Interview: Wie künstliche Intelligenz unser Leben verändert

Vom Segen und Fluch der KI: „Das Thema KI ist vor einigen Jahrzehnten völlig überschätzt worden“
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Künstliche Intelligenz verändert alles. Prof. Dr.-Ing. Klaus Henning spricht in seinem neuen Buch „Smart und digital“ sogar von der größten Kulturrevolution seit Gutenberg. Welche Versprechungen die künstliche Intelligenz wirklich einlösen kann, beantwortet der ausgewiesene Digitalexperte und Autor im Interview.

Entwickler: Trotz aller, schon vor Jahrzehnten gemachten Zukunftsversprechen, sind weder humanoide Roboter noch autonome Fahrzeuge in unserem Lebensalltag eingezogen. Wird das Thema KI überschätzt?

Prof. Dr.-Ing. Klaus Henning: In der Tat ist das Thema KI vor einigen Jahrzehnten völlig überschätzt worden. Inzwischen haben sich aber die technischen Rahmenbedingungen dramatisch geändert. Die massenhafte Verfügbarkeit von Daten kombiniert mit den inzwischen verfügbaren Rechnerstrukturen für die Realisierung von Neuronalen Netzen und genetischen Algorithmen hat den Durchbruch ermöglicht. Autonome Fahrzeuge sind heute schon verfügbar, zum Beispiel im Bereich von kleinen Linienbussen im Bereich bis 50 km/h. Teilautonom fahrende PKW und LKW sind Stand der Technik. Voll autonom (auf dem Automatisierungslevel 5) fahrende Fahrzeuge sind bei vielen Hersteller in Feldversuchen bereits im Einsatz. So ist zum Beispiel ein Oberklassen-PKW auf der Autobahn Nürnberg-München bis Tempo 200 vollautomatisch ohne jeden Fahrereingriff im fließenden Verkehr gefahren. Der flächendeckenden Einsatz vollautomatischer Fahrzeuge wird aus technischen Sicht wahrscheinlich schon in den nächsten 10 Jahren realisierbar sein – möglicherweise schon bald in China.

Bei dem humanoiden Robotern ist die Entwicklung komplexer. Einfach humanoide Dienstleistung Roboter sind schon heute einsatzbereit. Hier wird es auf Konzepte eines klugen Zusammenspiels zwischen solchen Robotern und dem Menschen ankommen – ich nenne das hybride Intelligenz.

Entwickler: In Ihrem neuen Buch „Smart und digital – Wie künstliche Intelligenz unser Leben verändert“ prognostizieren Sie für die nächsten Jahrzehnte, ausgelöst durch die digitale Transformation, die größte Kulturrevolution seit Gutenberg. Auf welche gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Auswirkungen müssen wir uns gefasst machen?

Henning: Die Digitale Transformation mit Künstlicher Intelligenz ermöglicht eine Neugestaltung extrem vieler Bereiche des Lebens, Arbeitens und Lernens. Sie hat massiven Einfluss auf die Art und Weise wie wir unser Denken und Handeln organisieren und führt zu einer neuen Partnerschaft zwischen Menschen, Objekten, Fahrzeugen, etc. und den jeweiligen digitalen Schatten von Menschen und Objekten. Davon sind die logistischen Prozesse und industrielle Wertschöpfung ebenso betroffen wie die öffentliche Verwaltung, Rechtsanwälte und Schulen.

Die Digitale Transformation mit Künstlicher Intelligenz ermöglicht eine Neugestaltung extrem vieler Bereiche des Lebens, Arbeitens und Lernens.

So könnten zum Beispiel mobile Pflegekräfte nicht mehr selbst Auto fahren müssen, sondern gefahren werden. Und die Dokumentationsprozesse der Pflegearbeit könnten weitgehend automatisiert erfolgen, so dass mehr Freiraum für die eigentliche Aufgabe der Pflege entsteht. Das Recherchieren von Entscheidungen der Rechtsprechung könnte durch KI-Maschinen erfolgen. Und schon heute finden wir den Kinderzimmern in Spielzeugauto teilweise ziemlich intelligente KI Maschinen. Ganz zu schweigen von KI-gestützten Lernprozessen, die in Lernplattformen eine neue Dimension des Lernens und Lehrens erlauben. Und schon heute haben etwa in i-phones lokale KI-Maschinen, die Video-Sequenzen aus den abgespeicherten Bildern erstellen.

Entwickler: Wenn sich alle Versprechungen der künstlichen Intelligenz in der Zukunft einlösen. Können wir uns dann auf ein bequemes Leben freuen, bei dem intelligente Maschinen die Arbeit für uns übernehmen?

Henning: Ja und Nein. So werden viele Tätigkeiten entfallen können, die intelligente Maschinen, Plattformen und Objekte einfach besser machen. Gerade im Bereich von „Denkarbeit“ werden viele Basisprozesse der Daten sammeln verstehen und interpretieren für den Menschen überflüssig werden, weil es der KI-Partner besser macht.

Es werden aber eine Fülle von neuen Aufgaben entstehen auf Grund der explodierenden Zahl von neuen Gestaltungsmöglichkeiten. Insbesondere in allen Bereiche der handwerklichen Arbeit wird es in vielen Bereichen keinen Sinn machen, den Menschen durch Roboter zu ersetzen, wohl aber zu unterstützen.

Entwickler: Ist der Mensch am Ende der Entwicklung eine einzige hybride Intelligenz, der alle Grundfragen des Lebens datengetrieben lösen kann?

Henning: Der Mensch ist sicher keine Hybride Intelligenz. Er kann unter Nutzung des Zusammenspiel mit intelligenten Maschinen ein hybride Intelligenz entwickeln, also ein neue Art von Partnerschaft zwischen Menschen und Maschinen. So wir auch schon immer eine gute Partnerschaft mit Tieren pflegen können. Natürlich sind die intelligenten Maschinen und Plattformen in der Bereitstellung von massenhaften Daten und deren massenhafter Verarbeitung dem Menschen überlegen.

Der Mensch ist sicher keine Hybride Intelligenz.

Aber davon wird keine einzige Grundfrage des Lebens des Menschen gelöst. Die Frage nach Sinn, nach Leid, nach Schuld und nach Gott wird eine KI Maschine nie beantworten können.

Entwickler: Ist die KI eine Befreiungstechnologie oder ein Werkzeug für die Totalüberwachung des Menschen? Wie ist dazu Ihre persönliche Einschätzung: Bringen die Errungenschaften der künstlichen Intelligenz der Menschheit am Ende mehr Vor- oder Nachteile?

Henning: Wie jede technische Entwicklung hat KI zwei Gesichter – zum Segen und zum Fluch. KI ist eine Chance uns aus organisatorischen und technischen Zwängen zu befreien. Wieso muss zum Beispiel ein Auto von einem Fahrer gefahren werden, wenn es auch anders geht. Aber KI kann auch zur Totalüberwachung des Menschen eingesetzt werden, wenn wir nicht einen weltweit wirksamen politischen Gestaltungswillen entwickeln, dass genau das nicht passiert.

Leider sind in diesem Gebiet die Visionen für eine zukünftige Überwachungsgesellschaft in China sehr weit entwickelt, während bei uns eine vorausschauende Diskussion um die zukünftige Gestalt von Staat und Gesellschaft unter dem Einfluss von KI dringend geboten ist.

Entwickler: Vielen Dank für diese Interview!

Prof. Dr.-Ing. Klaus Henning, Senior Partner der Umlaut transformation GmbH in Köln ist Mitglied des Vorstands des Instituts für Unternehmenskybernetik an der RWTH Aachen. Zuletzt ist sein Buch Smart und digital: Wie künstliche Intelligenz unser Leben verändert im Springer Verlag erschienen.

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