Lead

Women in Tech: „In Sachen Diversity stehen wir noch ganz am Anfang“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Lisa Junger, Entwicklerin und Information Security Lead bei ThoughtWorks Deutschland.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Lisa Junger

Lisa Junger

Lisa arbeitet als Entwicklerin und Information Security Lead bei ThoughtWorks Deutschland. Dort sucht sie leidenschaftlich nach unterschiedlichen Lösungen, um durch Technologie die Welt von morgen zu gestalten.

Zuvor war Lisa als Projektleiterin in verschiedenen Ländern für unterschiedliche Non-Profit- und For-Profit-Organisationen tätig. Nach mehreren Jahren in der Personal- und Organisationsentwicklung beschloss Lisa, ihrer Leidenschaft für Technologie eine neue Bedeutung zu geben und lernte zu programmieren.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Meine Familie war in meiner Kindheit vorwiegend sozialwissenschaftlich orientiert und ich hatte daher wenig Berührungspunkte mit dem Thema IT. Gleichzeitig haben meine Eltern mich immer sehr darin bestärkt, Dinge auszuprobieren und meinen eigenen Weg zu gehen. Auch deshalb hatte ich schon früh ein sehr breites Interesse an verschiedenen Themen. So waren zum Beispiel meine beiden Lieblingsfächer in der Schule Französisch und Physik.

Richtigen Code hab ich erst geschrieben, als ich bei den Rails Girls war.

Für das Psychologie-Studium habe ich mich entschieden, weil ich hoffte, dort meine Leidenschaft für positives Wissen, messbare Ergebnisse und menschlich-gesellschaftliche Phänomene zusammenbringen zu können. Als Statistikerin habe ich dann später Skripte zur Datenverarbeitung geschrieben. Das würde ich vielleicht als meinen ersten Kontakt mit Tech beschreiben. Richtigen Code hab ich aber erst geschrieben, als ich bei den Rails Girls war.

Vorbilder und Unterstützer

Zunächst wäre ich diesen Weg vermutlich nie weiter gegangen, hätte ich nicht bei den Rails Girls ein paar fantastische Frauen kennengelernt. Sie sind bis heute wichtige Ansprechpartnerinnen und Vorbilder für mich. Zuallererst natürlich in technischen Fragen, aber auch im Austausch über Phänomene in der IT-Industrie, die Herausforderungen als Softwareentwicklerin, Frau und Quereinsteigerin.

Bei ThoughtWorks habe ich immer wieder mit Menschen zusammengearbeitet, die an mich und meine Fähigkeiten geglaubt haben – technisch, kulturell und als Team Lead. So konnte ich innerhalb der letzten sechs Jahre von meinen ersten Schritten in der Softwareentwicklung über Rollen als Technical Team Lead, hin zu meiner aktuellen Rolle als Verantwortliche für IT-Sicherheit für Deutschland, immer auf die Unterstützung der Organisation vertrauen.

Männer wie Frauen auf allen Führungsebenen haben Türen für mich geöffnet und Möglichkeiten für mich geschaffen, diesen Weg zu gehen, indem sie mir ihre eigene Glaubwürdigkeit geliehen haben oder Chancen, die sie selbst hatten, an mich weitergegeben haben. Zum Beispiel haben meine Kollegen bereits in meinem ersten professionellen Softwareentwicklungsprojekt ganz selbstverständlich darauf bestanden, dass ich das Projekt bei Hackathons und in Vorträgen präsentiere. Sie haben mir bei meinen ersten technischen Talks zur Seite gestanden, ohne mich an den Rand zu stellen. Seither hatte ich dann immer wieder die Gelegenheit, alleine oder mit erfahrenen KollegInnen zusammen technische Themen zu präsentieren oder auf Konferenzen zu sprechen.

Lisas Karriereweg

Nach dem Studium habe ich einige Zeit als Statistikerin im Gesundheitswesen für diverse Forschungsprojekte die methodische Umsetzung und statistische Auswertung verschiedener Forschungsvorhaben unterstützt. Danach habe ich mich aber entschlossen, als Trainerin und Projektmanagerin Weiterbildungsprogramme im Rahmen der Personal- und Organisationsentwicklung von globalen Unternehmen bis zu kleinen NGOs zu verantworten.

Ich bin schnell mit Menschen in Kontakt gekommen, die mir Einblicke in die professionelle Softwareentwicklung ermöglicht haben.

Über die Zusammenarbeit mit einer NGO von Ingenieuren habe ich in Burkina Faso meine Leidenschaft für Arbeitsweisen wiedergefunden, die sich an schnellem Feedback und kontinuierlicher Verbesserung orientieren. Schließlich habe ich mich entschlossen, mich einige Monate vollständig mit Softwareentwicklung auseinanderzusetzen. Auch weil mir klar wurde, wie viel Einfluss technische Systeme auf mein Leben haben. Über Communities wie z. B. die Rails Girls oder die Ruby Usergroup, die mich bei meinen ersten Schritten in der Softwareentwicklung massiv unterstützt haben, bin ich schnell mit Menschen in Kontakt gekommen, die mir Einblicke in die professionelle Softwareentwicklung ermöglicht haben. So habe ich zum Beispiel ein Praktikum gemacht und bin mit ThoughtWorks in Kontakt gekommen, wo ich schließlich als Junior-Softwareentwicklerin gestartet bin.

Ein Tag in Lisas Leben

Seit Ende 2019 bin ich bei ThoughtWorks als Regional Infosec Lead deutschlandweit zentrale Ansprechpartnerin für Informationssicherheit und Risikomanagement. Mein Arbeitsalltag besteht zu großen Teilen daraus, mit all unseren Delivery-Teams kontinuierlich Risiken zu monitoren, proaktiv zusammen Maßnahmen zu entwickeln und zu Fragen rund um technische Sicherheit und Good Practices zu beraten. Außerdem unterstütze ich Eskalationsprozesse und steuere, wenn notwendig, die Incident Response. Darüber hinaus bin ich als Diversity & Inclusion-Lead für die Leitung und Koordination von Maßnahmen im Zusammenhang mit Diversität bei ThoughtWorks verantwortlich.

Mit verschiedenen Teams habe ich vorrangig Webanwendungen durch viele Ebenen des technischen Stacks hindurch entwickelt. Von Skripten zur Automatisierung von Deployment-Prozessen, über Infrastruktur als Code, Backend Services in Java und Python bis hin zu User Interfaces in verschiedenen Flavors von Javascript.

Wir haben zum Beispiel eine E-Mail-Lösung entwickelt, die verschlüsselte Kommunikation für NutzerInnen einfach macht und die Datenhaltung dezentralisiert oder eine technische Plattform für einen großen E-Commerce Market Place, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Ein Großteil unserer Wirtschaftswelt und der damit verbundenen Arbeitsplätze sind irgendwann von Männern, für Männer gemacht worden. Sie haben ihren Ursprung in der Annahme, dass der Familienernährer seine Arbeitskraft einbringt und dabei von der restlichen Familie unterstützt wird. Zur Erweiterung der verfügbaren Arbeitskraft sind Frauen vor langer Zeit mit auf das Radar unserer Wirtschaftsordnung geraten. Auch wenn diese Zeiten in ferner Vergangenheit scheinen, sind viele grundständige Prozesse und Annahmen nach wie vor zu finden. Für Personen mit anderen Lebensmodellen erfordert dies große Anpassungsleistungen. Da nach wie vor weiße Männer die deutsche IT-Landschaft dominieren, ist die Transformation hier langsamer. Wir sehen, dass viele Frauen die IT-Industrie entweder verlassen, oder sich auf “weniger technische” Rollen zurückziehen.

In vielen einflussreichen Positionen fehlt Diversität und damit das Verständnis und der Bedarf zur Veränderung.

In vielen einflussreichen Positionen fehlt Diversität und damit das Verständnis und der Bedarf zur Veränderung. Es fehlen Rollenmodelle und Kulturen, die es allen erlauben, mit ihrem ganzen Ich zur Arbeit zu kommen, ohne sich an die historisch entwickelten Erwartungsmuster anpassen zu müssen. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Etablierte Großunternehmen haben Schwierigkeiten mit der Sichtbarkeit von Frauen in IT-Berufen inmitten lang gewachsener Strukturen und Prozesse und interner Politik, die oft Ähnlichkeit belohnt. Dynamische junge Start-ups erwarten Arbeitszeiten und Flexibilität, die für Menschen ohne klassische familiäre Unterstützungsstrukturen kaum zu bewältigen sind. Dazu kommt noch eine gute Portion Alltagssexismus und -rassismus, von dem selten geglaubt wird, dass es ihn noch gibt. Hier muss sich noch einiges ändern.

Frauen in MINT-Fächern

Technologie hat einen stetig wachsenden Einfluss auf unseren Alltag. Von unseren Arbeitsmitteln, über unseren privaten Austausch mit unseren Freunden bis hin zu politischen Entscheidungsprozessen. Algorithmen bestimmen, welche Antworten wir im Internet auf unsere Fragen finden und ohne Smartphone geht heute kaum noch jemand in Deutschland aus dem Haus. Diese gesellschaftliche Realität wird zu einem überwältigenden Maße von einer vergleichsweise kleinen Gruppe von Menschen generiert. In einer Gesellschaft, die z. B. zu 50 Prozent aus Frauen besteht, sollten diese auch in gleicher Weise an der Schaffung dieser Realität beteiligt sein. Gleiches gilt selbstverständlich auch für andere gesellschaftliche Gruppen.

Idealerweise schaffen wir es auch, dass technische Innovationen näher an den Nutzern entstehen. Zum Beispiel entsteht in Kenia mit Silicon Savannah gerade ein technisches Innovationszentrum, dass die Herausforderungen in Subsahara Afrika sicher besser adressieren kann, als die Zentren in Europa, Nordamerika und Asien.

In Sachen Diversity stehen wir noch ganz am Anfang.

Vielfältige Teams schaffen Arbeitsumgebungen, in denen unterschiedliche Meinungen und Perspektiven gehört und Fragen offener adressiert werden. So werden oft innovativere Lösungen gefunden, obwohl oder vielleicht weil der Weg dorthin uns mit unseren eigenen Werten und Vorstellungen konfrontiert. Teams mit vielfältigen Perspektiven haben außerdem höhere Chancen, die Zielgruppen ihrer Software zu repräsentieren und daher für diese besser funktionierende Lösungen zu entwickeln.

In Sachen Diversity stehen wir noch ganz am Anfang. Die bisherige Geschichte der Frauengleichstellung zeigt uns, wie lange diese Veränderungen brauchen. Wir stehen ganz am Anfang einer nicht binären Betrachtung von Gender, Diversität der Herkunft oder multipler Diskriminierung und Intersektionalität.

Klischees und Stereotypen

Nach wie vor werde ich gelegentlich auf Tech-Konferenzen gefragt, mit wem ich da bin. Die erste Annahme ist also, dass Frauen nicht aus eigenem professionellem Interesse auf technischen Konferenzen auftauchen oder gar einen Vortrag halten. In jeder dieser Situationen wird der Frau implizit kommuniziert, dass sie irgendwie nicht dazu gehört. Es ist eben nicht wahr, dass sich weniger Frauen für technische Berufe interessieren, sondern aus meiner Erfahrung ist eine extra Portion Motivation und Engagement notwendig, schon um einfach nur zu bleiben.

Die Zeiten des Programmierers im Keller sind weitgehend vorbei.

Es kommt immer mal wieder vor, dass ich die “Probleme im Team” löse und nicht die Probleme im Code. Auf Frauen wird meiner Erfahrung nach öfter gebaut wenn es darum geht, Workshops zu moderieren oder dafür zu sorgen, dass sich alle wohl fühlen. Diese Dinge sind ohne Frage wichtig für die Produktivität des Teams, dennoch kann sich hieraus ein Teufelskreis ergeben: Frauen verbringen ihre Zeit mit Kommunikation, während Männer technische Probleme lösen. Dadurch entstehen über die Zeit Kompetenzprofile, die das Stereotyp bestätigen.

Tipps & Tricks

Die Arbeit als Softwareentwicklerin, wie ich sie erlebe, ist weit kreativer als oft angenommen wird. Wir dürfen jeden Tag neue Dinge erschaffen und oft kollaborativ Probleme lösen. Die Zeiten des Programmierers im Keller sind weitgehend vorbei. Während ich persönlich nie zuvor so viel Spaß mit einer Tätigkeit hatte wie beim Programmieren, ist es wichtig zu wissen, dass das Erlernen des Handwerks ein Weg ist, der viel Energie, Hingabe und Frustrationstoleranz erfordert und es nicht immer einfach ist, sich nicht selbst anzuzweifeln. Die Zeit ist gerade sehr günstig, in die IT-Branche einzusteigen, denn SoftwareentwicklerInnen werden überall händeringend gesucht.

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