Interview mit Dominik Helleberg über Project Tango

„Mit Project Tango wird Augmented Reality mal wieder ein Hype.“
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Am Tag der Veröffentlichung der Developer Preview von Android N – wir berichteten darüber – wollen wir uns mit einer anderen spannenden Geschichte aus dem Android-Umfeld beschäftigen: Project Tango.

Im Februar 2014 stellte Google mit Project Tango eine Technologie vor, deren Ziel es seitdem ist, die Umgebung dreidimensional zu erfassen und mit den gesammelten Daten den Raum in 3D darzustellen. Die Dev-Kits wurden nach einiger Wartezeit verteilt und die ersten Erfahrungen sind mittlerweile gesammelt. Wir sprachen mit Dominik Helleberg über die Erfahrungen, die er im Rahmen eines Projekts sammeln konnte.

Project Tango – das Interview

Dominik, ihr beschäftigt euch mit Googles Project Tango; ein Device, das mit einer Tiefenkamera im Augmented-Reality-Bereich eingesetzt werden soll. Wie sind eure ersten Erfahrungen mit der Hardware?

Dominik Helleberg: Das aktuelle Tango Tablet ist ein „Dev-Kit“, und mit diesem Anspruch muss man es auch bewerten. Soll heißen, dass es sich hier noch nicht um ein Gerät für den Consumer-Markt handelt. Vielmehr bietet es uns Entwicklern eine Möglichkeit, mit der Technologie zu experimentieren und Erfahrungen zu sammeln. Diese Aufgabe erfüllt es richtig gut, und das Tango-Team versorgt das Gerät auch regelmäßig mit Updates und lässt das Feedback wieder in die Produktentwicklung zurückfließen.

Das erste Smartphone mit Tango-Technologie wurde Anfang des Jahres auf der CES angekündigt, wird von Lenovo gebaut und soll „im Sommer“ erscheinen. Wir sind sehr gespannt.

Project Tango

Project Tango ist eine aus der Google Adavanced Technologies and Projects Abteilung (ATAP), die im Februar 2014 der Weltöffentlichkeit vorgestellt wurde.

Auf Basis von speziell angefertigter Hardware und Chipsets hat das Team hinter dem Project Tango in Zusammenarbeit mit Universitäten, Forschungslaboren und Partnern aus der Industrie ein ambitioniertes Technologie-Projekt auf den Weg gebracht. Project Tango hat das dreidimensionale Erfassen der Umgebung und das Darstellen des Raums in einem 3D-Modell zum Ziel – und zwar alles in Echtzeit.

Die von Google erdachten Anwendungsszenarien für solches Perceptual Computing: beispielsweise das eigene Heim in 3D vermessen, bevor man Möbel kauft; oder eine verbesserte Indoor-Navigation durch Gebäude (ohne GPS), eine Unterstützung für sehbehinderte Menschen oder die Integration des Wohnzimmers in einem 3D-Spiel auf dem Smartphone.

Ein begrenztes Kontingent der Tango-Tablets ist seit Ende August 2015 für Entwickler in Deutschland erhältlich. Ebenfalls seit Ende August 2015 stehen erste Project-Tango-Apps in Google Play zum Download zur Verfügung.

Welche Sensoren und Technologien stecken in Tango?

Dominik Helleberg: Eine Menge! Hervorzuheben ist mit Sicherheit der Tiefensensor sowie eine spezielle Weitwinkel-Kamera zum „Motion Tracking“. In Kombination ermöglichen diese Sensoren ganz neue Anwendungen.

Ist das vergleichbar mit den Technologien, die Microsoft damals mit der Kinect massentauglich gemacht hat?

Dominik Helleberg: Tatsächlich sind hier einige Parallelen erkennbar. Speziell der Tiefensensor der Kinect arbeitet nach einem ähnlichen Prinzip: Mittels gerichtetem Infrarot wird der Raum ausgeleuchtet und mit einer IR Kamera aufgenommen. Bei Tango kommt noch die Motion-Tracking-Komponente hinzu, denn im Gegensatz zur Kinect ist das Tango-Gerät eben auch mobil.

Nun steckt das alles in einem deutlich kleineren Gerät – wie ist der technologische Fortschritt deiner Meinung nach zu bewerten?

Speziell die Tiefenmessung ist noch recht anfällig für ungünstige Umwelteinflüsse.

Dominik Helleberg: Klar ist zum einen die kompaktere Bauform ein wesentlicher Fortschritt. Neu ist auch die Kombination dieser Sensoren mit einer modernen und leistungsstarken Plattform wie Android. Zusätzlich mussten die Tango-Entwickler das Problem der mobilen Energieversorgung lösen.

Allerdings sind wir hier noch lange nicht am Ende, denn speziell die Tiefenmessung ist noch recht anfällig für ungünstige Umwelteinflüsse. Zum Glück sehen wir hier in der Industrie einige interessante Entwicklungen – zum Beispiel Intel mit „Real Sense“ oder Qualcomm, um nur zwei Schwergewichte zu nennen. Daher wird hier noch einiges passieren, meiner Meinung nach.

Welche Möglichkeiten bietet Project Tango neben der Entwicklung von klassischen Augmented-Reality-Applikationen?

Dominik Helleberg: Auch hier: Eine Menge!

Nein im Ernst, ich glaube das wir auch im Augmented-Reality-Bereich noch lange nicht alle Anwendungsfälle gesehen haben. Vom fast klassischen Shopping („Passt das Sofa in mein Wohnzimmer?“) über gemeinsames Arbeiten an 3D-Projekten bis hin zum einfachen Ausmessen von Räumen oder dem kleinen, virtuellen Haustier ist alles denkbar. Dann haben wir noch Spiele und wissenschaftliche Anwendungen. Auch präzise Indoor-Navigation ist mit Tango ohne zusätzliche Hardware-Installation vor Ort möglich.

Weiterführend geht’s dann Richtung Robotik und Drohnen-Steuerung. Habe ich was vergessen? Bestimmt!

Welche Herausforderungen stellen sich Entwicklern dabei?

Dominik Helleberg: Auf der einen Seite natürlich die neuen APIs und SDKs. Bei Tango kann man jetzt schon zwischen dem C-SDK, dem Java-SDK oder der Unity-Integration wählen. Als Entwickler muss ich die grundlegenden Technologien verstehen und mich mit der 3D-Programmierung auseinandersetzen.

Spannend wird in Zukunft dann, wie unterschiedlich gut die verschiedenen Sensoren funktionieren und ob sich Tango als möglichst einheitliches API durchsetzen kann.

Nun ist Augmented Reality natürlich schon seit Jahren das „Next Big Thing“ – es scheint nur nicht wirklich anzukommen … könnte jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen sein? Und vor allem: warum?

Dominik Helleberg: Ja, mal wieder wird Augmented Reality ein „Hype“. In einigen Bereichen funktioniert es auch schon seit Längerem ziemlich gut. Allerdings wurden uns auch schon vor Jahren Anwendungen versprochen die bis heute nicht richtig funktionieren – vor allem, weil die Smartphones bisher nicht in der Lage waren, ihre reale Umgebung hinreichen genau zu erfassen.

Wo hier die Probleme genau liegen, werde ich auf der MobileTech Conference erzählen; unter anderem an Beispielen aus der Film-Industrie, wo die Special-Effects-Experten ganz ähnliche Herausforderungen haben wie der Augmented-Reality-Entwickler …

Dominik HellebergDominik Helleberg ist bei der inovex GmbH für die Entwicklung von mobilen Applikationen zuständig. Neben diversen Projekten im JME-, Android- und Mobile-Web-Umfeld hat er den JCP und das W3C bei der Definition von Standards für mobile Laufzeitumgebungen unterstützt.

Aufmacherbild: Portrait of young elegant tango dancers. via Shutterstock / Urheberrecht: tommaso lizzul

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