We are snookered

Kolumne: Das Internet der zwei Geschwindigkeiten
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Mitte der Achtziger Jahre lernte ich bei einem Schüleraustausch in England den Ausdruck „you are snookered“ kennen. Er bedeutet soviel wie „in der Patsche sitzen“. Er passt prima auf die Situation, in der wir uns aktuell als Frontend-Entwickler befinden.

Jens GrochtdreisJens Grochtdreis

Wir sind tatsächlich „snookered“, weil wir zwischen zwei Polen stehen. Wir können mittlerweile Seiten mit modernem, effektivem Code erstellen, der gut wartbar ist und relativ schlank daherkommt. Doch wenn wir das tun, schließen wir 50 bis 60 % der Nutzer aus, denn diese kommen mit einem Internet Explorer. Microsoft hat sich selbst von der Entwicklung abgehängt, indem es den IE6 jahrelang nicht weiterentwickelte. Für die Großkunden des Softwaregiganten war damit das Ende der technischen Entwicklung erreicht. Applikationen in diversen Intranets konnten so quasi gefahrlos auf den IE6 zugeschnitten werden. Wir Webentwickler wiederum konzentrierten jahrelang unsere Kreativität darauf, die Unzulänglichkeiten des IE6 durch Tricks und Kniffe auszugleichen. Denn wir wollten uns nicht mit den eingeschränkten Fähigkeiten des IE zufriedengeben. Schließlich sahen wir in den Standards, wie schön effektiv und schnell wir so manches Layout umsetzen könnten – müssten wir keine Rücksicht auf den Platzhirschen aus Redmond nehmen.

Die Konkurrenz

Die Tatenlosigkeit von Microsoft lies anderen Browserherstellern (MOW 1) umso mehr Raum, ihre eigenen Produkte zu entwickeln und voranzutreiben. Anfangs waren die Mozilla-Browser das Maß aller Dinge, mittlerweile sind es eher Opera und Webkit (Safari und Chrome). Die Microsoft-Konkurrenz ist mittlerweile treibender Faktor in der Modernisierung des Internets. CSS3 und das noch lange in Diskussion befindliche HTML5 werden immer mehr zu Teilen dieser Browser. Hinzu kommen insbesondere bei Apples Safari-Browser experimentelle, neue Elemente und Eigenschaften, die man in Cupertino insbesondere für die eigenen iPhones und iPads entwickelt.

Früher ging Microsoft genauso vor wie jetzt Apple und baute seine eigenen Spezifikationen und Erweiterungen. Es gibt zwei Unterschiede zu heute: Erstens wird Apple für seine Ideen gefeiert, zweitens sind diese Erweiterungen nicht nur für den eigenen Browser gedacht. Sie sollen vielmehr eine Anregung für die Weiterentwicklung von HTML und CSS sein. Dem direkten Verdrängungskampf des ersten Browserkriegs ist ein eher sportlicher Wettstreit um gemeinsame Ziele gewichen. Das bringt uns allen was.

Rächer: Sammeln!

Im Jahr 2004 gründeten Mozilla, Opera und Safari die WHAT-WG. Beweggrund war die Entwicklung neuer Spezifikationen für moderne Webapplikationen. Das W3C wurde offenbar nicht als die richtige Bühne dafür wahrgenommen und so ein eigenes „Theater“ gegründet. Mittlerweile sind die Ideen der WHAT-WG die Basis für HTML5. Zeitgleich mit dem Beginn der Arbeiten an HTML 5 musste sich das W3C die Sinnlosigkeit der Weiterentwicklung von XHTML2 eingestehen. Die Erkenntnis kam spät, aber sie kam zumindest.

Ein Blick zurück

Ein kurzer Blick zurück zeigt, dass das W3C in der Anfangszeit des Webs sehr schnell neue Standards veröffentlichte. Nachdem HTML2 im Jahr 1995 zum Standard erhoben wurde, folgten 1997 HTML3.2 und schon 1998 HTML4. Ende 1999 folgte dann HTML4.01, auf dessen Stand wir uns im Prinzip noch heute befinden. Denn das 2001 neu definierte XHTML1 war nur eine Um- und Neuformulierung von HTML4. Im Dezember 1996 wurde CSS1 als Standard definiert, Mitte 1998 folgte schon CSS2. Nach ein paar Jahren folgte die Überarbeitungsversion CSS2.1. Das W3C zog nach einiger Zeit CSS2.1 allerdings wieder zurück, sodass wir offiziell noch immer mit einem Standard aus dem Jahr 1998 arbeiten.

Bestandsaufnahme

Seit gut zehn Jahren wurden seitens des W3C keine neuen Standards für HTML und CSS veröffentlicht. Es wird vielmehr seit vielen Jahren an neuen Standards gearbeitet, die teilweise als Sackgasse identifiziert werden mussten. Mit XHTML2 wurde ein potenziell neuer Standard begraben und auch XHTML1.1 wird nie praktische Relevanz erhalten, weil kein Microsoft-Browser ihn unterstützt. Wir arbeiten also mit uralter Technik, während sich das Internet in rasender Geschwindigkeit weiterentwickelt.

Microsoft scheint erst seit Kurzem den Wert von Innovation im Internet verstanden zu haben. Bislang wehrte man sich immer gegen die Implementierung von HTML5 und CSS3, weil man sich nur auf verabschiedete Standards stützen wollte. Microsoft erzeugte so – ob gewollt oder ungewollt – eine Lücke zwischen sich und den anderen Browserherstellern. Diese Lücke macht es uns Frontend-Entwicklern schwer, ein gleichartiges Surferlebnis für alle Nutzer zu entwickeln und dabei einen schlanken, gut wartbaren Code zu erzeugen. Wenn nur zwei Drittel aller Ankündigungen zutreffen, wird der IE9 ein richtig moderner Browser werden. Allerdings wird uns dies bei der langen Haltbarkeit der alten IE-Versionen nicht viel helfen.

1MOW steht für „Mozilla, Opera, Webkit“ und spielt damit auf die ältere Abkürzung MOS an: „Mozilla, Opera, Safari“ .

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