Interview mit Corrina Black und Greg Sullivan

Windows Phone 8 hat das UI-Design für die breite Masse
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Das Windows Phone kommt mit seinen ganz eigenen Design-Prinzipien daher. Die Design-Sprache ist mit Bauhaus und Swiss Style Design an prominente Vorbilder angelehnt. „Content first“, „fast and fluid“ und „authentically digital“ sind nur einige der Prinzipien, denen sich Windows-Phone-Entwickler stellen müssen. Was wirklich dahinter steckt, darüber hat Windows-Developer-Redakteurin Corinna Kern mit Greg Sullivan, Senior Product Manager for Windows Phone, und Corrina Black, Senior UX Design Lead for Windows Phone, gesprochen.

dot.NET: Das UI-Design von Windows Phone ist stark an Bauhaus und Swiss Style Design angelegt. Könnten Sie kurz erläutern, wieso besonderen Wert auf diese weithin geläufigen Stilrichtungen gelegt wurde?

Corrina Black: Es ist eine Design-Sprache, die sehr klar ist und ein globales Publikum anspricht. Es wird keine Legende oder ähnliches benötigt, um sie zu verstehen. Und das ist es, was wir beim UI von Windows Phone beabsichtigt haben: Ein Design, das die große Mehrheit anspricht und gleichermaßen bedeutungsvoll und leicht zu verstehen ist. Das Design steht dem Inhalt nicht im Weg, sondern unterstreicht ihn.

dot.NET: Das Windows Phone UI wird durch spezielle Design-Patterns bestimmt. Zum einen hat das natürlich den Vorteil, dass, egal wie viele Entwickler für Windows Phone entwickeln, immer ein relativ einheitliches UI gewährleistet bleibt. Zum anderen könnte dies aber natürlich auch dazu führen, dass Entwickler sich in ihren Möglichkeiten eingeschränkt fühlen.

Corrina Black: Es ist visuell gesehen definitiv wichtig für die Interaktion und die Flow-Consistency, dass die Informationen in einer App leicht zugänglich sind und man sich das Interface leicht aneignen kann. Wenn man „lernt“, die eine Application zu bedienen, kann man dieses Gelernte in einer anderen Application wieder anwenden. Ich würde nicht sagen, dass Entwickler durch diese Design Language „gebunden“ werden; sie können sich viel mehr davon inspirieren lassen und das Vorgegebene auf den nächsten Level heben.

Personalisierte Startscreens mit Windows Phone 8© Microsoft
Personalisierte Startscreens mit Windows Phone 8© Microsoft

dot.NET: In Windows Phone 8 ist nun der personalisierte Startscreen neu hinzugekommen. Microsoft hat hier Beispiele vorgegeben, wie das aussehen könnte: Der Sport-Fan hat die ESPN-App und die App seiner Lieblingsmannschaft auf dem Startscreen, die Leseratte die Kindle- und verschiedene Magazin-Apps. Könnten Entwickler unter diesem Gesichtspunkt jetzt also speziell für Zielgruppen Apps entwickeln?

Corrina Black: Es geht dabei in erster Linie darum, dass der User seinen Startscreen individuell gestalten kann. Applikationen, die wichtiger sind, können hervorgehoben und wiederum mit drei verschiedenen Tile-Sizes noch einmal mehr oder weniger priorisiert werden – es ist ein persönlicher „Fingerabdruck“, den man seinem Device geben kann.
Aber das ist auch eine interessante Frage, ob Entwickler sich davon inspirieren lassen könnten. Wenn man sich ausmalt, auf welche Arten Benutzer ihren Startscreen personalisieren könnten, könnte das Inspiration für neue App-Typen liefern, das denke ich schon.

Greg Sullivan: Ich halte es bei der Entwicklung für Windows Phone im Allgemeinen für sinnvoll, für Personen zu entwickeln, also sich wirklich ein Bild davon zu machen, wer die App benutzen wird und wie. Das hilft dabei, Entscheidungen zu treffen, etwa wie man die Features priorisieren soll. Wer ist die Person, für die ich das baue? Ist es ein Sport-Fan oder doch eher ein passionierter Hobby-Fotograf? Wie könnte das Leben dieser Person aussehen? Diese Herangehensweise ist sinnvoller, als eine App zu bauen und nur eine abstrakte Vorstellung von jemandem zu haben, der sich gerne der Fotografie widmet. Man sollte den zukünftigen Benutzer der App im Vorfeld personifizieren. Das ist ein Ansatz, den wir auch bei Microsoft verfolgen – nicht nur in Design-Fragen, sondern auch im Development und im Marketing eines Produktes: Für wen ist das gedacht?

Corrina Black: Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Wer sind sie, welche Hobbys haben sie, wie interagieren sie in der realen Welt, wie kann man sie in ein Produkt „hineinziehen“? Wenn man Apps bauen will, muss man wirklich gut verstehen, wer die User sind.

dot.NET: Ein Prinzip lautet, Apps sollten „authentically digital“ sein – was heißt das genau?

Corrina Black: Wir ahmen keine realen Objekte nach. Sie werden keine Effekte sehen, die einen digitalen Button wie einen Button aus dem wahren Leben erscheinen lassen. Skeuomorphism möchten wir eigentlich vermeiden.

Greg Sullivan: Zum Beispiel eine Bücherregal-App zu bauen, die wie ein echtes Bücherregal aussieht.

Corrina Black: Wenn man das SDK und das Toolkit benutzt, wird man schnell erkennen, dass es nicht um Skeuomorphism geht, also darum die echte Welt nachzubilden, sondern den Content als das, was er ist, zu präsentieren und ihn zu verschönern, indem man sich z.B. Typographie zunutze macht. Deswegen funktioniert auch das Beispiel Swiss Style Design so gut, weil es sich lebendig anfühlt, Emotionen weckt und einen richtig hineinzieht.

Greg Sullivan: Das geht Hand in Hand mit dem Prinzip „Content first“. Wenn wir Buttons machen würden, die drei- oder vierdimensional sind und Lichteffekte hätten, sodass es aussieht, als ob man sie hinein- und hinausdrücken könnte – das würde letztlich vom eigentlichen Content ablenken. Es geht nicht um uns oder um den Entwickler, sondern um den User. Das ist die ganze Idee dahinter: Es geht um die Dinge, die den User interessieren, nicht darum, was wir für cool halten.

Corrina Black: Auf Touch-Devices wird Content heute ohnehin interaktiv interpretiert. Wenn man beispielsweise ein Music Hub hat und sieht ein Album-Cover, dann geht man schon automatisch davon aus, dass man durch Gestensteuerung damit interagieren kann. Wir brauchen diese metaphorischen Objekte also ohnehin nicht mehr, um User zur Interaktion zu bewegen.

dot.NET: Würden Sie sagen, dass sich das Kachel-Design für bestimmten Content besser eignet als für anderen?

Greg Sullivan: Spiele sind da ein gutes Beispiel. Ich hab auf meinem Phone solche Apps, die den Windows-Phone-Stil perfekt integriert haben und sich anfühlen, als wären sie schon immer Teil des Systems gewesen. Diese Konsistenz wird über das Design hergestellt. Gleichzeitig kann man auch ein Spiel machen, das im Full-Screen-Modus ausgeführt wird und dem User eine vollständig immersive Erfahrung beschert, ohne den Windows Phone Style überhaupt in irgendeiner Form zu repräsentieren. Das ist also ein sehr breites Spektrum, in dem sich Entwickler platzieren können. Aber sowohl das Windows-Phone-Design offen anzunehmen als auch eigene, immersive nicht-Tile-orientierte Apps sind mit unseren Tools möglich – das sieht man besonders gut an Spielen.

Corrina Black: Es gibt aber auch was die Spiele-Erlebbarkeit angeht viele Möglichkeiten, in denen man diesen speziellen Windows Phone Style besonders wirksam in den Einstellungen und Präferenzen einsetzen kann. Zum Beispiel in Leader Boards – da hat man dann ein konsistentes UI, zu dem man immer wieder zurückkehrt.

dot.NET: Was würden Sie sagen, ist das Windows 8 UI, das ja eine Weiterentwicklung des Windows Phone UI ist, PC-fähig?

Greg Sullivan: Wenn man sich zum Beispiel die Managementscreens in Server 2012 anschaut, die im Windows 8 Style daher kommen, zeigt sich, dass die Prinzipien unseres Ansatzes – Einfachheit, Minimiertheit, Content first – hier auch funktionieren. Wenn Sie zum Beispiel ein Network-Administrator sind, dann interessiert Sie weder Chrome noch UI, sondern nur der Inhalt, die Informationen. Sie wollen direkt an die Daten kommen. Auch in Bereichen wie Management Counseling macht es also durchaus Sinn, denn man will ja weg von diesen ganzen äußeren Sachen, und dass der Content hervor tritt.

Corrina Black: Es soll schnell und effizient sein, und man soll nicht nach dem eigentlichen Content suchen müssen, um damit interagieren zu können.

Greg Sullivan: Es ist natürlich die erste Assoziation, dass Windows 8 Apps auf dem Smartphone oder Tablet genutzt werden und wenn man in der PC-Desktop-Umgebung ist, will man wieder das alte Chrome vom alten Windows, aber die Design-Prinzipien sind eigentlich sehr global und selbst in einer Umgebung, in der man es nicht erwarten würde, wird man diesen Stil sehen und sinnvoll finden.

dot.NET: Wie unterstützt Microsoft Entwickler in puncto Windows Phone?

Greg Sullivan: Was wir tun, ist, eine Art Landschaft zu zeichnen, in der wir aufzeigen: „Das sind die Plattformen, so arbeiten sie zusammen und das sind die Tools, die du benutzen kannst, um Apps dafür zu machen“ und indem wir dabei helfen, dass Entwickler ihre Arbeit dann auch entsprechend monetarisieren können.

dot.NET: Wieso sollten Entwickler jetzt mit der Windows-Phone-8-Entwicklung beginnen? Inwiefern können sie davon profitieren?

Greg Sullivan: Entwickler können von unserer Plattform zum Beispiel durch die Möglichkeit von In-App-Purchases profitieren. Das kann wirklich dabei helfen, die Einnahmen zu steigern. Außerdem haben wir den Windows Phone Store in mehr Ländern zugänglich gemacht, von 63 auf 191 Länder, und wir haben den Support von 25 auf 50 Sprachen erweitert. Mit dieser Kombination von so vielen Ländern, mehr Sprachen-Support, In-App-Purchases – und wir stellen noch mehr Infrastruktur dieser Art bereit – können Entwickler einfach Apps bauen und veröffentlichen und natürlich im nächsten Schritt auch Geld einnehmen.

dot.NET: Ich danke Ihnen für das Gespräch!

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