Interview mit Thomas Kaiser von cyberpromote GmbH

Accelerated Mobile Pages: Fluch und Segen für Entwickler – und SEO
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Die Accelerated Mobile Pages – kurz AMP – werden von Google seit gut einem Jahr als Plattform und Framework für mobile Seiten massiv gepusht. Noch befindet sich die Technologie in der Entwicklung und Findungsphase.

Insbesondere bei denjenigen, die AMP in ihre Seiten integrieren wollen, gibt es viele Fragezeichen. Doch man muss kein Hellseher sein: Allein aufgrund der Tatsache, dass Google in Zukunft den Mobile Index als Hauptindex für seine Suchergebnisrankings heranziehen wird, gibt einen Vorgeschmack auf die große Rolle, die AMP zukünftig spielen wird.

Auch im Bereich der Progressive Web Apps kann AMP zu einem entscheidenden Technologiefaktor werden, sodass diese Technologie auch bei Apps immer bedeutender werden wird. Allerdings sind die technischen Einschränkungen von AMP gegenüber HTML immer noch groß. Eine Umsetzung von AMP-Seiten ist aufwendig.

Thomas Kaiser (cyberpromote GmbH) hat sich sehr genau mit AMP und der dahinter steckenden Technologie beschäftigt.

Auf der MobileTech Conference gibt er in der Session „Mobile First mit Accelerated Mobile Pages: Fluch und Segen für Entwickler und SEO“ im März in München sein Wissen an die Teilnehmer weiter und beantwortet Fragen nach der optimalen Umsetzung, nach potenziellen Problemen und der besten Herangehensweise.

Wir haben mit Thomas Kaiser im Vorfeld über AMP gesprochen und ihn unter anderem gefragt, was man als Entwickler beachten sollte, was besonders neuralgische Punkte der Technologie sind und welche Auswirkungen AMP auf SEO hat und haben wird.

Anwendung und Integration von AMP

Herr Kaiser, über Performance im Netz wird viel geredet – gerade, wenn es um die Performance des Webs auf Mobile Devices geht. AMP wird von Google entsprechend gepusht. Was sollte man als Webentwickler unbedingt beachten, bevor man versucht, AMP auf der eigenen Seite zu integrieren?

Thomas Kaiser: Man sollte wissen, dass sich AMP noch in der Entwicklung befindet und die Umsetzung sehr komplex ist. Das Umwandeln eines HTML-Templates in ein AMP-Template ist sehr frustrierend. Man kann auf ein einfaches Standard-AMP-Template zurückgreifen, aber das ist keine gute Lösung. Denn man möchte die Besucher dann auch auf der Website halten. Daher sind vollständige Navigation, eine Suche und vieles mehr sinnvoll. Abgesehen von einem Corporate Design, das man auch haben möchte. Das Umwandeln kann aber durchaus ein paar Tage Zeit beanspruchen! Fertige Lösungen gibt es nur wenige, und die sind bisher nur begrenzt brauchbar.

AMP berührt potenziell zahlreiche Abteilungen in einem Unternehmen, von den Entwicklern über Marketing bis hin zu Analytics/Monitoring. Wo sehen Sie besonders neuralgische Punkte?

Thomas Kaiser: Die Entwicklung ist enorm aufwändig, was der Rest im Unternehmen meistens nicht versteht. Aber AMP ist ein eigenes, neues, anderes HTML. Analytics lässt sich schon für einige Systeme integrieren (für Google Analytics gibt es eine Lösung), man sollte bei seinem Anbieter Druck machen, dass er eine Standardlösung bereitstellt. Es kann mit der Extension amp-analytics integriert werden. Es wäre aber gut, wenn der Anbieter da schon ein Vorgehen vorgibt, welches funktioniert. Denn das Tracking ist wichtig, um den Erfolg messen zu können. Das Marketing muss begreifen, dass wir nun tatsächlich vor einer Revolution stehen. Der Wandel hin zu einer mobilen Welt hat dramatische Auswirkungen und das Marketing muss sich dem stellen. Zu oft bewegt man sich noch in der Desktop Welt und DIN A4 Welt, aber die Nutzer leben bereits schon heute in der Mehrheit in einer mobilen Welt. Und mit mobil sind Smartphones gemeint, keine Tablets.

Welche Probleme können bei der AMP-Umsetzung auftreten, und wie sollten Websites und Shops das Problem angehen?

Thomas Kaiser: Das Problem sind die Einschränkungen. Viele Funktionen sind nicht möglich oder müssen komplett neu umgesetzt werden. Schon eine Suchfunktion ist kompliziert zu integrieren. Möchte man aber AMP als Landingpage verstehen, die Nutzer auf die Website bringt, müssen die AMP-Seiten auch mehr bieten als ein Logo und einen Text mit Links. Die schlechten Erfahrungen mit AMP basieren darauf, dass man die AMP-Seiten mit minimalem Funktionsumfang umgesetzt hat und Besucher in einer Sackgasse landen. Zudem muss man begreifen, dass die AMP-Seiten nur eine Landingpage in die Website hinein sind. Wenn diese dann mit deutlich schlechterer Ladezeit den Nutzer vergraulen, verspielt man einen großen Vorteil durch AMP. Die Ladezeit sollte man für mobile Geräte mit schlechtem Empfang optimieren. Hier sind ganz neue Ansätze erforderlich, die eine Anpassung von Seiten, Bildern und anderen Ressourcen für mobile Geräte erfordern. Daher sollte man aus AMP auch in der Hinsicht lernen und das Framework für die Funktionalität auf den mobilen Seiten und den Desktopseiten nutzen.

Es gibt auch einige fertige Plugins, um AMP für die eigene Seite verfügbar zu machen. Was halten Sie von solchen Lösungen?

Thomas Kaiser: Diese bieten keine Umsetzung eines Corporate Designs und sind oftmals auf bestimmte Dokumente beschränkt. Wer vergisst, das Impressum im Footer zu verlinken, läuft Gefahr, eine Abmahnung zu kassieren. Daher sind diese Lösung nur als Krücke für Experimente geeignet. Aber nicht, um AMP als strategische Maßnahme zu integrieren. Ein Automatismus, HTML-Templates in AMP-Templates umzuwandeln, ist technisch extrem schwer, wenn nicht sogar unmöglich. Daher sollte man nicht darauf hoffen, dass es 2017 fertige Lösungen geben wird. Es gibt bis heute beispielsweise keine Liste an Tag-Attributen, die bei AMP nicht erlaubt sind bzw. durch andere Attribute ersetzt werde müssen.

AMP und SEO

In puncto SEO zeichnet sich ab, dass eine frühe Integration von AMP von Vorteil sein könnte. Google selbst hat auf der Pubcon in Las Vegas angekündigt, dass der Mobile Index den Desktop Index als Hauptindex ablösen wird. Ist AMP damit zu einem klaren Muss geworden?

Thomas Kaiser: Ich würde sagen, Mobile Friendly ist ein Muss, denn das haben immer noch einige Unternehmen nicht umgesetzt. AMP ist aber ebenfalls ein Muss, denn es wird sich 2017 deutlich verbreiten und ein Standard werden. Ich gehe sogar so weit zu sagen, AMP wird ein Standard-Framework für mobile Seiten. Und wer sagt, dass AMP nicht auch für den Desktop funktioniert? Denn technisch wäre das möglich. Auch wenn Google nicht nur das ganze Internet indexiert, sondern nun auch cachen will, und man darüber besorgt sein kann: Wer da nicht mitmacht, wird bald den Kürzeren ziehen. Mittlerweile sind auch die Bilder von AMP-Seiten in der Bildersuche zu finden, sprich AMP wird in den nächsten Monaten immer sichtbarer werden. Progressive Web Apps sind hier nur ein weiterer Aspekt. Daher ist der Begriff „Revolution“ sicher nicht falsch. Ich bin nun seit 20 Jahren im SEO-Business, und es wurde schon vieles geschrieben. Wie oft ist SEO schon für tot erklärt worden. Nun ist SEO zu einem wesentlichen Antrieb für Technologie geworden, und zum ersten Mal in diesen 20 Jahren würde ich wirklich von einer großen Änderung sprechen, die massive Auswirkungen haben wird. Es gibt viel zu tun, und das in verdammt kurzer Zeit. Dumm nur, dass es noch keinen Plan gibt. Denn der ist für jedes Unternehmen, jedes CMS und Shopsystem anders. Es ist also nicht ein rein technisches Problem, sondern auch ein strategisches. Das muss von oben ausgelebt und gesteuert werden, sonst könnte es schief gehen. Leider bleibt es hier wohl an den Technikern hängen, dass die eine scheinbar „technisch Herausforderung“ als strategische Aufgabe nach oben delegieren.

thomas-kaiserZur Person
Dipl.-Ing. Thomas Kaiser, Gründer und Geschäftsführer der cyberpromote GmbH, gründete bereits mit 23 Jahren sein erstes Unternehmen. Am Lehrstuhl für Datenverarbeitung der TU München entwickelte er 1996 den ersten MPEG-2 Videokodierer für Windows. Er hielt Vorträge für Seminar-Anbieter wie Advanstar, ManagementCircle, Jupiter Events oder IIR und schrieb zahlreiche Fachartikel. Er ist Autor des Buches Top Platzierungen bei Google & Co aus dem Business Village Verlag und dem Buch Google Analytics vom Franzis Verlag.

Indoornavigation mit Google Tango

mit Till Krempel (Cologne Intelligence)

Design First Development mit Storyboards

mit Jörg Neumann (Acando GmbH)

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