Microsofts HoloLens – Marktpotenzial und potenzielle Risiken
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Große Überraschung des gestrigen Microsoft-Events war sicherlich die Präsentation der neuen Augmented-Reality-Brille HoloLens. Basierend auf Windows 10 nimmt HoloLens die Umgebung des Benutzers wahr, und kann diese dreidimensional verarbeiten. Welche Tragweite tatsächlich hinter dem Projekt steht, ist allerdings noch nicht abzusehen.

Auch was die Details der Holographic-Technologie anbetrifft, müssen wir mindestens noch die Build 2015 abwarten, auf der Microsoft aller Voraussicht nach einen tieferen Einblick in die damit einhergehenden neuen Chancen und Herausforderungen für Entwickler geben wird. Wir haben schon einmal mit dem UI- und UX- Experten Daniel Greitens gesprochen, und ihn nach seiner Meinung zum Projekt befragt …

Siehst du einen Markt für HoloLens und wie schätzt du den aktuellen Stand des Projekts sein?

Daniel Greitens: Es gibt viele konkret vorstellbare Einsatzszenarien im industriellen und gewerblichen Bereich. Jedoch ist die Zuverlässigkeit aktuell noch die operative Achillesferse solcher Projekte. Und so spektakulär das Produkt auf den ersten Blick auch scheint, hinsichtlich seiner Schwächen und den daraus resultierenden potentiellen Risiken scheint es mir noch nicht ganz durchdacht. Problematisch sehe ich beispielsweise die übersetzte Interaktion und den Wegfall der direkten analogen Rückmeldungen. Auch den Wegfall von fast allen Sinnen – olfaktorisch, haptisch, akustisch etc – während der Nutzung von HoloLens sehe ich kritisch.

Mit welchen Konsequenzen sind diese Risiken verbunden? Könnte die Nutzung solcher Produkte auf lange Sicht das Bewusstsein von Nutzern verändern?

Greitens: Ganz konkret kann es aufgrund von fehlenden Informationen zur Fehlbedienung kommen, zum Beispiel weil das projizierte Objekt schwerelos scheint. Aber auch auf anderen Ebenen lauern Konsequenzen: das Gehirn kann sich am effizientesten an Gerüche erinnern. Es stellt sich also die Frage, ob die Nutzung von reduzierter digitaler Simulation automatisch zu einem schlechten Erinnerungsvermögen führen kann.

Auch unser Lernverhalten könnte negativ beeinflusst werden, da unser Handeln während der Nutzung von HoloLens mit keinerlei Konsequenzen verbunden ist. Beispielsweise hat das Fallenlassen einer realen Vase andere abschreckende Implikationen, die sich intensiv in der Erinnerung manifestieren, und uns vorsichtiger mit solchen Gegenständen sein lassen.

Und auch positive Motivatoren kommen im Digitalen zu kurz: beispielsweise macht es einen Unterschied, ob man ein digitales oder gedrucktes Buch liest. Der Anreiz, einen Großteil eines analogen, schweren Buches fast fertig gelesen zu haben, ist viel größer, als bei einem E-Book.

Das Wertesystem ist ein weiteres Thema. Ein von mir gelesenen Buch hat womöglich Gebrauchsspuren oder Notizen auf den Seiten. Es hat sich vom Leser eine Beziehung und eine Wertschätzung zum Objekt aufgebaut. Im Digitalen fällt das vollständig weg. Niemand wird jemals eine Beziehung zu einem Dokument oder zu einem Datensatz aufbauen. Solche Elemente sind flüchtig da, und verschwinden spurlos sobald ich sie nicht mehr auf dem Bildschirm anzeige.

Siehst du trotz aller Bedenken eine Zukunft für Augmented-Reality?

Greitens: Es kommt darauf an. Ein positives Beispiel ist der Erfolg des Scrum-Boards. Die damit gestellten Aufgaben sind mit allen Sinnen erlebbar, bauen eine Verbindung zum Verantwortlichen auf und führen zu einer klaren Effizienzsteigerung.

Dennoch, was die Geschwindigkeit der Markt-Akzeptanz anbetrifft, sehe ich eine klare Hürde. Im Unternehmenskontext ist die E-Mail gerade out und Social-Communication à la Yammer kommt ganz langsam in den Computer-affinen Branchen an. Da ist Augmented- Reality in der wirklichen Welt noch ferne  Zukunft!

Sind Projekt wie HoloLens vielleicht auch einfach eine Image-Kampagne?

Greitens: Jedes Technik-Unternehmen muss heutzutage scheinbar zeigen, dass es hippes Minority-Like-Zeug kann (Google Glass, das damalige Surface Tablet, Oculus, die viel zu frühen Smart Watches vor zwei Jahren, Kinect – als einzige Ausnahme sehr erfolgreich im Markt).

Das Ziel dieser Marketing-Aktivität ist sicherlich, die eher wohnzimmertauglichen Produkte innovativer erscheinen zu lassen. Denn sie sind ja schließlich von einem High-Tech Unternehmen, was auch NASA-Rocket-Science betreibt! Das Problem mit diesem neuen Marketing-Trend ist allerdings, dass es immer schwieriger wird, zwischen visionären Ansätzen und konkretem Marktangebot zu unterscheiden. Windows 10, worum in den nächsten Monaten niemand mehr herum kommt, und eine Brille, die vielleicht in einigen Jahren mal den Weg in den Markt finden wird, in einer Präsentation vorzustellen, ist eine Mischung, die man erst einmal einordnen muss.

Abschließend betrachtet, wie siehst du die grundsätzliche Entwicklungsrichtung?

Greitens: Will der Markt eigentlich wirklich ohne analoge Sinne interagieren? Oder fehlt uns vielleicht auch die Befriedigung von tatsächlicher Berührung, vom mechanischer und akustischer Rückmeldung oder wird es einen Trend hin zur wirklich Welt mit allen Sinnen geben? Ein Mitarbeiter ist letztens umgezogen. Keiner der 1200 Facebook-Freunde ist zum Helfen gekommen. Eine wahre Geschichte.

Vielen Dank für das Gespräch Daniel, wir sehen uns auf der BASTA!

 

© Daniel Greitens

Daniel Greitens ist ein begeisterter Softwareenthusiast und teilt seine manchmal vom Mainstream abweichende Sicht in zahlreichen Vorträgen und Fachartikeln. Seine benutzerfokussierenden Thesen finden in dutzenden Projekten seines Softwareunternehmens wortwörtlich Anwendung. Auch auf der BASTA! Spring wird er mit der Session High-Performance WPF Custom Controls vertreten sein.

 

 

 

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