Interview mit Jens Grochtdreis

Natürlich ist es sinnvoll, HTML5 zu nutzen. Was denn sonst?
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HTML5 ist schon längst im Web angekommen. Dennoch lohnt es sich, das Thema etwas genauer zu beleuchten. Deswegen haben wir uns mit Jens Grochtdreis, Gründer der Webkrauts, darüber unterhalten. Wir sprachen darüber ob es sinnvoll ist, immer HTML5 zu nutzen, ob der Um- bzw. Einstieg leicht ist, ob zu viele Köche den Brei verderben – und über vieles mehr.

PHP Magazin: Jens, HTML5 war lange Zeit als Hype verschrien, und trotzdem hat jeder, der etwas auf sich hielt, seine Seite auf HTML5 umgestellt. War das sinnvoll?

Jens Grochtdreis: Was meinst Du mit „auf HTML5 umstellen“? Wenn Du eine echte technische Modernisierung mit Ausschöpfung aller theoretischen Möglichkeiten meinst, dann bezweifele ich, dass dies geschehen ist. Es wäre auch nicht sinnvoll, schließlich ist HTML5 noch kein fertiger Standard und die Browserunterstützung ist nicht vollständig.

Aber es gibt einzelne Aspekte, die sofort oder sukzessive implementiert werden können und die sinnvoll sind. Angefangen bei der kompakteren DTD über das Videoelement, die neuen Formularelemente und die meisten neuen semantischen Elemente.

PHP Magazin: Um die Sache noch etwas weiter zu treiben: Ist es aktuell sinnvoll, immer und ausschließlich HTML5 zu verwenden?

Jens: Diese Frage stellt sich eigentlich so nicht. Als Erstes es ist sinnvoll, die HTML5-DTD zu nutzen. Die Browser haben sich eh nie für mehr interessiert. Und sogar der IE6 versteht sie. Ob ich dann die neuen semantischen Elemente nutze, hängt von meinem Projekt ab. Es spricht nicht viel dagegen, dies zu tun. Auch die neuen Formularelemente kann man problemfrei nutzen. Ebenso das Videoelement und Canvas.

Man sollte bei HTML5 und CSS3 immer auf CanIUse nachschauen, wie die Verbreitung der Technik/der Elemente ist und ob es ein Polyfill für die alten IE gibt. Zum Punkt „ausschließlich“ stellt sich mir die Gegenfrage: „Was denn sonst?“

XHTML ist ein gescheitertes Konzept, da wir nie richtiges XHTML an alle Browser ausliefern konnten. Bei neuen Projekten ergibt es also wenig Sinn, XHTML zu nutzen.

PHP Magazin: Du selbst hast jahrelange Erfahrung im Bereich der Frontend-Entwicklung. Wie hat HTML5 deine Arbeit verändert? Wie aufwändig war bzw. ist der Umstieg?

Jens: Die neuen Techniken bei HTML5 machen im Grunde genommen die Arbeit einfacher. Wir haben früher bspw. viele unterschiedliche Ansätze gehabt, um Formulare zu validieren. Heute brauche ich danach nicht mehr zu suchen, weil ich eine einheitliche Schnittstelle habe. Ich habe außerdem den Eindruck, dass HTML5 als Hype sowohl die Browserhersteller als auch die Kunden motiviert hat. Die Browser werden konstant verbessert – auch wenn Apple und Microsoft den anderen hinterherhängen – und die Kunden wissen jetzt, dass es innovativere Browser als ihre alten IE gibt. Ich finde das sehr positiv.

Das Erlernen von HTML5 ging nicht über Nacht und ist noch lange nicht abgeschlossen. Es ist ein spannendes Feld, in dem man immer wieder neue Aspekte entdecken kann. Zudem sind ja auch bei Weitem nicht alle Techniken in allen Browsern implementiert.

Es ist aber klasse, dass ich nicht mehr primär nach irgendeinem jQuery-Hack Ausschau halte, sondern zunächst nach der HTML5-Implementierung schaue und dann erst recherchiere, für welche Browser ich dann doch einen Polyfill benötige.

PHP Magazin: HTML5 bietet Webentwicklern zahlreiche JavaScript-APIs. Verkomplizieren die das Leben von Webentwicklern?

Jens: Ich meine nein. Denn anstatt sich unter gefühlt 300 Formularvalidatoren einen auszusuchen, nutzen wir nun den eingebauten und schauen zusätzlich nach einem Polyfill. Dieser wird in ein paar Jahren unnötig, wenn der IE8 ausgestorben ist. Das ist doch mal eine tolle Perspektive.

Es ist ja nicht so, dass es vor den HTML5-JS-APIs nicht schon JavaScript-basierte Lösungen gegeben hätte. Aber durch HTML5 sind sie standardisiert. Das ist für mich das Gegenteil von „verkomplizieren“.

PHP Magazin: Was macht HTML5 richtig – und wo geht es deiner Meinung nach einfach nicht weit genug? Was fehlt dem Standard aktuell noch?

Jens: Es scheint, dass die Sicherheit eine stetige Herausforderung ist und ihr zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Es ist aber wichtig, dass wir sichere Seiten ausliefern können. Neue Features fallen mir ad hoc keine ein. Allerdings sollten die Browserhersteller schneller die ausstehenden Features implementieren.

PHP Magazin: Wenn man über HTML5 spricht, dann kommt man natürlich nicht umhin, einen Blick auf den Werdegang zu werfen. Google, Apple, Mozilla, das W3C … es gibt viele Player, die sich an der Weiterentwicklung beteiligen. Ist das ein Problem, oder siehst du darin einen Vorteil?

Jens: Weder noch. Es ist einfach ein Fakt, dass wir einen Wettbewerb haben. Das ist auch gut so. Microsoft wurde träge, als der IE6 den Browserkrieg gewonnen hatte. Innovation wurde eingestellt. Auch Apple hatte sich zurückgezogen, nachdem sie für iOS alle Neuerungen durchgeboxt hatte.

Ich finde es klasse, dass alle Wettbewerber nun im W3C und für uns alle zusammenarbeiten und keine Parallelentwicklungen fahren, wie das während des ersten Browserkriegs der Fall war. Der Haken sind nicht die vielen Player. Das einzig fortdauernde Problem ist die Langlebigkeit des IE in den Netzwerken der großen Firmen und Behörden. Die aktualisieren den IE nur sehr schleppend und behindern so den Fortschritt. Aus ihrer Sicht ist das verständlich. Aus meiner Sicht ist es nur bedauerlich.

Ich glaube aber nicht, dass sich an diesem Zustand etwas ändern wird. Wer ein Netzwerk mit mehreren Hundert oder gar Tausend Rechnern zu verwalten hat, der kann nicht so wie du oder ich einfach mal seinen Browser aktualisieren oder gar eine Vielzahl von Browsern zulassen. Das verstehe ich. Es gefällt mir trotzdem nicht.

PHP Magazin: Du bist Programm Chair der HTML5 Days in München. Worauf hast du bei der Zusammenstellung des Programms besonders geachtet? Was wollt ihr den Teilnehmern in den drei Tagen mitgeben?

Jens: Ich habe eine Themenmischung aus wichtigen Grundlagen und möglichst wichtigen Spezialthemen zusammenstellen wollen. Die große Schwierigkeit ist dabei die Trennschärfe. Ich wollte nicht päpstlicher sein als der Papst und mich nur auf HTML5 pur konzentrieren. Denn alles, was wir mit HTML(5) und JavaScript erschaffen, geschieht ja in einem Kontext. Deshalb ist es nicht falsch, auch über Responsive Webdesign zu sprechen oder über Touch-Interfaces. Nach der reinen Lehre ist das eher nicht HTML5, aber hoffentlich wird die moderne HTML5-Seite am Ende responsive. In München kann man lernen, worauf man dabei zu achten hat.

Den Anfang macht ein großer Rundumschlag über möglichst viele HTML5-APIs, gefolgt von Webworkern, mit denen man seine Anwendung performanter machen kann. Das Thema Perfomance wird dann noch einmal konkret aufgegriffen. Insgesamt eine spannende Mischung, die eine gute Ergänzung zu den JavaScript Days darstellt.

PHP Magazin: Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast. Wir sehen uns im März in München!

HTML5 DaysDie HTML5 Days vermitteln Teilnehmern in drei Tagen tiefgehendes Know-how zu den wichtigsten HTML5-Themen in kompakter und intensiver Form. Die HTML5 Days bieten zusammen mit den parallel stattfindenden JavaScript Days insgesamt 24 Power Workshops, eine Night Session und ein Speaker Panel mit den bekanntesten deutschsprachigen HTML5-Experten.

Aufmacherbild: Job Seeker, Job Career Concept Present By Group of Businessman With Red Interview Sign on Hand Isolated von Shutterstock / Urheberrecht: DeiMosz

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