Endlich kommt das Microsoft Phone [Kommentar]
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„Na endlich“ möchte mancher sagen, denn über diesen Schritt von Microsoft und Nokia wurde schon lange spekuliert. Microsoft kauft Nokias Handy-Sparte und macht damit aus einer engen strategischen Partnerschaft

„Na endlich“ möchte mancher sagen, denn über diesen Schritt von Microsoft und Nokia wurde schon lange spekuliert. Microsoft kauft Nokias Handy-Sparte und macht damit aus einer engen strategischen Partnerschaft einen neuen Geschäftszweig im eigenen Haus. Damit geht Microsoft einen weiteren, konsequenten Schritt in Richtung Devices und Services Company – ein Motto, das man sich 2012 auf die Fahnen geschrieben hat und unter dem seither die Produkte und das Unternehmen komplett umgebaut werden („One Microsoft“). Microsoft verändert damit nicht nur sich selbst, sondern die Industrie gleich mit. Und es ist ein weiterer Schritt, mit dem Microsoft deutlich macht, dass man bereit ist, die IT-Industrie und den Markt stärker zu verändern als einer der anderen Wettbewerber. Weniger sollte man auch nicht wollen, wenn man permanent dem Vorwurf ausgesetzt ist, hinterher zu laufen – mal sehen ob es gelingt.

Änderungen im Unternehmen

Neben der Xbox und dem Surface Tablet wird das Microsoft Phone das nächste marktrelevante Device aus dem eigenen Haus. Damit wächst Microsoft, vorbehaltlich der Zustimmung der Kartellbehörden und Aktionäre, mit einem Schlag auf 130.000 Mitarbeiter an. In einem Brief an die Mitarbeiter schreibt Ballmer dazu, dass wohl die meisten dieser neuen Mitarbeiter von Nokia an den Standorten weiterarbeiten werden, wo sie jetzt schon sind und sich im Zuge der Integration hier nicht viel ändern wird. Auch wenn noch nicht feststehe, wie die Integration im Detail aussieht.

Für das Management bringt die Übernahme allerdings einige Veränderungen, die Anlass zu neuen Spekulationen über die Nachfolge von Steve Ballmer geben. Stephen Elop, der Chef von Nokia und Ex-Mitarbeiter von Microsoft, kommt zurück ins Unternehmen und wird die neue Phone-Sparte führen. Julie Larson-Green, die seit der Firmenneuordnung im Juli das Devices und Studios Team mit der Xbox One und dem Surface leitet, wird nach dem Weihnachtsgeschäft und mit dem Abschluss der Übernahme mit Elops Team fusioniert.

Zwei Köpfe in einer Abteilung, das geht nicht gut. Da aber beide als mögliche Nachfolger für Ballmer gehandelt werden, könnten mutige Auguren dieses Szenario als Hinweis auf eine vorzeitige Entscheidung der Nachfolgerfrage deuten – man könnte aber auch den Flug der Schwalben beobachten und zu einem ähnlichen Ergebnis kommen.

Auswirkungen auf den Markt

Auch wenn die Übernahme für Microsoft selbst eine große Sache ist, dürfte sie die größte Auswirkung auf die Wettbewerber haben und es wird spannend sein zu sehen, wie diese in den nächsten Monaten reagieren. An erster Stelle stehen natürlich Partner wie Samsung oder HTC, die bisher mit eigenen Geräten versucht haben, im Windows-Phone-Markt Fuß zu fassen. Ihnen geht es jetzt wie den PC- und Tablet-Anbietern, die mit dem Microsoft Surface Konkurrenz aus erster Hand bekommen haben. In einem Interview mit The Verge beruhigt Ballmer Bedenken in die Richtung, dass durch das Angebot der Microsoft Phones ihre Arbeit gefährdet sein könnte. Er sieht sie immer noch als Partner und baut auf ihre Unterstützung, den Markt für die Windows-Phone-Plattform zu gewinnen. Denn ohne die massive Vergrößerung des Marktes haben weder die Bemühungen der Partner noch die Übernahme von Nokia wirklich einen Sinn.

We actually have an opportunity to create better opportunities for OEMS. The number one thing that it takes to create opportunities for OEMs is a large market. And our first party in phones will blaze the trail, and perhaps as importantly having phone be a healthy part of the Windows ecosystem will help the OEMs, the many OEMs we have who are focused on tablets, PCs, All-In-Ones, etc. […] So both on the phone side, and it particularly helps our OEMS on the tablet and PC side.

Daran ob dieser Plan aufgeht, wird man in einigen Jahren sehen können, ob die Übernahme sich für Microsoft gelohnt hat oder nicht.

Die ganze Palette

Dieser Plan ist aber auch eine klare Kampfansage an Apple, Google, Amazon, Nintendo und Co. Was diese jeweils in Teilen bieten, möchte und könnte Microsoft aus einer Hand liefern. Denn es geht um Volumen sowohl für die Geräte wie auch die Plattform und gerade hier muss Microsoft Android angehen.

Zwar hat Google mit Motorola auch einen Handy-Hersteller gekauft, aber irgendwie kommt Google mit seinem Moto X nicht in die Puschen. Microsoft hat mit den Lumias eine ganze Armada von Geräten, die vom High-End-Flaggschiff Lumia 1020 bis runter zum Einsteigermodell Lumia 520 reicht. Zusätzlich sollen die ebenfalls übernommenen Asha-basierten Geräte Microsoft als Türöffner gerade in den Schwellenländern dienen, die große Zuwachsraten für Smartphones versprechen. Ob die Nutzer tatsächlich von einem Microsoft Asha auf ein Windows Phone wechseln, bleibt abzuwarten.

Apple hingegen hat nun einen Konkurrenten, der ebenfalls sehr gute Geräte anbieten kann, die optimal auf die Software abgestimmt sein werden. Doch im Gegensatz zu Apple ist Microsoft schon im Enterprise vertreten und bietet mit Windows Phone und den Windows 8 Tablets eine Plattform an, die von den Unternehmen gut integriert werden kann. Eine Hürde, die Apple – außer in den Vorstandsetagen – noch nicht genommen hat. Wenn Apple jetzt nicht den Sprung ins Enterprise schafft, dürfte der Zug bald abgefahren sein.

Zudem fehlt Apple immer noch eine Infrastruktur und ein Service-Angebot, wie Microsoft es durch seine Azure-Plattform anbieten kann. Ob Outlook.com, die diversen Xbox-Services oder SkyDrive im Consumer-Bereich. Im Enterprise-Bereich tritt Microsoft auch in den Wettbewerb mit Amazon und Google, ergänzt aber das Cloud-Angebot durch die On-Premises-Lösungen im Server und Office-Bereich, die den anderen Anbietern fehlen oder wie Googles-Online-Office-Lösung noch nicht ausgereift sind. In allen Fällen ist das Windows Phone für diese Services als Endgerät optimiert.

Und die Entwickler?

Die Entwickler können sich freuen, sie haben mehr Möglichkeiten als je zuvor. Für erfahrene .NET-Entwickler öffnen sich neue Wege geradewegs in die Cloud und auf jede Geräte-Plattform von Embedded über die Xbox bis zum Phone. Web-Entwickler können vom Browser bis zur App auf jedem denkbaren Endgerät ihre Lösungen anbieten. Microsoft erlebt gerade den größten Wandel seit der Einführung von .NET und die Entwickler stehen quasi im Zentrum und können prinzipiell jeden Schritt mitgehen und die neuen Chancen nutzen.

Spannende Zeiten

Man kann es drehen und wenden wie man will, Microsoft und seine Mitbewerber stehen vor großen Herausforderungen. Mindestens im Fall von Microsoft kann man sagen, dass sie alles in der Hand haben, um erfolgreich zu sein und den Markt mitzubestimmen – sowohl im Consumer- wie auch im Enterprise-Bereich. Die Frage ist, ob die neue Firmenstruktur und der künftige CEO in der Lage sind, diese Assets auf die Straße zu bekommen.

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