Generationskonflikt

NetBeans 6.5 for PHP vs. Eclipse PDT für Einsteiger
Kommentare

Wenn es etwas gibt, woran es PHP-Entwicklern mit Sicherheit nicht mangelt, dann sind es IDEs. Damit gehen zum Teil wüst geführte Flame Wars einher, wenn man auf der Suche nach der für sich Richtigen leichtfertig die Frage nach der Besten stellt. Da man die Stärken und Schwächen der jeweiligen IDE meist erst erkennt, wenn man unendlich viele Stunden mit ihr verbracht hat, ist der erste Eindruck von entscheidender Bedeutung. Ein vorurteilsfreier Vergleich eines Suchenden.

Die Vorteile beim Verwenden einer IDE liegen auf der Hand. Abgesehen vom Syntax-Highlighting, das mittlerweile ein Großteil der erhältlichen Helferlein beherrscht, gibt es viele kleine Annehmlichkeiten für den fortgeschrittenen Entwickler. Anfängern hingegen wird nicht umsonst empfohlen, mit normalen Editoren wie Notepad oder vi zu beginnen. Denn während man sich mit der richtigen IDE im besten Fall die Arbeit erleichtern und seine Arbeitsabläufe optimieren kann, neigen Einsteiger dazu, sich von all zu mächtigen Umgebungen einen nicht unerheblichen Teil des Denkens abnehmen zu lassen. War die Rolle des Platzhirschs bisher für Eclipse PDT reserviert, schickt sich Sun nun an, dem ewigen Kontrahenten mit der Version 6.5 der Entwicklungsumgebung NetBeans das Wasser abzugraben. Was also liegt näher, als sich auf der Suche nach einer für den Um- beziehungsweise Einsteiger geeigneten IDE beide zu Gemüte zu führen?

Die Zutaten

Aller Anfang ist schwer. Was so natürlich nur bedingt richtig ist, schwer ist höchstens das Download-Paket der Eclipse PDT, das mit stolzen 105 MB gegen die knappen 25 MB des NetBeans PHP Bundles geradezu übermächtig wirkt. Beide begnügen sich mit dem Java Runtime Environment, wobei NetBeans für den vollen Funktionsumfang, der unter anderem Java, Java SE und Java FX beinhaltet, gleich das komplette JDK 5 oder höher voraussetzt. Beide Programme basieren auf Java-Technologie, was sie prinzipiell plattformunabhängig macht. Leider hat dies auch zur Folge, dass sie leicht träge wirken. Das Background Parsing, das ähnlich der Fehlerhervorhebung in Word oder OpenOffice.org fehlerhafte Stellen im Quellcode durch eine rote Unterstreichung markiert, zeigt das vor allem in großen Dateien sehr deutlich. Da sich beide IDEs in diesem Vergleich einem aktuellen Vista-Rechner mit 3 GB Arbeitsspeicher gegenüber sehen, fällt dieser Umstand nicht sonderlich ins Gewicht. Ältere Rechner, die noch dazu über wenig Arbeitsspeicher verfügen, können jedoch gerade bei größeren Projekten schnell ins Stottern geraten. Ein Umstand, den man im Hinterkopf behalten sollte, wenn man sich dazu entscheidet, auf eine IDE dieser Art umzusteigen.

Die Kontrahenten

Eclipse PDT 2.0 Eclipse ist ein Open-Source-Framework, das mittels Plug-ins um neue Funktionalitäten erweitert werden kann. Es ist der Nachfolger des IBM Visual Age for Java 4.0. Seit 2004 ist die Eclipse Foundation für die Entwicklung verantwortlich. Das PHP Develpoment Tool (PDT) ist eine der erhältlichen Erweiterungen, seit Januar 2009 ist es in der Version 2.0 erhältlich. Das Paket enthält Eclipse 3.4.1 (Ganymede), PDT 2.0 sowie alle benötigten Plug-ins.

NetBeans 6.5 for PHP NetBeans ist ebenfalls ein Open-Source-Projekt, das mithilfe von Plug-ins um spezielle Techniken oder Tools erweitert werden kann. Für die Entwicklung ist Sun Microsystems verantwortlich. Mit der Version 6.5 bietet NetBeans erstmals einen Editor für die Skriptsprache PHP. Es kann seit Dezember 2008 als eigenständiges Bundle heruntergeladen werden.

Bezugsquellen

Erste Schritte

Nach der Installation, beziehungsweise dem Entpacken des Eclipse-Archivs, ist es an der Zeit, sich auf unbekanntes Terrain zu wagen. Schön, dass beide sich um neue Anwender bemühen und Hilfestellung bieten. Weniger schön, dass Eclipse mit wenig aussagekräftigen Symbolen deutlich unübersichtlicher durchstarten möchte.

Abb. 1: Hübsch, aber nichtssagend gegen klar und informativ: Die Eclipse- (links) und NetBeans-Startseiten

Hier beweist NetBeans, dass es erheblich besser geht. Unterteilt in die Bereiche „Willkommen zu NetBeans DIE“ und „Mein NetBeans“ findet man auf der Startseite neben den üblichen Demos und News auch Videotouren und eine umfangreiche Sammlung von Tutorials. Obwohl die Dokumentation für beide Entwicklungsumgebungen hervorragend ist, hat man bei NetBeans ab dem ersten Moment das Gefühl, mit mehr und besser aufbereiteten Informationen versorgt zu werden. Je intensiver man sich mit beiden beschäftigt, desto eher relativiert sich aber dieser Eindruck, da Eclipse über die deutlich größere Community zu verfügen scheint und man stets auf alle Fragen schnell eine kompetente Antwort erhält. Fakt ist, dass man, ein wenig Eigeninitiative vorausgesetzt, bei keiner der beiden IDEs ahnungslos zurückgelassen wird.

[ header = Seite 2: Konfigurierst du noch? ]

Konfigurierst du noch?

Oder arbeitest du schon? Im Prinzip spricht jetzt nichts dagegen, aufs Geratewohl ein Projekt zu starten und mit dem Programmieren zu beginnen. Läge die Tücke nur nicht im Detail. Von der Konfiguration der Umgebungsvariablen über der Widerspenstigen Zähmung (Debugger) bis hin zum Erscheinungsbild des Codes; die Einstellmöglichkeiten beider IDEs sind so umfangreich wie verwirrend. Im Bereich des intuitiven Handlings der Konfiguration geht der Punkt aber eindeutig an NetBeans, bei dem sich die Einarbeitung dank des nicht annähernd so furchteinflößenden Konfigurationsbereichs wesentlich angenehmer gestaltet als bei Eclipse. Letztere wartet jedoch mit deutlich umfangreicheren Individualisierungsmöglichkeiten auf. Wer genügend Zeit und Willen aufbringt, kann sich sogar eigene Perspektiven erstellen, die mit einer großen Zahl an Views und Gimmicks ergänzt werden können und somit das Informationsbedürfnis jedes noch so detailverliebten Programmierers befriedigen dürften.

Abb. 2: Umfangreich? Hier sieht man jedoch nur die erste Ebene…

Das Herzstück

Das erste, was einem Entwickler an einer IDE ins Auge fällt, ist der Editor. Genau der war bis vor kurzem noch das Hauptproblem von NetBeans. In der aktuellen Version 6.5 ist davon allerdings nicht mehr viel zu spüren. Im Gegenteil, der Editor beherrscht nicht nur sowohl semantische als auch syntaktische Hervorhebung, auch die Codevervollständigung kann sich ohne Probleme mit der des Eclipse-Editors messen. Der Clou: der Editor liest Objektstrukturen und bietet deren Methoden oder Attribute bei der Eingabe an. Inklusive einer kurzen Zusammenfassung. Das macht der Editor der Konkurrenz zwar auch, jedoch bietet NetBeans zusätzlich dazu vollständigen PHPDoc-Support, was im Moment allerdings noch etwas fehlerbehaftet zu sein scheint. Umfangreicher fallen da nur die Hinweise zu JavaScript-Code aus, bei dem man sogar darauf aufmerksam gemacht wird, wenn eine Funktion nicht von allen Browsern unterstützt wird.

Abb. 3: Methoden und Attribute in der Codevervollständigung (NetBeans)

Beide IDEs parsen die Eingaben im Hintergrund. Dadurch werden bereits während der Arbeit am Code Fehler und Hinweise angezeigt. Hier hat Eclipse die Nase vorn, da die Meldungen etwas genauer ausfallen und schneller angezeigt werden als bei NetBeans. So überprüft Eclipse im HTML-Editor sogar die Positionierung der Elemente und moniert etwaige Fehler. Leider sind es eben diese Funktionen, die dem Quereinsteiger die Sorgenfalten auf die Stirn treiben, obwohl sie dem Entwickler das Leben doch einfacher machen sollen. Die Autovervollständigung des Codes bietet gerade bei NetBeans in den ungünstigsten Situationen seine Dienste an, und das Background-Parsing lässt die komplette Umgebung durch nur zögerlich verschwindende Meldungen und in besonders schlimmen Fällen leicht verzögerte Anzeige der Eingaben sehr träge wirken. Man sollte also ausreichend Zeit einplanen, um sich mit diesem Verhalten anzufreunden. Gerade in der Anfangsphase besteht die Gefahr, dass der eigene Arbeitsrhythmus ins Stocken gerät und man – vielleicht vorschnell – die Flinte ins Korn wirft.

[ header = Seite 3: Darf´s noch etwas mehr sein? ]

Darf‘s noch etwas mehr sein?

Sowohl Eclipse als auch NetBeans verfügen über eine hohe Plug-in-Kompatibilität, die es ermöglicht, die IDE mit vielen nützlichen Zusatzfeatures auszustatten. Die Plug-in-Systeme beider Programme funktionieren im Prinzip problemlos und sind selbsterklärend. Jedoch hat NetBeans auch hier wieder etwas mehr Komfort zu bieten. Über den Karteikartenreiter VERFÜGBARE PLUGINSerhält der User nicht nur eine Übersicht über neue Module; wird ein Eintrag markiert, erhält man eine kurze Beschreibung des Plug-ins sowie einen Link zu weiterführenden Informationen. Eine Sortierung nach Name, Kategorie oder Quelle rundet das Bild ab. Bei Eclipse hingegen wählt man zuerst den Server, dann eine Kategorie, um anschließend eine meist sehr kryptische Übersicht über mögliche Updates und Plug-ins zu erhalten. Mehr Informationen bekommt man mit etwas Glück auf Knopfdruck. Um das einmal zu konkretisieren, möchte ich an dieser Stelle folgendes Beispiel anführen: Ziel ist es, ein Plug-in zur Erstellung von UML-Diagrammen zu installieren. Während NetBeans ein klares Ergebnis auf meine Anfrage liefert, verspüre ich nach der Suche in den Eclipse-Plug-ins das Bedürfnis, mich in die wohlige Wärme einer Community zu begeben und dort kleinlaut um Hilfe zu bitten.

Abb. 4. Ein Plug-in, sie zu knechten ... Die Plug-in-Systeme von NetBeans (links) und Eclipse (rechts)

Abgesehen davon schenken sich die beiden Kontrahenten im Ringen um die Gunst des Anwenders nicht viel. Beide können mit einem umfangreichen Debugger aufwarten und besitzen eine hervorragende Projektverwaltung. Auch sonst bieten sowohl Eclipse als auch NetBeans alle wichtigen Funktionen, wobei mal eines hier, das andere dort um Nuancen besser ist. So hat man in der NetBeans-IDE die Möglichkeit, die Quelle zu wählen, wenn man direkt aus dem Code zur Deklaration einer Funktion oder Variable springen möchte und diese aufgrund einer Sicherungskopie in zwei unterschiedlichen Dateien zu finden ist. Eclipse entscheidet selbstständig, zu welcher der möglichen Quellen es den Entwickler führt. Und das ist leider nicht immer die richtige. Auf der anderen Seite glänzt das PDT mit seinen Tooltipps für einen Großteil der Elemente im Code, was NetBeans gleich komplett fehlt. Am Ende sind es Kleinigkeiten, die den persönlichen Favoriten herausarbeiten werden.

And the Winner is…

Auf den ersten Blick könnte man den Eindruck gewinnen, NetBeans wäre die hübsche kleine Schwester von Eclipse. Es wirkt wesentlich aufgeräumter und freundlicher als das alteingesessene Eclipse. Das Handling ist überaus intuitiv, und falls doch noch Fragen im Raum stehen sollten, lässt die Dokumentation kaum Wünsche offen. Der Gesamteindruck ist irgendwie „sexy“, und es macht Spaß, jeden Winkel der Entwicklungsumgebung zu erkunden. Man hat das Gefühl, dass sich jemand sehr genau mit dem auseinandergesetzt hat, was ein PHP-Entwickler an Handwerkszeug im Verlauf eines Projekts benötigt, um all das am Ende ohne große Schnörkel in einem Programm zu vereinen. Gerade Ein- oder Umsteiger, die eine einfache, aber gute IDE suchen, mit der sie glücklich werden können, werden sich sehr schnell mit NetBeans anfreunden. Vor allem die hervorragende lokale Historie und das integrierte Tool zum Vergleichen zweier Dateien tragen dazu bei, in der ersten Neugier deutlich mehr Zeit mit NetBeans zu verbringen. Dem steht das irgendwie düster und überladen wirkende Eclipse gegenüber, das durch seine mächtigen Konfigurationsmöglichkeiten vor allem beim wichtigen ersten Eindruck Federn lässt. Allerdings muss man Eclipse Zeit geben, sich zu entfalten. Vieles, was anfangs überladen wirkt, möchte man nach kurzer Zeit schon nicht mehr missen. Seien es die Tooltipps, die einem helfen, sich die Parameter selten verwendeter Befehle ins Gedächtnis zu rufen, die direkte Einbindung der PHP-Dokumentation oder die riesige Community. Würden die Vorzüge beider IDEs miteinander verbunden werden, könnte man gar nicht anders, als jedem Interessenten eine unbedingte Empfehlung auszusprechen. Bis es so weit ist, sollte man sich beide Umgebungen besorgen und sie parallel an einem Projekt testen. Einfach ein Projekt in Eclipse erstellen und in NetBeans mit dem Eclipse Project Importer importieren. Die Entscheidung für die richtige IDE ist zu wichtig, um sich auf Hörensagen zu verlassen. Egal, für was man sich am Ende entscheidet: Bei dem Tempo, das in der Entwicklung vorgelegt wird, sollte man NetBeans unbedingt im Auge behalten.

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -