Ein Rückblick – trotz allem ein Grund zu feiern

.NET wird 10 Jahre alt
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Am 15. Januar 2002 wurde das .NET Framework 1.0 offiziell freigegeben. Auch wenn sich nicht alle der mit der „.NET-Initiative“ anvisierten Ziele realisieren ließen, das .NET Framework hat die Welt der Softwareentwicklung unter Windows zum Positiven verändert und uns Entwickler produktiver gemacht (und ganz nebenbei verhindert, dass wir alle Java lernen mussten). In diesem Artikel lassen wir die vergangenen zehn Jahre noch einmal Revue passieren.

Wir schreiben das Jahr 2012. Das World Wide Web wird von einem Konzern aus Redmond dominiert, dessen erstes Produkt ein BASIC Interpreter für 8-Bit-CPUs mit 4KByte Arbeitsspeicher war. Auf 80 Prozent aller Webserver läuft der IIS.NET Webserver 2012. Der Datenbankmarkt wird von SQL Server .NET dominiert, auf allen Tablet-PCs und Smartphones läuft Windows CE.NET 6.23. 90 Prozent aller Authentifizierungen im Web werden von Passport.NET erledigt, die meisten Onlineshops wickeln ihre Bezahldienste über Commerce Server .NET ab. Linux und Open Source sind ein Nischenthema und Java eine Fußnote der Geschichte. So ähnlich könnte sich Bill Gates Ende der 90er Jahre die Zukunft seines Konzerns ausgemalt haben, denn die Next Generation Windows Services, „Microsofts Vision für ein programmierbares Web“, aus denen kurz nach ihrer Ankündigung im Sommer 2000 das .NET Framework wurde, befanden sich gerade in der Entwicklung und waren damit der erste Versuch von Microsoft, eine gigantische Web-Service-Plattform zu etablieren.

Microsoft in der Defensive

Wir schreiben das Jahr 1995: Microsoft hat ein echtes Problem. Das Web boomt und eine kleine Firma mit dem Namen Netscape sorgt mit ihrem Netscape-Navigator für Furore (im Mai 1996 besaß der Netscape-Browser einen Marktanteil von 83 Prozent, der aber in den Folgejahren stetig fallen sollte). Sie führt Microsoft vor Augen, dass sich eine Dominanz auf dem Desktop nicht automatisch auf das Web übertragen lässt. Viel bedrohlicher als ein harmloser Browser ist eine Programmiersprache mit dem Namen Java, die bei Sun, einem Hersteller kostspieliger Computerhardware, eher per Zufall entstanden ist, aus der aber schnell eine Plattform mit dem Anspruch „Write once, run everywhere“ wird. Eine betriebssystemunabhängige Anwendungsplattform für den PC bedeutet eine Alternative zu Windows und damit eine potenzielle Bedrohung für das Quasi-Monopol, das Microsoft Mitte der 90er Jahre mit Windows und dem Office-Paket etabliert hat und das Jahr für Jahr für Gewinne in Milliardenhöhe sorgt. Nimmt man als Maßstab die Euphorie, die in den 90er Jahren alles in den Himmel hob, was auch nur im Entferntesten mit Java zu tun hatte, muss Microsoft die Bedrohung als sehr real empfunden haben.

Irgendwann im Jahr 1995 wurde den Microsoft-Bossen klar, dass sehr schnell etwas passieren müsse. Im Silicon Valley herrschte eine Goldgräberstimmung (zur ersten Java-Konferenz, die 1996 in San Francisco stattfinden sollte, kamen 6000 Menschen), das Internet versprach nicht nur Fortschritt, sondern auch Reichtum für alle Start-ups mit dem richtigen Riecher für den nächsten Trend, nur Microsoft schien davon nicht profitieren zu können. Man besaß mit dem Internet Explorer einen schlichten Browser, mit dem IIS einen Webserver, der gerade erst zur Marktreife gebracht wurde, man hatte mit DHTML eine browserspezifische Technik zur Erweiterung von HTML um Programmfunktionen, aber man verfügte über keine Technik, mit der sich Programme in den Browser einbinden ließen. Vor allem hatte man keine Strategie, mit der man Entwickler überzeugen, geschweige denn begeistern konnte.

Pearl Harbor Day bei Microsoft

Am 7. Dezember 1995 (dieses Datum wurde nicht zufällig gewählt, denn am selben Tag fand im Jahr 1941 der Angriff der japanischen Streitmacht auf Pearl Harbor statt) versuchte man in einer Art „Befreiungsschlag“ eine Technik internetkompatibel zu machen, über die man in Redmond bereits seit Jahren verfügte: Das auf COM basierende ActiveX. Damit sollte Java im Browser etwas entgegengesetzt werden. Auf dem Server versuchte man es unter dem Namen „Active Server Pages“ mit in HTML-Seiten eingefügtem VBScript. Letzteres wurde zur neuen Browser-Programmiersprache erhoben und „frei verfügbar“ gemacht.

Allen Beteiligten war klar, dass dies nur eine provisorische Übergangslösung sein würde. COM war schwierig zu programmieren und wie VBScript und ASP technisch limitiert. Für richtige Entwickler kam dieses Provisorium daher nicht in Frage. COM musste in eine Richtung weiterentwickelt werden, die es nicht nur leistungsfähiger, sondern auch einfacher zu programmieren machte. Die Wahl der Programmiersprache sollte keine Rolle spielen. Auf der PDC 1997 in San Diego stellte die damalige Microsoft-Mitarbeiterin Mary Kirtland in einem mehrstündigen und sehr technischen Vortrag einen Nachfolger von COM vor, bei dem erstmals das Konzept einer universellen, sprachunabhängigen Laufzeit konkretisiert wurde und der damals in Ermangelung einer Alternative COM+ genannt wurde.

Vorläufer des .NET Framework

Um diesen Nachfolger wurde es danach wieder still. Microsoft veröffentlichte stattdessen ein COM+ als Teil von Windows 2000, das mit dem in San Diego vorgestellten COM+ aber nur wenig Ähnlichkeit besaß. Es dauerte noch drei Jahre bis im Juni 2000 auf dem Microsoft Forum 2000 in Redmond das Konzept der „Next Generation Windows Services“ (NGWS) der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Ursprünglich wollte der frisch gebackene CEO Steve Balmer das Projekt bereits am 1. April vorstellen, entschied sich aber dann aufgrund des laufenden Kartellrechtverfahrens für eine Verschiebung. Auf der einen Monat später in Orlando stattfindenden PDC 2000 folgte dann der große Paukenschlag: Microsoft stellte mit dem .NET Framework nicht nur eine sprachunabhängige Laufzeit vor, sondern auch eine umfangreiche Klassenbibliothek, ein Formularmodell für Windows und für das Web sowie mit C# und Visual Basic .NET zwei komplett neu entwickelte Programmiersprachen (wobei viele Entwickler heute noch der Meinung sind, dass eine Sprache gereicht hätte) und mit Visual Studio .NET (alias Visual Studio 7.0) das dazu passende Entwicklungswerkzeug.

Es dürfte bis heute keine Microsoft-Konferenz mehr gegeben haben, die die Teilnehmer vergleichbar euphorisiert hätte. Microsoft hatte eine Antwort auf die Herausforderung für Java gegeben, und was auf der PDC präsentiert wurde, sah trotz offensichtlicher technischer Unzulänglichkeiten während einiger Livedemos bereits sehr vielversprechend aus. Auch wenn vieles von dem, was mit .NET 1.0 vorgestellt wurde, aus heutiger Sicht etwas unausgegoren war und einige hochfliegende Pläne sich später in Luft aufgelöst haben (als Beispiel seien die Code Access Security Policies genannt, die mit .NET 4.0 beerdigt wurden, und auch das Webservice-Protokoll SOAP dürfte die hochgesteckten Erwartungen bei Weitem nicht erfüllt haben, auch wenn es heute noch die Grundlage für verschiedene WS-Standards, wie WS-Management ist), mit .NET 1.0 wurde ein Fundament gelegt, das bis heute Bestand hat.

Kleiner Exkurs in die Geschichte

Wer sich für die Geschichte des .NET Frameworks interessiert, dem sei die Lektüre der Original-Pressemitteilung zur Ankündigung des .NET Framework 1.0 empfohlen [1]. Einiges von dem, was dort zu lesen ist, wirkt in der Rückschau reichlich naiv. Dort wird Visual Studio .NET als „Drag and Drop“-Entwicklungswerkzeug für „Next Generation XML Web Services“ und das .NET Framework als Herz der .NET-Plattform bezeichnet, als hochproduktive, mehrsprachige Entwicklungsumgebung für das Erstellen von Web Services mit wichtigen Merkmalen, wie eine sprachübergreifende Vererbung und Debugging. Das .NET Framework vereinfacht, so der Pressetext weiter, das Erstellen von Web Services, in dem viele, häufig auftretende Programmieraufgaben unabhängig der verwendeten Programmiersprache automatisiert werden und dadurch die Menge an Programmcode reduziert wird. Und es hilft, die am häufigsten auftretenden Programmierfehler zu vermeiden. Fehlte nur noch der Hinweis, dass die neue Plattform Haarausfall vorbeugt. Man kann nur erahnen, was sich die Marketingabteilung in Redmond bei manchen Formulierungen gedacht haben mag.

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