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Kolumne: Karrieretipps

Gescheit gescheitert: Fehler machen will gelernt sein
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Während in manch anderen Ländern die Erfahrung des Scheiterns als Grundvoraussetzung gilt, um zum Beispiel als Unternehmer erfolgreich zu sein, ist Scheitern in Deutschland tabu. Man spricht nicht gerne darüber. Wer gescheitert ist, hat die Sache nicht gut durchdacht, war unachtsam oder inkompetent. So die gängige Meinung. Genau diese Haltung verhindert jedoch Innovationen, denn sie gibt keinen Spielraum, Dinge auszuprobieren.

Während die Konkurrenz ein Produkt auf den Markt bringt, das in seiner Vollendung noch nicht perfekt ist, aber zum Kultstatus wächst, entwickeln wir Deutschen lieber so lange an einem Produkt, bis es perfekt ist. Das ist eben deutsche Qualität, deutscher Perfektionismus. Und auch im Job werden Fehler vor allem in höheren Positionen nicht toleriert. Wieviel Fehlertoleranz ist in Unternehmen gegeben und wie geht man selbst mit Fehlern und Niederlagen im Job um?

Scheitern ist eine gängige Erscheinung. Es resultiert aus aktiven Handlungen, die mit anderen Handlungen oder Umständen kollidieren. Beziehungen können scheitern, Verhandlungen können scheitern und ebenso können Projekte, für die man verantwortlich war, scheitern – und damit verbunden oft auch die eigenen Karrierepläne. Wenn Politiker gravierende Fehler machen, werden sie angehalten, von ihren Ämtern zurückzutreten; wenn die Fußballmannschaft keine Tore schießt, muss der Trainer gehen; und wenn Manager Fehler machen, werden sie gefeuert (und das nicht nur verständlicherweise, wenn sie gegen das Gesetz verstoßen haben, sondern z. B. auch bei Fehlern, die den Umsatz geringer haben ausfallen lassen). Verplant, verpeilt, verloren.

Während Gründer von Start-ups, die einmal gescheitert sind, mit größeren Start-ups neu durchstarten, weil man eben aus den Fehlern gelernt hat, herrscht in Deutschland eine Kultur des Nicht-Scheiterns. Wer gescheitert ist, muss wie Phönix aus der Asche auferstehen und seine Niederlage vergessen machen. Unternehmern gelingt das häufig tatsächlich. Sie beißen sich durch, sie stehen wieder auf, gehen neue Risiken ein und kommen am Ende doch noch groß raus. Aber was ist mit den Mitarbeitern eines Unternehmens? Was, wenn man als Projektleiter ein IT-Projekt nicht planmäßig abschließen oder eine Software nicht fristgerecht abliefern konnte? Was ist, wenn man die täglichen Erwartungen seines Vorgesetzten nicht immer eins zu eins erfüllen kann? Was, wenn man als Manager eine gravierende Fehlentscheidung getroffen hat? Ist man dann auch komplett gescheitert und weg vom Fenster? Wann hat man seine Karrierechancen verspielt? Ist der letzte Ausweg, sich dann nach einem anderen Job umzusehen, um nicht als Verlierer dazustehen, wenn man nicht ohnehin angezählt wird? Wird man die Standpauke, die man sich im besten Falle nur von seinem direkten Vorgesetzten anhören musste, je verklingen oder bleiben die schlechten Schwingungen bestehen? Was, wenn ich auf eine Beförderung spekuliere, aber immer wieder mit fadenscheinigen Argumenten vertröstet werde? Sind dann auch meine Karrierepläne vorerst gescheitert? Wie geht es danach weiter?

Sicher ist, dass Fehler und Misserfolge auf jeden Fall demotivieren und einen inneren Frust auslösen, der sich auf Dauer wiederum auf die Arbeitsleistung auswirken kann. Allein schon das Gefühl, etwas nicht zur Zufriedenheit zu erledigen, keine Anerkennung für seine Arbeit zu bekommen und immer nur auf Fehler anstatt auch auf (kleinere) Erfolge angesprochen zu werden, endet in einem Gefühl der Unsicherheit und Unzufriedenheit, dem man so einfach nicht mehr entkommt. Dabei gilt es, als erstes die Ursachen für die eigenen Fehler und das letztliche Scheitern zu finden. In der heutigen Arbeitsdynamik ist es fast schon unmöglich, keine Fehler zu machen. So entstehen Fehler bei der täglichen Arbeit:

  1. Mangelnde Erfahrung: Wer neu im Job ist – egal ob frisch von der Uni oder als Experte beim Jobwechsel – fühlt sich oft, als hätte er oder sie zwei linke Hände. Neue Kultur, neue Prozesse, neue Kollegen und noch kein Netzwerk, neue Verantwortung und viele Aufgaben, die einem noch nicht so schnell von der Hand gehen. Wenn noch dazu eine strukturierte Übergabe oder Einarbeitung fehlt, sind Fehler und Fehlentscheidungen vorprogrammiert. Es entsteht schnell ein Teufelskreis: Aufgrund der Fehler, die man zu Beginn im neuen Job macht, wird man immer unsicherer. Falls vom Arbeitgeber kein Pate oder Mentor zur Seite gestellt wird, sucht man sich am besten in den ersten Wochen selbst einen erfahrenen Kollegen, den man im Zweifelsfall fragen kann.
  2. Fehlende Qualifikation: Oft kommt man zu neuen Aufgaben wie die Jungfrau zum Kinde. Eine Kollegin hat sich verabschiedet, aber bisher ist kein Ersatz in Sicht. Und schon bekommt man ihre Projekte gleich mit auf den Tisch. Nur hat man von der Materie bisher keine Ahnung und zudem mit seinen eigenen Projekten schon genug Arbeit und Ärger. Die zusätzliche Arbeit als Projektleiter wird einem als Perspektive und zukünftige Karrierechance verkauft. Aber realistisch betrachtet ist man auf die zusätzliche Rolle weder fachlich vorbereitet, noch hat man die Zeit, sich gründlich einzuarbeiten. Die Erwartung ist aber: „Es muss halt laufen.“ Auch hier kann man nur scheitern.
  3. Zeitdruck: Das kennt wohl jeder: Bei den vielen Aufgaben und Projekten, die heute in einem extrem kurzen Zyklus geplant werden, kommt man schnell ins Straucheln. Und selbst wenn man als Entwickler von Anfang an angemerkt hat, dass der Zeitplan unrealistisch ist, selbst wenn man auf Risiken und Nebenwirkungen hingewiesen hat, am Ende nutzen dann auch die Überstunden nichts mehr. Die Fehlerwahrscheinlichkeit steigt, das Desaster ist in Sicht.
  4. Kostendruck: Hier gilt Ähnliches wie zuvor beschrieben: In IT-Projekten wird immer mehr gespart: Am Training der Mitarbeiter, an neuer Soft- und Hardware, an Ressourcen und eben wieder an Zeit. Arbeitspakete werden ausgelagert, aber wer schult die Entwickler beim Dienstleister bzw. in den Shared-Service-Centern? Das muss natürlich nebenbei in den regelmäßigen Webinaren passieren. Somit jagt ein Meeting das nächste und für die eigentliche Entwicklungsarbeit ist am Ende wieder mal zu wenig Zeit.
  5. Perfektionismus: Dieses Phänomen ist eine ganz persönliche Angelegenheit. Gerade erfolgshungrige Perfektionisten sind oft zum Scheitern verurteilt. Warum? Sie verlieren sich in Details, sind nie zufrieden mit dem Ergebnis, zerlegen jeden Prozess in noch kleinere Prozesse und verpassen am Ende das Ziel, weil sie in Arbeit ertrinken.
  6. Zu starke Zielorientierung: Aber auch eine zu starke Fokussierung auf das Ergebnis kann zum Scheitern führen. Vor allem, wenn man den Weitblick verliert. Im digitalen Zeitalter geht es nicht mehr nur um ein Ergebnis, es geht um viele Ergebnisse aus unterschiedlichen Perspektiven. Wer sich als Einzelkämpfer auf den Weg macht und versucht, alles allein zu lösen, übergeht wichtige Partnerschaften und Schnittstellen. Wer nur seine eigenen Ziele erreichen will, wird an den Zielen der Anderen scheitern. Eine konstruktive Abstimmung auf gleichberechtigter Ebene ist daher die Grundvoraussetzung, um gemeinsam zum Ziel zu kommen.
  7. Konkurrenzkultur: Es gibt Unternehmen, die erleben eine Kultur der internen Konkurrenz. Gerade in großen Konzernen geht es oft nur darum, mit politischen Spielchen die Existenz der eigenen Abteilung zu sichern oder Projekte an Land zu ziehen, mit denen man sich profilieren kann, obwohl die Tochtergesellschaft in diesem Bereich eigentlich mehr Know-how bietet. Aber auch in kleineren Unternehmen stellt der Chef die Nachbarabteilung gerne als Feind und Konkurrenz dar, gegen die man sich behaupten muss. Vertrieb gegen IT, Projektleitung gegen Controlling, Engineers gegen Entwickler. Am Ende gibt es hier immer nur Verlierer.
  8. Übereifer: Der Übereifer ist ähnlich dem Perfektionismus eine persönliche Eigenart. Man liefert lange Zeit immer mehr als man eigentlich muss, ist immer auf Volllast, immer weit über dem Limit. Das endet entweder im Burn-out oder aber der Chef gewöhnt sich an das Niveau und ist enttäuscht, wenn das Ergebnis mal nur zu 99 % ausfällt.
  9. Streben nach Anerkennung: Auch dies ist eine Charaktereigenschaft, die vor allem den erfolgshungrigen Überflieger kennzeichnet. Das eigene Selbstwertgefühl wird nur über den Job bestimmt. Links und rechts daneben gibt es nichts mehr. Fehlt die Anerkennung, ist das für einen Erfolgstypen eine Katastrophe. Man erlebt selbst kleinste Fehler als absolute Niederlage. Man will alles kontrollieren aus Angst, am Ende nicht die Lorbeeren einfahren zu können. Auch hier ist Scheitern vorprogrammiert.
  10. Angst und Unsicherheit: Aus Angst vor Fehlern werden ebendiese erst gemacht. Man traut sich nicht, eine Entscheidung zu fällen, oder aber man informiert nicht die zuständigen Kollegen, aus Angst vor einer negativen Reaktion. So geht es nie richtig voran und Konflikten wird aus dem Weg gegangen, anstatt sich im Austausch – bei dem es ruhig auch mal heiß her gehen kann – der Lösung zu nähern.

Somit bedarf es in Unternehmen also einer gewissen Fehlertoleranz, um Fehler letztlich zu minimieren. Denn nur, wer Fehler offen zugeben darf, kann die Gründe transparent machen und aus ihnen lernen. Ein ständiges Ermahnen des Vorgesetzten, wenn mal etwas nicht nach Plan läuft, ist dabei kontraproduktiv. Stattdessen gilt es, die Ursachen für die Fehler und das Scheitern zu analysieren, um gemeinsam mit dem Mitarbeiter an Bedingungen zu arbeiten, die eine bessere Grundlage zur Fehlervermeidung geben. Dennoch muss klar sein: In unserer komplexen und oftmals hektischen Arbeitswelt treten täglich Fehler auf, die vielleicht vermeidbar gewesen wären, aber eben nicht vermieden wurden. Warum?

Wer das „Warum“ transparent macht, kann zumindest vermeiden, dass dieselben Fehler nochmal passieren. Aber auch dann werden neue Fehler auftreten, Projekte scheitern und Verantwortliche frustriert reagieren. Die Lösung lautet aber: Fehler verstehen und vorausschauend handeln! Den Frust nicht die Oberhand gewinnen lassen und weitermachen; motivieren statt sanktionieren; gemeinsam besser werden statt Druck aufbauen.

Und was mache ich nun als Mitarbeiter, wenn mir ein Fehler unterlaufen ist, den andere vielleicht noch gar nicht bemerkt haben? Je nach Tragweite sollte der Fehler entweder umgehend beseitigt und gegebenenfalls beteiligte Personen und Kollegen informiert werden. Oder man spricht direkt mit dem Vorgesetzten, wie man die Fehlerbeseitigung angehen soll, um weitere Katastrophen zu verhindern. Wichtig ist, dass man sich nicht in Rechtfertigungen und Schuldzuweisungen verstrickt, weil letztlich ja doch die Umstände Schuld am Scheitern waren. In einem offenen Dialog sollte man die Fehler und Ursachen aufzeigen und auch gleich mit einem Lösungsvorschlag kommen. Auch sollte man sich gegenüber seinem Chef in langen Entschuldigungen verlieren, sondern zu seinem Fehler stehen und sich konstruktiv zeigen. Vor allem sollte man erkennen, dass Fehler zu machen kein Grund ist, den Kopf in den Sand zu stecken.

Wird man jedoch immer wieder für kleine und große Fehler zur Verantwortung gezogen, die man so nicht verbrochen hat, ist es Zeit für ein klärendes Ursachengespräch. Und wenn das nicht hilft, ist die Zeit reif für einen Jobwechsel zu einem fehlertoleranten, erfolgreichen und innovativen Arbeitgeber.

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