Einsichten von der webinale VISIONS 2014

Mensch, Cyborg, Data: Schlaglichter unserer digitalen Zukunft
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Ist das Sammeln von Daten wirklich so schlimm, wie jeder meint, oder ergeben sich aus den daraus gewonnenen Informationen nicht vollkommen neue Möglichkeiten? Diese und viele andere wichtige Fragen zum Thema Digitalisierung standen im Fokus der webinale VISIONS am vergangenen Donnerstag.

Im Rahmen der ersten Ausgabe des Symposiums ging es im Offenbacher Capitol einen Tag lang um das Thema Datability, ein Begriff, der eine Vielzahl von Digitalisierungsaspekten einschließt – von Big und Smart Data über Privatsphäre und Post Privacy bis hin zu Whistleblowing, Wearables, Self-Tracking und dem Internet der Dinge.

Erklärtes Ziel des Events, das von Software & Support Media in Kooperation mit der Offenbacher Wirtschaftsförderung und dem Designstudio Sensory-Minds veranstaltet wurde, war es, den Teilnehmern mit den zahlreichen Vorträgen einen Einstieg in die wichtigen Aspekte einer voranschreitenden Digitalisierung zu bieten und eine Brücke zwischen denjenigen zu schlagen, die die Digitalisierung mit offenen Armen empfangen und denjenigen, die ihr eher skeptisch gegenüber stehen.

Quantified Self

Die NSA-Affäre hat vielen – zumindest kurzzeitig – die Augen geöffnet. Doch war das Kind zu diesem Zeitpunkt schon längst in den Brunnen gefallen. Quantified Self lautet das Zauberwort, mit dem unzählige Menschen bereitwillig ihren Tagesablauf in kleine Datenhappen aufteilen und eben diese Daten in der Cloud ablegen, um von jedem Device aus darauf zugreifen zu können. Andere nutzen die Möglichkeit, die uns Versicherungen bieten: Mit einem Chip, der im Fahrzeug angebracht ist, teilen sie Daten über ihr Fahrverhalten mit den Versicherungen, um sich einen Vorteil in den Beiträgen sichern zu können.

Kontext is King

Die „Datensammelwut“ ist also weit verbreitet. Dabei gilt es, die Daten in den richtigen Kontext zu stellen, die richtigen Informationen daraus zu ziehen. Mit diesem Thema hatte Dirk von Gehlen (Leiter “Social Media/Innovation” Süddeutsche Zeitung) das Symposium zur digitalen Gegenwart eröffnet. Denn in einer Welt, in der Inhalte identisch dupliziert werden, ist der Kontext das ausschlaggebende Kriterium, das den Wert des Contents definiert. Daten, die in einem Moment keinen Mehrwert bieten, können in einem anderen Zusammenhang zu einer wichtigen Information weiterverarbeitet werden.

Man bedenke nur die Vorteile, die uns smarte Devices durch die aus den Daten gewonnenen Informationen im täglichen Leben – im richtigen Kontext – bieten können. Doch um den Kontext richtig bestimmen zu können, bedarf es genauer Informationen. Und Informationen ergeben sich aus gesammelten Daten.

Wenn wir diese Vorteile für uns nutzen möchten, müssen wir umdenken. Das Sammeln von Daten kann letzten Endes dazu führen, dass Technologie unser Leben unterstützt, statt es einzuschränken. Wir stehen vor einem gesellschaftlichen Wandel, dessen Ausmaße wir noch gar nicht abschätzen können.

Dirk von Gehlen

Schlaglichter des digitalen Zeitalters

Ob man der Datenflut nun offen oder skeptisch gegenübersteht – entziehen kann man sich ihr kaum. Auch wer den Gadgets der Quantified Self-Bewegung nichts abgewinnen kann – Florian Schumacher hatte in seinem Vortrag „Leben in einer Datenwelt“ einige Exemplare vorgestellt, angefangen bei den blutdruckmessenden Smartwatches über die Fußabrollverhalten-prüfenden Socken bis zu den Schlucksensoren, die vom Inneren des Magens aus noch vor dem Durstgefühl einen Flüssigkeitsmangel in die Gesundheitsapp melden. Mit den veränderten Parametern des gerade erst beginnenden Digitalen Zeitalters (Wolfgang Henseler) wird man in den unterschiedlichsten Sphären seiner Lebenswelt konfrontiert.

Beispielsweise wird ab 2015 jedes neue Auto mit einem Crash Sensor ausgestattet werden, der bei Unfällen automatisch den Standort des Fahrzeugs an Notdienste übermittelt. Zweifellos eine überaus sinnvolle, da Menschenleben rettende Technologie. Doch kommt es auch hier, wie bei jeder technologischen Neuerung, auf den Einsatzzweck an. Denn theoretisch lässt sich mit solchen Sensoren das Fahrverhalten jedes Verkehrsteilnehmers überwachen.

Dabei müssen nicht Science-Fiction-Szenarien einer selbstfahrenden Autowelt ohne Ampeln bemüht werden. Die Versicherungen, die je nach Fahrverhalten Prämien ausschütten, hatten wir schon erwähnt. Elektronische Maut-Systeme sind ebenfalls real. Wie weit entfernt ist der Schritt, das getrackte Fahrverhalten mit der Strafkartei in Flensburg zu „harmonisieren“? Und vor allem: Wie sicher sind solche Daten vor dem Zugriff Dritter?

Beispiele, wie Unternehmen über unsere Köpfe hinweg mit unseren Metadaten handeln, zählte Wolfie Christl (Data Dealer) auf: Da werden von Regierungsbehörden psychologische Profile erstellt, die sich rein auf Anrufverhalten und SMS-Länge beziehen. Surf- und Kauf-Profile werden als Marketing-Ware und Indikator für Kreditwürdigkeit offen auf dem Markt gehandelt. Islamisten werden anhand ihrer Vorlieben beim Besuch von Pornoseiten „identifiziert“ und „liquidiert“ – was nicht zuletzt dank Whistleblower wie Daniel Ellsberg und Edward Snowden bekannt wurde, diesen modernen „Heroes“, wie sie Elmar Geese (Elmar Geese Consulting) in seinem Vortrag „Eine kurze Geschichte des Whistleblowings“ nannte.

Erfrischend relativierend wirkte da der Ausspruch Gernot Pflügers (CPP Event GmbH) in „Glasperlen für unsere Privatspäre.“: „Schwachsinnig, wer vom Surfprofil meines Familien-PCs irgendwelche Rückschlüsse auf mich ziehen möchte.“ Die Prinzessin Lilifee der Kinder findet sich nämlich dort genauso wie die nicht-jugendfreien Titel aus dem Medien-Streaming-Angebot.

Dass die Digitalisierung die Welt radikal verändert hat, ist offensichtlich. Dennoch leben wir noch mit den selben Institutionen nach den selben Regeln und wenden die selben Strategien an wie vor 20 Jahren. Mit einem wichtigen Unterschied: Die Regeln, Institutionen und Strategien scheinen immer schlechter zu funktionieren. Ein Umdenken und eine Anpassung der Strategien ist unabdinglich. Der Autor, Blogger und Journalist Michael Seeman erläuterte in seinem Vortrag „10 Regeln des neuen Spiels“ Leitlinien, die uns das „Spiel der Digitalisierung“ besser spielen lassen. 

Sein Fazit: Das Problem sind nicht die Regierungen, das Problem sind nicht die Geheimdienste, das Problem sind nicht die datensammelnden Unternehmen. Das Problem sind wir selbst, denn es liegt in unserer Hand, die althergebrachten Strategien anzupassen, um in diesem Spiel nicht die Verlierer zu sein.

Michael Seemann

Der Mensch – ein Cyborg?

Dass Technologie für unser menschliches Dasein so prägend ist, dass wir uns nicht mehr als rein biologisches Wesen betrachten können, vertritt Stefan Greiner, Gründer des Vereines Cyborgs e.V.

Technik wird heute nicht mehr nur zur äußeren Naturbeherrschung eingesetzt, sondern führt zu einer Neuerfindung unserer eigenen Natur, so die These Greiners.  Die Verschmelzung von digitaler und physikalischer Welt findet dabei nicht nur außerhalb des menschlichen Körpers statt. Die Technik begibt sich in unsere Körper, was Greiner mit dem Selbstexperiment belegt, sich einen Magneten in den Zeigefinger zu implantieren, um fortan elektronische Signale, etwa von Alarmanlagen oder Telefonen zu spüren.

Doch muss man gar nicht so weit gehen: Von den Gesundheitsdaten-sendenden Schlucksensoren war bereits die Rede. Elektronische Sensoren, die wochenlang als Hauttattoos unsere Körper zieren, werden bald zu unserem Alltag gehören. Hirnforschern soll es sogar bereits gelungen sein, eine rein gedachte Botschaft digital zu kodieren und in einem anderen Menschen wieder zu dekodieren. Gedankenübertragung von Mensch zu Mensch bzw. Cyborg zu Cyborg?

Die Digitalisierung des Körpers führt letztlich zu einem Internet der Dinge und Körper, sagt Greiner und regt zum Nachdenken über eine neue Stufe unseres menschlichen Selbstverständnisses ein.

Digitale Unternehmenswelten

Was haben Unternehmen wie Nokia, Kodak und Quelle gemein? Nun, sie alle waren Marktführer – und sind fast völlig von der Bildfläche verschwunden. Grund dafür: Sie haben die Digitalisierung verschlafen. Dass dies aber nun keine Einzelphänomene einiger „Global Player“ sind, sondern ganz konkret jedes mittelständische Unternehmen betrifft, war die Botschaft, die Harald Schöning (Software AG) in seinem Vortrag Das digitale Unternehmen – wer ist das? vermittelte.

Wer die digitalen Herausforderungen nicht ernst nimmt, wird in 10 Jahren von der Bildfläche verschwunden sein, sagt Schöning, Mitgestalter der Zukunftsprojekte „Industrie 4.0“ und „Smart Servicewelt“ der Bundesregierung. Industrie 4.0 heißt das Schlagwort: Individualisierung der Produkte bei gleichzeitiger Flexibilisierung der (Massen-)Produktion; Automatisierung durch Verfahren der Selbstoptimierung, Selbstkonfiguration und Selbstdiagnose; Agilität, Vernetzung und Smart Services: „Niemand sollte heute mehr Personal einstellen, das ausschließlich mit dem Auswechseln von Druckerpatronen beschäftigt ist.“ Stattdessen konzentriere man sich auf seine Kernkompetenz und kaufe sich den Druckservice von einem spezialisierten Dienstleiter ein.

Worauf es heute ankommt, sagt Schöning, sind nicht mehr die Produkte, sondern das Geschäftsmodell. Geld machen heute nicht mehr die Hersteller von Büchern, sondern Amazon, das mit dem Modell „Alles was ich heute bestelle, ist in ein paar Tagen bei mir“, (nicht nur) den Buchhandel revolutionierte. Heute sind es oft solche Zwischen-Instanzen, die in traditionelle Vermarktungsketten eingreifen und so Marktführer ins Wanken bringen – Schöning nennt den amerikanischen Fahrvermittlungsdienst Uber, der ohne eigene Fahrzeugflotte, mit einer reinen Service-Leistung, dem traditionellen Taxi-Gewerbe das Fürchten lehrt.

Digitale Dokumentation

Marina Weisband, von 2011 bis 2012 politische Geschäftsführerin der Piratenpartei und eine der Sprecherinnen der digitalen Generation in Deutschland, führte dem Publikum die Vision eines Tages vor Augen, an dem unsere Urenkel das Leben ihrer Urgroßeltern erforschen. Wie werden unsere Kinder und Kindeskinder einmal das Leben und die Identitäten ihrer Großeltern und Urgroßeltern rekonstruieren?

Marina Weisband

Vermutlich völlig anders als wir heute das Leben unserer Vorfahren. Denn dank der Digitalisierung und ihren Begleiterscheinungen wie beispielsweise sozialen Netzwerken ist es möglich, eine Art digitale Dokumentation des Lebens anzufertigen. Allerdings werden kommende Generationen neue Aggregationsformen finden müssen, um sich angesichts der ungeheuren Datenflut ein kohärentes Bild von sich, von anderen und von vorangegangenen Generationen machen zu können.

Am Herzen lag Marina Weisband darüber hinaus das Thema Netzneutralität, denn ihrer Meinung nach werden die Rahmenbedingungen dafür in den nächsten Jahren gelegt und festgezurrt. Nur wenn diese Netzneutralität gegeben ist und alle über Zugang zu offenen Plattformen verfügen, ebnet die Digitalisierung den Weg in eine positive Zukunft.

Die digitale Zukunft gestalten

Auch Peter Schaar, von 2003 bis 2013  Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, befasste sich in seinem Vortrag mit der digitalen Zukunft, genauer gesagt mit den wichtigsten Faktoren für die Gestaltung unserer digitalen Zukunft. Neben zentralen Themen wie Sicherheit, Datenschutz und Massenüberwachung standen auch wirtschaftliche Aspekte im Fokus von Schaar, der inzwischen Vorsitzender der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz ist. Seine Überzeugung: Ohne bewusstes Eingreifen werden sich eher die negativen Faktoren der Digitalisierung durchsetzen.

Peter Schaar

Konklusion: Umdenken!

Big Data ist eines der Buzzwords, das seit Jahren durch die deutsche IT-Medienlandschaft geistert. Und spätestens mit der NSA-Affäre wurde auch dem wenig IT-affinen Bundesbürger bewusst, dass nicht erst seit gestern Daten in schier unvorstellbaren Ausmaßen gesammelt und verarbeitet werden. Doch in Zeiten, in denen jeder mehr oder weniger freiwillig einen nicht unerheblichen Teil seines Seins preisgibt, ist es an der Zeit, umzudenken. Es ist an der Zeit, die Möglichkeiten zu ergründen, die sich uns auftun. Genau dieser Aufgabe hat sich die webinale VISIONS gestellt.

We can’t solve problems by using the same kind of thinking we used when we created them. Albert Einstein

Am Ende eines gelungenen Tages hatte das Publikum der webinale VISIONS zahlreiche neue Perspektiven der Digitalisierung kennengelernt. Und nur durch offene Debatten und Veranstaltungen wie diese lassen sich die Meinungsgräben zwischen Daten-Skeptikern und Daten-Positivisten überwinden. Fest steht: Die Teilnehmer der ersten webinale VISIONS haben eine Vielzahl von Denkanstößen für ihr eigenes digitales Leben mit auf den Weg bekommen.

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