Kolumne: Karrieretipps

Kinder Karriere und Klischees – Ist der Spagat zwischen Familie und Beruf heute ein Purzelbaum
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Elternzeit, Work-Life-Balance-Modelle mit flexiblen Arbeitszeiten und Arbeiten im Home Office: Nie waren die Bedingungen für berufstätige Mütter und Väter besser als heutzutage. Aber wird es dadurch wirklich leichter, den Anforderungen von Familie und Beruf gleichzeitig gerecht zu werden? Ganz und gar nicht, weiß unsere Kolumnistin und Mutter einer vierjährigen Tochter aus eigener Erfahrung zu berichten. Aus dem früher so gern zitierten Spagat zwischen Kind und Karriere ist inzwischen ein Purzelbaum geworden oder vielleicht auch ein Kopfstand, bei dem es einem schwindelig werden kann – und das für Mütter und Väter gleichermaßen. Dennoch: Mit viel Organisationstalent, Kreativität und Humor schafft man es trotzdem, (meistens) alles im Griff zu haben.

Windows Developer

Dieser Teil aus der Kolumne „Karrieretipps“ von Yasmine Limberger ist erstmalig erschienen im Windows Developer 10.2012

Da sitzt er nun, der frisch gebackene Papa und betrachtet stolz das kleine Bündel auf seinem Arm: Release 1.0 – und mit dem Ergebnis ist er mehr als zufrieden. Bisher hat er hochkomplexe Software entwickelt, hat Schnittstellen und Systeme verbunden, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassten, hat mit Tools und Technik das Unmögliche möglich gemacht, hat erfolgreich IT-Projekte geleitet und Anwender mit neuen Systemen vertraut gemacht. Nun sitzt sein neuestes Projekt vor ihm und grinst ihn sabbernd an. Als technische Koryphäe und im Team stets anerkannter Experte wird er sich nun als Papa verdient machen. Er wird das kleine Menschenwesen von seiner nassen Windel befreien und auslaufsicher in eine neue verpacken, 60 Milliliter wohltemperierte Babymilch verabreichen und den Wonneproppen bei nächtlichen Schreiattacken wieder in den Schlaf wiegen. Er wird nach langer Analyse und Erstellung eines ganz neuen Pflichtenheftes erkennen, dass das Verhalten von Kindern oftmals einer eigenen Logik folgt, – aber es gibt immerhin eine. Man muss sie nur erst in entsprechende Einheiten zerlegen, den Alltag neu strukturieren und sich auf den neuen Ablauf einlassen: Wickeln, Schlafen, Wickeln, Essen, Kuscheln, Spielen und Neues entdecken und dann wieder Wickeln, Schlafen… Dieser neue Rhythmus paßt jedoch nicht immer so perfekt zum Berufsalltag. Nach nur vier Stunden Schlaf mit mehreren Unterbrechungen in der Nacht sitzt der junge Papa ebenso wie die Mama am nächsten Tag mit halboffenen Augen am Laptop und versucht, sich zu konzentrieren. Ach, wie schön ist es da doch, wenn auch Papa sich die Freiheit nimmt, für wenigstens zwei Monate in Elternzeit zu gehen und sich nach einer kurzen Nacht am Morgen einfach nochmal umdreht und bis 10 Uhr weiterschläft, danach total entschleunigt mit dem Nachwuchs im Kinderwagen zum Einkaufen schlendert, auf einer Parkbank an einer Konversation mit anderen Eltern über die neuesten Sonderangebote im Babymarkt teilnehmen kann und am Nachmittag, wenn seine Frau bei der Babymassage ist, endlich mal wieder ein paar neue Programmiertools ausprobieren kann.

Szenenwechsel: Die Elternzeit ist lange vorbei. Der kleine Spross ist mittlerweile zwei Jahre alt und kann aufgrund eines ansteckenden Magen-Darm-Virus heute nicht in den Kindergarten gehen, dann sitzt Mama oder eben auch Papa mit Kind auf dem Schoß im Home Office und nimmt an einer einstündigen Telefonkonferenz teil – arbeiten kann man heutzutage ja schließlich überall. Nach 15 Minuten ist das Auffangvolumen der Windel überschritten und Mama/Papa verbringt die restlichen 45 Minuten der Telefonkonferenz mit nassem Bein, umgeben von einem wenig gemütlichen Raumduft. Die Kollegen merken davon zwar nichts, aber man selbst ist nicht ganz bei der Sache und sehnt sich nur das schnelle Ende der Konferenz herbei.

Nochmal Szenenwechsel: Release 1.0 feiert seinen vierten Geburtstag, Mama ist sichtbar in froher Erwartung von Release 2.0, Papa hat sich extra für die Geburtstagsfeier seines Erstgeborenen freigenommen. Die ganze Familie samt Oma, Opa, Nachbarn, Freunde sitzen am Tisch und freuen sich auf den Geburtstagskuchen. Da klingelt das Handy. Über das Smartphone hat Papa vorhin schon die Eskalations-E-Mails gelesen. Bei einem Kunden ist das System ausgefallen, der First-Level-Support kommt nicht weiter, es ist dringend ein Entwickler gefragt, der sich mit dem System auskennt. Da Papa seit dem privaten Releasetermin gelegentlich im Home Office arbeitet, wissen die Kollegen nicht, ob heute ein Home Office oder ein Urlaubstag ist. Natürlich hat man eine Abwesenheitsnotiz in Outlook eingerichtet, aber da dies ja ein Notfall und das Home Office ja bestens ausgestattet ist, um mal eben für ein oder zwei Stunden die Welt zu retten, hat man eben doch nicht frei, wenn man eigentlich frei hat. Die Familie wirft einem kritische Blicke zu: Der Nachwuchs ist gerade dabei, die vier Kerzen auf dem Geburtstagskuchen auszupusten, da wird Papa in diesem historisch wichtigen Moment ja wohl nicht ans Handy gehen?! Und genau an dieser Stelle beginnt nun die Dramatik, das schlechte Gewissen auf beiden Seiten. Einerseits will man die Familie nicht enttäuschen, am Familienfest voll und ganz teilnehmen, andererseits will man die Kollegen nicht hängenlassen, den Chef nicht enttäuschen und seine Einsatzbereitschaft demonstrieren. Was also soll man tun?

In einer Arbeitswelt, in der sich der Arbeitsplatz und die Privatsphäre immer mehr vermischen, in der Kollegen auch Freunde sind, das Sofa zum Schreibtisch wird, da kreuzen sich auch die Anforderungen auf beiden Seiten. Ein Spagat ist nicht mehr nötig, da ja beide Seiten oftmals dicht beinander liegen. Vielmehr macht man täglich Purzelbäume und rollt im Strudel beider Seiten hin und her, oftmals sind aber auch Kopfstände und persönlicher Verzicht auf Freizeit nötig, um alles möglich zu machen. Ist das Kind gegen 20 Uhr endlich im Bett, wird der Rechner wieder eingeschaltet, E-Mails beantwortet, Präsentationen und Spezifikationen bearbeitet. Dabei hätte man den Abend auch einfach mal gern auf dem Sofa verbracht und den neuen „Tatort“ angeschaut oder wäre mit dem besten Freund in die neu eröffnete Lounge gegangen. Das sind die Opfer, die man(n)/frau bringen muss, um Kind und Karriere zu vereinen. Der Tag hat nur 24 Stunden, und immer wieder bekommt man zu hören, dass sich mit einem Kind das ganze Leben verändert.

Das kann man so nicht sagen, das ganze Leben nicht, nur das halbe. Der Anteil, den man früher einfach mal für sich selbst hatte, der wird immer kleiner. Dennoch sollte man darauf achten, auch zur Familie und zum Beruf noch einen Ausgleich zu schaffen und sich kleine Freiräume zu erhalten. Hierbei bedarf es natürlich der Unterstützung durch den Partner, einen Babysitter oder auch Oma und Opa, die gelegentlich einspringen, damit man auch mal wieder Zeit für sich selbst hat. Und damit ist nicht Zeit zum Arbeiten gemeint. Manchmal muss man konsequent das Handy und den Rechner ausschalten, um selbst mal abschalten zu können.

Aber hat der Chef dafür Verständnis? Und wie akzeptiert ist die Elternzeit für junge Väter bei den Arbeitgebern wirklich? Bisher nehmen laut Statistischem Bundesamt gerade mal 25 Prozent der Väter die Elternzeit in Anspruch. Muss man mit Karrierenachteilen rechnen, wenn man sich ein paar Wochen aus dem Job zurückzieht, um sich auf die neue Familiensituation einzurichten und sich einmal ganz seinem Kind widmen zu können? Hat es langfristige Konsequenzen, wenn man das gemeinsame Schwimmen mit dem Sohn am späten Nachmittag einem Abteilungsmeeting vorzieht? Kann man es sich erlauben zu sagen, dass man heute mal sein Kind früher vom Kindergarten abholen muss oder einen Tag freinehmen möchte, weil die Tochter krank ist? Das ungute Gefühl, einen schlechten Eindruck zu erwirken, wenn man offen zeigt, dass die Familie vorgeht, ist zumindest bei den meisten Vätern und Müttern allgegenwärtig. Und in der Tat zeigen sich Vorgesetzte heute zwar generell offen gegenüber Elternzeit und flexiblen Arbeitszeiten, setzen dies jedoch häufig auch mit einem organisatorischen Mehraufwand gleich. Für die Zeit der Abwesenheit muss ein Ersatz einspringen, dies ist gerade bei Führungspositionen nicht leicht. Kommt ein Kollege in Teilzeit zurück, muss die Arbeit neu verteilt werden, ohne dass sich die anderen Kollegen überfordert fühlen. Väter, die in Elternzeit gehen bzw. aus der Elternzeit zurückkommen, befürchten wiederum oft, dass das Neuordnen der persönlichen Prioritäten gleichzeitig mit einer geringeren Einsatzbereitschaft im Job gleichgesetzt wird. Viele Väter halten daher die Elternzeit mit einem Zeitraum von ein bis zwei Monaten bewusst kurz, um den Anschluss nicht zu verpassen und ihren beruflichen Status mit der verbundenen Verantwortung nicht abzugeben. Was aber ist nun das Rezept für eine Balance zwischen harmonischem Familienleben und Erfolg im Beruf?

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