Interview zu Microsofts neuer Offenheit

Microsofts Elfenbeinturm ist Schnee von gestern
Kommentare

Microsoft hat auf der Connect(); radikale Ankündigungen gemacht, die vor allem für .NET-Entwickler einen völlig neuen Weg aufzeigen. Die gewohnte Beschränkung auf die Microsoft-Plattform gibt es nicht mehr, der .NET Core ist Open Source und wird für alle Server-Plattformen, also auch Linux und MacOS, zur Verfügung stehen. Außerdem sollen .NET-Anwendungen auf Android und iOS ebenso zu Hause sein wie auf Windows Phone und Windows. Rainer Stropek (software architects gmbh) hat mit uns über die Auswirkungen dieses Schachzugs auf die Arbeitsweise von .NET-Entwicklern gesprochen.

Windows Developer: Was ist für dich der radikalste Einschnitt, die beeindruckendste Änderung?

Rainer Stropek: Einen einzelnen Aspekt herauszupicken, wäre zu kurz gegriffen. Man muss das ganze Bild betrachten. Seit Jahren redet Microsoft davon, dass sich das Unternehmen von Grund auf ändern will. Mich beeindruckt die Konsequenz und Geschwindigkeit, mit der dieses Ziel mittlerweile angestrebt wird. Es bleibt nicht nur beim Reden. Geheimniskrämerei und Produktentwicklung im Elfenbeinturm sind Schnee von gestern. Offenheit und Transparenz stehen jetzt hoch im Kurs.

Ich denke, dass es sich dabei nicht um eine Eintagsfliege handelt, denn schließlich hat Microsoft ein Geschäftsmodell entwickelt, über das sich mit freier Software gutes Geld verdienen lässt: die Cloud. Microsoft ist gut beraten, Linux willkommen zu heißen und hier zu investieren, immerhin läuft ein nennenswerter Anteil der Azure-Server mit Linux. Teile von Office auf allen Plattformen anzubieten und teilweise sogar zu verschenken ist ein geschickter Schachzug, denn dadurch schnellt der Umsatz mit Office 365 in die Höhe. Open-Source-Bibliotheken zu übernehmen statt das Rad immer neu zu erfinden ist nur konsequent, wenn dadurch Ressourcen für die Weiterentwicklung der Cloud frei werden.

Für mich ist es faszinierend zu sehen, wie das Geschäftsmodell in einer Organisation in der Größe von Microsoft so grundlegend umgestellt wird. Als Softwareentwickler heiße ich diesen neuen Kurs begeistert willkommen – auch wenn er viele Änderungen und eine Menge Lernaufwand bedeutet.

Windows Developer: Was ändert sich für.NET-Entwickler?

Rainer Stropek: Die Änderungen sind so vielfältig, dass es mir schwer fällt, etwas herauszupicken. Drei wesentliche Punkte fallen mir ad hoc ein.

.NET als Monolith ist Vergangenheit. Es zerfällt in viele Teile, die sich unterschiedlich schnell entwickeln und von uns Entwicklern je nach Bedarf kombiniert werden müssen. Wer sich in diesem Zusammenhang noch nicht mit Paketmanagern wie NuGet, Bower und NPM beschäftigt hat, sollte das schleunigst nachholen. Viele .NET-Entwickler haben hier Nachholbedarf gegenüber den Kollegen aus den alteingesessenen Open-Source-Plattformen. Wer von Microsoft wie früher ein hübsch verschnürtes, in sich konsistentes Gesamtpaket erwartet, muss zwangsläufig langsamere Innovationszyklen in Kauf nehmen.

Der zweite Punkt, der sich bis zu einem gewissen Grad daraus ergibt, ist die Notwendigkeit des automatisierten Testens. Wie soll ausschließlich manuelles Testen bei monatlichen oder wöchentlichen Updates funktionieren? Wer jetzt meint, er bleibt bei jährlichen Versionen, wird spätestens beim nächsten großen Sicherheitsleck in einer verwendeten Bibliothek eines Besseren belehrt. In solchen Fällen ist Warten keine Option. Jedes Projekt, das auf langfristiges Bestehen ausgelegt ist, muss in automatisierte Tests oder „Test in Production“ investieren. Die Geschwindigkeit der neuen Komponentenwelt verliert dadurch bis zu einem gewissen Grad ihren Schrecken.

Und drittens: Der Quelltext ist die neue Dokumentation. Bei einer Frage im Quelltext auf GitHub oder ähnlichen Plattform nachzulesen, gehört für mich mittlerweile schon zum Alltag. Bei eingesessenen Open-Source-Projekten ist das schon lange üblich und .NET bleibt in Zukunft davon nicht verschont. Mir fällt ein Zitat aus der Dokumentation von Grunt ein, einem sehr populären JavaScript Task Runner, der jetzt auch in Visual Studio Einzug hält:

To really understand what is happening, read the code.

Bibliotheken entwickeln sich heute so schnell, dass die Dokumentation oft nicht Schritt halten kann. Ob man es mag oder nicht, es ist mittlerweile auch in .NET Realität.

.NET-Entwickler müssen Schritt halten

Windows Developer: Du bist ja jetzt schon auf Azure zu Hause. Welche Möglichkeiten siehst du jetzt noch für deine eigene Arbeit?

Rainer Stropek: Der Weg von Microsoft bestärkt uns enorm in unserer Strategie. Unsere Firma und unsere Produkte sind „born in the Cloud“. Wir mussten zwar die Kinderkrankheiten der Azure-Cloud durchstehen, sparen uns aber jetzt die mühsame Umstellung. Wir sehen sehr positiv in die Zukunft. Von Monat zu Monat wird die Cloud bei unseren Kunden mehr und mehr zum Normalfall. Wir sind nicht mehr das „esoterische Startup mit der Cloud-Lösung“.

Die Herausforderung ist gleichzeitig, Schritt zu halten und sich nicht auf den eigenen Lorbeeren auszuruhen. Viele der Azure-Neuerungen, die Microsoft jetzt präsentiert hat, und die in den nächsten Monaten noch kommen werden, haben enormes Potential für neue Funktionen und Kosteneinsparungen. Das gilt es zu nutzen.

Die zweite große Herausforderung, der wir uns im Moment stellen, ist die Benutzer­schnittstelle. Die Ära von WPF, Silverlight und erst recht WinForms geht langsam aber sicher zu Ende. Heute heißt es, Technologien wie Windows Runtime, Universal Apps, Xamarin und Web zu meistern, um Anwendern mobile Lösungen auf unterschiedlichen Plattformen anzubieten. Bei unserem eigenen Produkt time cockpit arbeiten wir seit Monaten an einer kompletten Ablöse des UI durch Web-Technologien und stehen kurz vor der ersten „private Preview“. Ein solches Projekt ist für ein kleines Unternehmen wie uns eine Herausforderung, da die Entwicklung durch den Cash Flow finanziert werden muss. Der Fokus von Microsoft auf Mobile und Cloud kommt uns bei unseren Bestrebungen auf jeden Fall entgegen.

Windows Developer: Wie schätzt du es ein: Wird es schwierig für .NET-Entwickler, diesen Wandel mit zu gehen? Ändert sich etwas an der Arbeitsweise oder ist es eher ein Wandel in der Kultur oder Denkweise?

Rainer Stropek: Ob schwierig oder nicht, als .NET-Entwickler haben wir keine Wahl, mit den Änderungen auf die eine oder andere Art umzugehen. Vor einigen Jahren haben wir uns schon beschwert, wenn Microsoft für ein und dieselbe Aufgabe drei Lösungen angeboten hat. Angesichts zehntausender Pakete in NuGet wäre man heute manchmal froh, wenn es nur drei gäbe.

Langsames, sorgsames Entwickeln der Grundfesten der eigenen Software – z.B. Architekturprinzipien, Kommunikationsprotokolle, Datenformate, APIs, Entwicklungsprozesse, etc. – bei gleichzeitigem Mut zur laufenden Änderung der Implementierungsdetails, das ist aus meiner Sicht die neue Kultur in der Softwareentwicklung. Rascher Wandel im Detail ist auch in .NET mittlerweile eine Tatsache. Es gilt, unsere Projekte technisch und organisatorisch darauf einzustellen, anstatt zu viel Zeit darauf zu verwenden, sich darüber zu beschweren.

© Rainer Stropek

Rainer Stropek ist seit über zwanzig Jahren als Unternehmer in der IT-Industrie tätig. Er gründete und führte in dieser Zeit mehrere IT-Dienstleistungsunternehmen und entwickelt im Augenblick in seiner Firma „software architects“ mit seinem Team die preisgekrönte Software „time cockpit“.

Rainer hat Abschlüsse an der Höheren Technischen Schule für MIS, Leonding (AT) sowie der University of Derby (UK). Er ist Autor mehrerer Fachbücher und Artikel in Magazinen im Umfeld von Microsoft .NET und C#. Seine technischen Schwerpunkte sind C# und das .NET Framework, XAML/WinRT/WPF/Silverlight, die Windows-Azure-Plattform sowie SQL Server. Seit 2010 ist Rainer MVP für Windows Azure.

Rainer tritt regelmäßig als Speaker und Trainer auf namhaften Konferenzen in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf (z.B. BASTA!, SAPPHIRE, MS BigDays, MS Architecture Conference, MS TechEd, OOP, ADC, DEVCamp etc.).

Aufmacherbild: rapunzel tower von Shutterstock / Urheberrecht: WELBURNSTUART

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -