Interview mit Lars Röwekamp

Mobile Clients – Benefits, strategische Überlegungen und Stolpersteine
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Mobile Clients werden zunehmend für Unternehmen interessant, die sich bisher nur auf Enterprise Computing fokussiert haben. Insbesondere, wenn mobile Clients einen Mehrwert gegenüber klassischen Enterprise-Anwendungen bieten und diese gut ergänzen, rentiert sich eine Investition in mobile Technologien. Lars Röwekamp erläutert in seiner Session „Mobile meets Enterprise“ auf der MobileTech Conference, wie man erfolgreich mobile Clients entwickelt und auf was man dabei achten sollte. Darüber hinaus spricht Lars auch über die neue Android-Version mit dem Codenamen „L“, das das neue Paradigma „Android will follow you everywhere“ etablieren möchte. Wir haben uns mit Lars über den Mehrwert und strategische Überlegungen zu mobilen Clients unterhalten und ihn auch nach seinen persönlichen Eindrücken zu Android „L“ befragt.

Mobile Clients können einen attraktiven Mehrwert gegenüber klassischen Enterprise-Anwendungen bieten. Wo siehst du die größten Benefits? 

Lars Röwekamp: Eigentlich ist ein Mobile Client ja das absolute Worst Case Scenario: Eine Anwendung auf einem super kleinem, leistungsschwachem Device mit geringer Laufzeit und wenig ergonomischen Eingabemechanismen. Wieso sollte ich so etwas also nutzen? Natürlich weil es auch Vorteile mit sich bringt. Ich habe das Device bzw. die App immer dabei, bin „always on“ und weiß – ok, nicht ich, aber die App – wo ich gerade bin und wie ich am besten von dort zu einem Ort in der Nähe komme, von dem ich vor 5 Minuten noch nicht einmal wusste, dass er für mich interessant sein könnte. Immer dann, wenn ich einen oder mehrere dieser Mehrwerte nutze, bin ich mit meiner App auf einem guten Weg. Und das sind nur die „Klassiker“. Dank Augmented Reality, NFC und Co. ergeben sich noch deutlich interessantere Anwendungsfelder. Für Unternehmen kommt natürlich noch die permanente Verfügbarkeit der Unternehmensdaten und –infrastruktur in Kombination mit beliebigen anderen Web-Diensten als großer Vorteil hinzu.

Bei der Konzeption der App darf man allerdings nie die potenziellen Benutzer und den Anwendungskontext aus dem Auge verlieren. Hier machen die meisten Unternehmen sich viel zu wenig Gedanken und wundern sich dann am Ende, dass ihre Apps keinen Erfolg haben bzw. keine Akzeptanz bei den Anwendern finden. Welche Zielgruppe möchte ich erreichen? Wann und vor allem wo wird diese Zielgruppe meine App nutzen? In der Bahn, auf dem Weg nach Hause von der Arbeit oder auf dem Sofa im Wohnzimmer? Wird dazu ein Smartphone oder ein Tablet benutzt? Nur wenn ich mir ausreichend Gedanken zu diesen und vielen weiteren wichtigen Fragen mache, habe ich die Chance eine wirklich gute App zu bauen.

Was sind die wichtigsten strategischen Überlegungen, die Unternehmen anstellen sollten, bevor sie mobile Clients umsetzen? 

Lars Röwekamp: Ich spreche hier gerne vom Déjà-vu-Effekt. Bei vielen Unternehmen fühlt man sich um zig Jahre in der Zeit zurück versetzt, wenn es um die Konzeption und Einführung mobiler Anwendungen geht. Kaum einer scheint aus dem Chaos der WWW-Gründerjahre gelernt zu haben und viele sind auf dem „besten“ Weg einmal gemachte Fehler zu wiederholen. Statt den mobilen Client als zusätzlichen Channel mit einem eigenen Mehrwert zu verstehen, versuchen viele Unternehmen lediglich, bereits existierende Funktionalität aus dem Web auf mobile Clients zu verlagern. Im günstigsten Fall verschieben sie so Teile ihrer bestehenden Kunden vom Web aufs mobile Gerät. In der Regel gehen dabei allerdings einige Kunden verloren, da sie vom mobilen Auftritt des Unternehmens enttäuscht sind und somit Vertrauen in das Unternehmen verlieren. Ein nicht zu unterschätzenden Risiko, was sich insbesondere bei in der Öffentlichkeit als fortschrittlich eingestuften Unternehmen sehr negativ auswirken kann. Selten bis nie bringt die Strategie der einfachen Portierung neue Kunden ein – und das sollte ja eigentlich das Ziel sein. 

Aus meiner Sicht sollte sich ein Unternehmen daher weniger auf die Technologie fokussieren als vielmehr auf die Ausarbeitung einer sinnvollen mobilen Enterprise-Strategie. In Workshops mit unseren Kunden sind wir immer wieder überrascht, wie wenig  Vorstellungsvermögen diese von dem bisher ungenutzen Potenzial „Mobile“ haben. Um so größer ist am Ende meist die Freude, wenn die gemeinsam ausgearbeitete mobile Enterprise-Strategie dem Kunden den gewünschten Erfolg bringt.

Gibt es so etwas wie typische Stolpersteine, die regelmäßig bei der technischen Umsetzung auftreten?

Lars Röwekamp: Ja, die gibt es auf jeden Fall! Um allerdings an dieser Stelle alle aufzuzählen, reicht wahrscheinlich weder Zeit noch Platz. Ein großes Problem stellen sicherlich die stark wachsenden APIs dar. Wenn man da nicht täglich mit der Materie zu tun hat, ist es extrem schwer auf dem Laufenden zu bleiben und sinnvolle, effiziente Lösungen zu schaffen. Wir stellen leider immer wieder fest, dass viele Mobile-Entwickler als Einzelkämpfer unterwegs sind und sich häufig mit der erstbesten – in der Regel im Internet gefundenen – Lösung für ihr Problem zufrieden geben. Dies ist anders als in anderen Bereichen besonders im Mobile-Umfeld als recht kritisch einzustufen, da nicht selten einzelne Bits und Bytes über Erfolg bzw. Misserfolg einer App entscheiden.

Leider scheint sich bei den meisten Mobile-Entwicklern auch noch nicht herumgesprochen zu haben, dass man durchaus auch mobile Anwendungen mit einer guten Testabdeckung versehen darf. Hier schaffen zukünftig hoffentlich die Mobile-Testing-Days eine ausreichende Sensibilisierung und somit Abhilfe.

Neben einer Session zu mobile Clients sprichst du auf der MTC auch über die neue Android-Version mit dem Codenamen „L“. Gibst du uns einen Vorgeschmack? Was sind aus Entwicklersicht die wichtigsten Neuerungen?

Lars Röwekamp: Die wohl offensichtlichste, wenn auch vielleicht nicht wichtigste Neuerung stellt das komplett überarbeitet UI-Design – a.k.a. Material Design – dar. Neben einem modernen „Look“ bringt das neue Design vor allem auch eine konsequent überarbeite User Experience mit sich.  Alle Funktionen und visuellen Effekte sind darauf ausgelegt, dem User ein möglichst optimales Feedback zu geben. Richtig angewendet ist dies ein riesen Mehrwert. Wie so oft gilt allerdings besonders im UX-Umfeld das Motto „weniger ist mehr“. Bleibt also zu hoffen, dass die Entwickler sich nicht zu sehr in die neuen Animationsmöglichkeiten verlieben und völlig überladene UIs bauen.

In dieselbe Richtung – verbesserte User Experience –  zielen übrigens auch die Neuerungen im Notification Framework.  Notifications können nun auch auf dem Lock-Screen oder als Head-Up-Notification angezeigt werden. Besitzt man mehrere Android-Devices, syncen sich die Notifications auf den einzelnen Geräten automatisch, so dass keine Meldung zweimal bestätigt werden muss.

Weniger sichtbar aber mindestens genauso wichtig sind die vielen Änderungen, die unter der Haube stattgefunden haben. Da ist zum einen der offizielle Austausch der altgedienten Dalvik VM durch ART (Android Runtime), die bereits in Android 4.4 optional zur Verfügung stand. Erste Benchmarks haben ergeben, dass der Wechsel von Just-in-Time zu Ahead-of-Time Compiler deutliche Performanzvorteile mit sich bringt.  Ein Nachteil ergibt sich lediglich bei der Installation bzw. dem ersten Start einer Anwendung. Ebenfalls interessant ist das Projekt Volta, welches mehrere Maßnahmen zur Optimierung der Batterielaufzeit zusammenfasst.  Zukünftig lässt sich dank Volta die Batteriehistorie analysieren, um so etwaige Energiefresser ausfindig zu machen. Ein neuer JobScheduler hilft zusätzlich, energiehungrige Tasks auf günstige Momente, z.B. wenn sich das Gerät im Lademodus befindet, zu verschieben.

Stichwort Android Wearbale Devices: Wie schätzt du die praktische Entwicklungsarbeit für solche tragbaren Geräte ein? Business-as-usual oder eine Herausforderung für Android-Entwickler?

Lars Röwekamp: Das Problem für die Entwickler ist weniger die Technologie, denn die ist denkbar einfach. Die eigentliche Herausforderung liegt vielmehr in der komplett neuen Ergonomie der Wearables. Hier gilt es umzudenken und neue, sinnvolle Patterns für seine Apps zu finden. Während der User es auf dem Smartphone und Tablet gewohnt ist, eine App zu öffnen und damit kurz etwas zu machen, entscheidet bei den Wearables das Device selbst, welche Informationen wohl gerade für den User von Interesse sein könnten und welche nicht. Das Hollywood-Prinzip „Don’t call us, we call you“ lässt grüßen und muss erst einmal von den Entwicklern richtig verstanden werden. Dann – und nur dann – entstehen auch Anwendungen mit einem echten Mehrwert. Als Nutzer muss ich das Gefühl gewinnen, dass mich mein Wearable im Alltag bestmöglich unterstützt – nicht, dass es mich permanent ablenkt. 

 

Zur Person:

Lars RöwekampLars Röwekamp, Gründer des IT-Beratungs- und Entwicklungsunternehmens open knowledge GmbH, beschäftigt sich im Rahmen seiner Tätigkeit als „CIO New Technologies“ mit der eingehenden Analyse und Bewertung neuer Software- und Technologietrends. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt derzeit in den Bereichen Enterprise und Mobile Computing, wobei neben Design- und Architekturfragen insbesondere die Real-Life-Aspekte im Fokus seiner Betrachtung stehen. Lars Röwekamp, Autor mehrerer Fachartikel und -bücher, beschäftigt sich seit der Geburtsstunde von Java mit dieser Programmiersprache, wobei er einen Großteil seiner praktischen Erfahrungen im Rahmen großer, internationaler Projekte sammeln konnte.

 

MobileTech Conference 2014

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Aufmacherbild: Twin Design / Shutterstock.com

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