Im Interview mit Jörg Neumann (Acando/thinktecture)

Die Paradigmen der klassischen Anwendungen ablegen – Entwickeln in der Post-PC-Ära
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Die IT befindet sich im Umbruch: Wo gestern noch ein PC stand, findet sich heute oft ein Tablet. Daten, die gestern noch auf lokalen Festplatten schlummerten, finden sich heute zunehmend in der Cloud. Wo heute die Interaktion mit Maus und Tastatur stattfindet, wird sie morgen durch Sprache, Gestik und Sensorik ergänzt. All diese Trends haben Auswirkungen auf uns Entwickler. Welche genau das sind, erklärt Jörg Neumann im dot.NET-Interview.

dot.NET: Herr Neumann, auf der BASTA! 2012 moderieren Sie die Keynote mit dem Titel „Willkommen in der Post-PC-Ära: Was sich für Entwickler in den nächsten Jahren ändern wird“. Wie schätzen Sie die Zukunft des PC wie wir ihn kennen ein?

Jörg Neumann: Viele Dinge, die wir bisher mit dem PC getan haben, werden wir in Zukunft mit vielen unterschiedlichen Devices erledigen. Ein wichtiger Aspekt sind hierbei neue Eingabetechniken wie Touch, Gestensteuerung oder Sensorik. Dies ermöglicht Anwendungen, bei denen der Benutzer auch indirekt agieren kann, ohne eine Tastatur oder Maus in die Hand zu nehmen. Aber auch Technologien wie Near Field Communication werden die Reichweite des klassischen PC erweitern und beispielsweise neue Bezahlsysteme ermöglichen. Genauso werden sich die Datenspeicherung und Bereitstellung in Zukunft verändern. Da ein Anwender immer mehr Devices parallel verwendet, wird eine zentrale Verfügbarkeit von Daten notwendig. Daher werden sich viele Daten und Dienste, die zurzeit noch lokal vorgehalten werden, nach und nach in die Cloud verlagern.

dot.NET: Welche Auswirkungen hat die wachsende Beliebtheit von Tablets und Smartphones auf den Business-Bereich?

Jörg Neumann: Der private Einsatz von Smartphones und Tablets ist der Treiber für den Business-Bereich. Die Einfachheit der Benutzung und die ständige Verfügbarkeit von Informationen und Apps, die der Anwender im privaten Bereich gewohnt ist, wünscht er sich auch im geschäftlichen Umfeld. Daher ist das Thema „Bring your own device“ zurzeit in aller Munde. Auf der Hardware-Seite wird es noch mehr Devices geben, die diesen Trend unterstützen. So wird beispielsweise die Trennung zwischen Notebook und Tablet zunehmend verschwimmen. Es wird Hybrid-Geräte geben, die eine Mischung aus beiden darstellen und so ein Brücke zwischen den Welten schlagen.

dot.NET: Wie sieht es aus mit dem Thema Sicherheit – stellen mobile Geräte am Arbeitsplatz hier nicht eine große Herausforderung dar?

Jörg Neumann: Eine „Bring your own device“-Strategie kann nur funktionieren, wenn mobile Endgeräte sicher in die Unternehmens-IT eingebunden und von dieser verwaltet werden können. Hier spielen jedoch nicht nur technische Herausforderungen wie Active-Directory-Integration oder Virenschutz eine Rolle. Auch Daten- und Arbeitsschutzaspekte, die beim Einsatz von Positionsdaten, Kameras oder Spracherkennungsdiensten zum Tragen kommen, müssen beachtet werden. Aber auch die Bereitstellung von firmeninternen Apps ist eine Herausforderung, da hierfür eine separate Deployment-Infrastruktur geschaffen werden muss. Doch sind beim Thema Sicherheit nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Betriebssystemhersteller gefragt, denn hier mangelt es bei einigen zurzeit noch an den nötigen Enterprise Features.

dot.NET: Egal ob am Arbeitsplatz oder im privaten Gebrauch: Mobile Devices funktionieren anders als klassische PCs. Was müssen Entwickler beachten, wenn sie ihre Anwendungen in Zukunft nicht mehr nur für den PC, sondern auch für mobile Geräte optimieren möchten?

Jörg Neumann: Ich denke im Moment sind wir in einer Übergangsphase, in der klassische Anwendungen und mobile Apps nebeneinander existieren, wobei die klassischen Anwendungen besonders im Business Bereich noch dominieren. Daher wird es hier vor allem darum gehen, spezialisierte Apps zu entwickeln, die Teilbereiche von bestehenden Anwendungen abdecken. Der Entwickler steht hierbei vor der Herausforderung, die Paradigmen der klassischen Anwendungen abzulegen und sich mit App-Design und Device-spezifischen Aspekten zu befassen. Dies betrifft Themen wie Touch, Navigation und Dialog-Design, aber auch Threading oder den Umgang mit Cloud-basierten Services. Technologisch wird es einen mehr oder weniger fließenden Übergang geben. Hier stehen mit HTML5 und JavaScript sowie XAML und .NET Technologien zu Verfügung, die in beiden Welten funktionieren – zumindest im Microsoft-Umfeld.

dot.NET: In Bezug auf die Zukunft des PCs redet Microsoft nicht vom Tod des PCs, sondern vielmehr von einer PC-plus-Ära. Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach Windows 8 in dieser neuen Epoche?

Jörg Neumann: Ich denke „PC-plus“ bringt es ganz gut auf den Punkt. Wir werden sicherlich nicht ab morgen nur noch mit mobilen Endgeräten arbeiten, aber genauso wenig werden wir dies in Zukunft ausschließlich auf dem Desktop tun. Ich denke, Windows 8 hat vor allem im Business-Bereich sehr gute Chancen, da es viele der Enterprise Features mitbringt, die für den geschäftlichen Einsatz erforderlich sind. Auch halte ich die Infrastruktur für Entwickler am fortschrittlichsten. Letztendlich wird aber der Markt entscheiden. Vieles, was heute im Business-Bereich diskutiert wird, kommt ursprünglich aus dem Consumer-Markt und da ist vor allem Apple sehr weit verbreitet. Die Kombination von Windows 8, Windows Phone, Windows Azure, sowie die Hardware-Innovationen, die auf diesen Technologien basieren, werden aber sicherlich einiges in Bewegung bringen.

dot.NET: Vielen Dank für das Interview!

Jörg Neumann ist Principal Consultant bei der Acando GmbH in Hamburg, Associate bei thinktecture und Microsoft MVP im Bereich Client App Dev. Er entwickelt seit über zehn Jahren Software im Microsoft-Umfeld und berät Firmen im Bereich Client- und Datenbanktechnologien. Sein Wissen vermittelt er regelmäßig in Artikeln, Büchern und als Referent auf Entwicklerkonferenzen. Sie erreichen ihn über www.acando.de , www.thinktecture.com oder seinen Blog headwriteline.blogspot.com.
Jörg Neumann auf der BASTA! 2012

  • Workshop: XAML everywhere: Anwendungsarchitekturen für WPF und Silverlight
    17.09.2012 | 09:00 – 17:00 Uhr
  • Session: .NET 4.5: Neuerungen für WPF-Entwickler 18.09.2012 | 14:00 – 15:15 Uhr
  • Session: XAML-Layoutautomation 18.09.2012 | 11:15 – 12:30 Uhr
  • Session: Von Applications zu Apps: Herausforderungen für Entwickler 18.09.2012 | 17:15 – 18:30 Uhr
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