Macht PowerPoint dumm
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Die Präsentations-Software PowerPoint gehört im Geschäftsleben zum guten Ton wie ein ordentlicher Einreiher oder gepflegtes Schuhwerk. Doch begeistert Microsofts Lösung für interaktive Präsentationen

Die Präsentations-Software PowerPoint gehört im Geschäftsleben zum guten Ton wie ein ordentlicher Einreiher oder gepflegtes Schuhwerk. Doch begeistert Microsofts Lösung für interaktive Präsentationen nicht nur adrette Geschäftsmenschen von Welt. Eine weitere gesellschaftliche Gruppe ist von ihr ergriffen worden, die man für gewöhnlich wohl kaum mit lebensfrohen Diagrammen und freundlichen Präsentation in Verbindung bringen würde – das US-Militär!

Das nämlich soll nicht nur PowerPoint-begeistert, sondern geradezu süchtig danach sein, heißt es zumindest in einem Artikel, den vor Kurzem die New York Times veröffentlicht hat. Laut diesem Bericht geht in der sonst so tarnfarben-grauen Welt der Militärs ohne PowerPoint heutzutage nichts mehr. Ob Lagebericht, Planungsdokumente oder Organigramme – für alles muss eine PowerPoint-Präsentation her.

Wie es sich für eine Sucht gehört, ist diese schleichend und unauffällig in das Leben der Militärs eingesickert. Als jedoch im vergangenen Sommer ein so gut wie nicht mehr überschaubares Organigramm des Militärs an die Öffentlichkeit geriet, war es nicht mehr zu übersehen, das US-Militär ist Power-Point-süchtig:

Like an insurgency, PowerPoint has crept into the daily lives of military commanders and reached the level of near obsession. The amount of time expended on PowerPoint, the Microsoft presentation program of computer-generated charts, graphs and bullet points, has made it a running joke in the Pentagon and in Iraq and Afghanistan.

Doch was ist eigentlich so schmählich an dieser „Obsession“? Tun es denn nicht Millionen von anderen Menschen auch – und das täglich? Ist es nicht etwas ganz Natürliches und Normales für eine große Organisation, sich die Arbeit durch das Erstellen von schönen Grafiken, Überblicken und Charts zu vereinfachen?

Mitnichten. Denn wie in so vielen Bereichen, gilt auch hier Paracelsus Ausspruch „Die Menge macht das Gift“. Nicht also, dass PowerPoint überhaupt beim Militär eingesetzt wird, sondern die exzessiven Maße des Gebrauchs, dessen man kaum noch Herr werden kann, sind das eigentliche Gift, das die Adern des Militärkörpers perfide durchwallt. Und freilich lässt bei einer Vergiftung auch die Erkrankung nicht lange auf sich warten. Doch von welcher Erkrankung ist da eigentlich die Rede? Laut General James N. Mattis ausgerechnet von jener, die dem Militär für gewöhnlich doch recht gelegen kommen dürfte:

PowerPoint makes us stupid

Die Verdummung sei also das Problem. Dadurch, dass Überblicke und verallgemeinernde Darstellungen zwangsläufig auch komplexe Sachverhalte vereinfachen, wird man einer vielschichtigen und verzwickten Situation nicht mehr Herr werden können. Das aber führt zu einem anderen Punkt:

It’s dangerous because it can create the illusion of understanding and the illusion of control[…]Some problems in the world are not bullet-izable.

PowerPoint erzeuge durch Bilder und Grafiken also ein Gefühl der Kontrolle, wo eigentlich gar keine existiere. Es systematisiere Probleme auf eine Weise, die verschleiert, dass die Kontrolle fehlt. Und dies wiederum führe zu einem verschleierten Weltbild, das wiederum Fehlschlüsse und falsche Aktionen des Militärs nach sich ziehe.

Erschwert werde dieser Umstand noch dadurch, dass sich die wehrkraftzersetzende Krankheit durch den umfassenden Gebrauch bereits im ganzen Heereswesen ausgebreitet hat. Laut dem Bericht wenden die Militärs nämlich mehr Zeit für die Erstellung von PowerPoint-Slides auf, als sie in ihre eigentliche Aufgabe stecken: Der raschen und zeitnahen Beseitigung von Widerstand. So zählt der Artikel eine Reihe von Fällen auf, in denen die Arbeit der Militärs in der Flut von PowerPoint-Präsentationen ertränkt wird, die täglich über sie hinweg schwappt, wie z.B. folgender:

Last year when a military Web site, Company Command, asked an Army platoon leader in Iraq, Lt. Sam Nuxoll, how he spent most of his time, he responded, „Making PowerPoint slides.“ When pressed, he said he was serious.

Ein interessanter Einblick, den die New York Times da in die Parallelwelt des US-Militärs bietet. Allein: Handelt es sich wirklich um ein internes Problem des US-Militärs? Oder hat nicht vielmehr diese Krankheit irgendwann einmal von ziviler auf die militärische Seite übergegriffen? Wir sind gespannt auf Ihre Meinung!

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