iOS 9 ermöglicht Content-Blocking

Mobile Ad-Blocker: To Block or not to Block?
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iOS 9 ist da und macht das mobile Content-Blocking in Safari auf Apple-Devices möglich. Die neuen Apps dafür haben sich auch unmittelbar an die Spitze der Download-Charts im App Store gesetzt. Kein Wunder, machen sie das Internet doch privater und gleichzeitig schneller. Aktuell belegen Ad-Blocker Platz 1 und 2 der am Häufigsten herunter geladenen Anwendungen. Peace, eine dritte Adblocker-App, die ebenfalls eine Spitzenposition im App Store einnahm, wurde allerdings nach nur 36 Stunden von ihrem Entwickler zurückgezogen. Er hatte Bedenken dabei, ein werbefreies mobiles Web zu ermöglichen. Und er ist nicht alleine damit.

Noch kurz vor der Entscheidung für die Rücknahme seines Ad-Blockers Peace hat Marco Arment, einer der führenden Entwickler von Tumblr, sich klar für derartige Anwendungen ausgesprochen. Die aktuellen Anforderungen der Werbe- und Tracking-Industrie an den Konsumenten gingen ihm zu weit, dieser Status sei nicht hinnehmbar. Doch dann kam der Tag der Veröffentlichung seines Ad-Blockers – und änderte seine Einstellung. Wo zuvor noch die Interessen der Kunden im Zentrum standen, vertritt der Entwickler nun die Meinung, dass unselektive Contentblocker keine gute Wahl sind. Immerhin ist Werbung die primäre Einnahmequelle für die meisten Websites und sollte als solche erhalten bleiben, um das Internet, so wie wir es kennen, zu schützen.

Das Ende des freien Internets?

Diese Meinung vertritt auch Nilay Patel von TheVerge.com, der seine Sichtweise auf Apples Ad-Blocking mit „Welcome to hell“ überschreibt. Die Hölle, das ist für ihn der Krieg zwischen Apple, Facebook und Google um Werbeeinnahme, in dem Apples Entscheidung für Ad-Blocker nur einen weiteren Schachzug darstellt.

Patel folgt der verbreiteten Sichtweise, dass Apples Werbeblocker-Freigabe nur sekundär einem schnelleren Web dienen soll, primär aber im Sinn hat, immer mehr Content-Provider in Apples native News-App zu locken, die kein Content-Blocking zulässt. Diese wird weiterhin Werbung anzeigen, aber natürlich nur solche, an der Apple verdient. Damit droht Google als größtem Betreiber von Werbe-Netzwerken ein spürbarer Verlust von Marktanteilen, also Geld. Das könnte dann fehlen, um das Internet weiterzuentwickeln. Es könnte zum Stillstand kommen, fürchtet Patel.

Alternative Wege statt Verzicht

Die Alternative stellt eine verstärkte Nutzung nativer Werbung dar. Werbeanzeigen, die direkt auf dem eigenen Server gehostet werden und kaum vom Inhalt einer Website unterscheidbar sind, sind im Allgemeinen weniger aufdringlich als externe Werbung. Statt der Einbindung externer Tracking-Tools können auch diese künftig unmittelbar auf dem eigenen Server eines Webangebots laufen, sodass sie nicht von Adblockern betroffen sind.

Dafür bedarf es aber ganz neuer technischer Lösungen. Entweder können die gesammelten Daten im Haus ausgewertet werden, um gezielt Werbeanzeigen einzukaufen. Oder, und das ist der wahrscheinlichere Weg, die Daten müssen Serverseitig an die großen Werbenetzwerke übergeben werden. Dafür braucht es aber technischer Lösungen, die das Maß an Kenntnissen überschreiten, die bisher für den Betrieb einfacher, werbeunterstützer Websites notwendig waren.

Auch werden Nutzerdaten dadurch viel dezentraler erfasst. Bisher war es großen Werbe-Netzwerken unmittelbar möglich, den Nutzer durchs Internet zu verfolgen. Es war normal, dass eine Suchanfrage auf einer Seite auf gänzlich anderen Websites zu entsprechender Werbung führte. Das wird künftig durch die zerstreute Datenbasis erschwert. Für den Nutzer mag das durchaus Vorteile haben. Für Anbieter könnte der Wert eingeblendeter Werbung allerdings weiter sinken. Denn gerade zielgerichtete Anzeigen sind es, die bisher Geld einbringen.

Nachteile für kleine Unternehmen

Dadurch werden kleine Anbieter von Content allerdings schnell ins Aus geschoben. Während sich große Firmen durchaus neue Lösungen leisten können, kann nicht jedes kleine Unternehmen hier mithalten. Auch die Teilnahme an nativen News-Apps, angeboten von Facebook oder Apple, ist nicht für jeden Anbieter interessant. Insofern könnte die aktuelle Entwicklung des Internets zum Todesstoß für diejenigen werden, die schon jetzt nur einen kleinen Teil des Kuchens abbekommen. Und doch ist es ja gerade die Vielfalt, die das Internet heutzutage prägt.

Andererseits sollten Nutzer kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie Ad-Blocker verwenden. Das Laden von 30 oder mehr externen Inhalten für einen einfachen Newsartikel überschreitet schon lange die Grenze dessen, was Nutzer bereit sind, hinzunehmen. Es kostet Traffic, verlangsamt den Browser. Auch, wenn native Werbeinhalte ebenfalls wieder Datenverkehr verursachen werden, lassen sich Ladezeiten auf diesem Weg besser kontrollieren und erträglich halten. Für den Nutzer hat der Schritt hin zum Ad-Blocking auf Mobilgeräten also große Vorteile.

Alternativ ist aber vorstellbar, dass die Zukunft der Ab-Blocker auf mobilen Geräten nicht in massiven „all you can block“-Lösungen liegt, sondern in selektiven Ansätzen. Einerseits würden zu aufdringliche, zu viel Traffic verbrauchende Apps geblockt; andererseits könnten aber gleichzeitig diejenigen Anzeigen und Tracker, die sich an gewisse Standards halten, weiterhin betrieben werden. Wohin der Weg geht, wird die Zeit zeigen, der User entscheiden. Klar ist aber, dass das Internet wie es heute ist, die Werbung braucht. Und auch gesponsorte Posts und native Werbeeinblendungen stoßen nicht nur auf Gegenliebe beim Nutzer.

War die Werbung nicht eh schon kaputt?

Daneben stellt sich auch die Frage, wie gut denn das werbefinanzierte Internet in der jüngsten Zeit funktioniert hat. Wer Summen von drei Cent pro 1000 Views im Kopf hat, darf sich zu Recht fragen, wie denn kleine Content-Provider bislang davon leben konnten. Das Geheimnis dahinter ist allerdings eigentlich keins: Wer kaum etwas an einer Anzeige und Tracking-Tools verdient, muss eben mehr davon einbinden. Das hat die Werbefinanzierung schon lange in eine Abwärtsspirale gestürzt, die irgendwann ein Ende finden musste. Und das liegt nicht in der Verantwortung des Nutzers.

Apple hat insofern vielleicht einen längst überfälligen Schritt in Sachen mobiles Web gemacht. Zwar gibt es bereits seit einiger Zeit auch Ad-Blocker für Android; durch die aktuelle Diskussion rücken die Anwendungen aber immer mehr in den Fokus der Anwender. Die Frage ist nun, wie die Anbieter von Online-Content darauf reagieren werden und welche Lösungen sie finden werden. Da das Internet jedoch schon seit seiner Erfindung vor allem durch seine Wandelbarkeit geprägt wurde, sind Untergangsfantasien hier wohl fehl am Platze. Das Netz muss sich nur einmal wieder neu erfinden.

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Aufmacherbild: ymgerman / Shutterstock.com

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