Phishing, Piraterie und Hass-Posts

Cyber-Kriminalität: Wachsendes Problem für Mensch und Bot
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Studien zufolge ist jeder zweite Internetnutzer bereits Opfer von Cyber-Kriminalität geworden. Auch Unternehmen haben immer öfter mit Piraterie zu kämpfen. Die Beschwerden und Probleme häufen sich, doch es fehlen die menschlichen Kapazitäten. Können Bots helfen?

Phishing, Urheberrechtsverletzungen, Hass-Posts und Schadsoftware – die Liste an virtuellen Vergehen ist umfangreich und wächst weiterhin rasant. Allein bei Google gehen laut des aktuellen Transparenzberichts minütlich rund 1.500 Löschanträge wegen Software-Piraterie und anderen Urheberrechtsverletzungen ein. 2011 lag die Anzahl der Anträge noch bei rund 100 Anträgen pro Tag. Facebook, Twitter und Reddit sehen sich zugleich einer Schwemme von Beschwerden wegen Hass-Posts ausgesetzt. Erst jetzt lenkte Facebook nach monatelanger Kritik ein, Kommentare zu löschen, die mit „Androhungen von physischer Gewalt“ in Verbindung stehen, um unter anderem die Hetze gegen Geflüchtete zu unterbinden. Sowohl Google als auch Facebook setzen dabei längst auf Bots und wollen die Fahndung mit Algorithmen weiter ausbauen, da die Anzahl der Anträge die zur Verfügung stehende Manpower bei weitem übersteigt.

Cyber-Kriminalität in Zahlen

Zur gleichen Zeit etwa konnte das Landeskriminalamt Sachsen eine international agierende Phishing-Bande hochnehmen, die PIN-Codes für Online-Zahlungsgutscheine von Tankstellen und Lotto-Filialen erbeutet hatten. Dem Branchenverband Bitkom zufolge sei in den letzten zwölf Monaten jeder zweite Internet-Nutzer Opfer von Cyber-Kriminalität geworden. Der Umfrage zufolge mit etwa 1000 Befragten seien 37 Prozent der Nutzerrechner mit Schadsoftware infiziert worden. 16 Prozent wurden beim Online-Banking betrogen und bei jeweils 15 Prozent der Nutzer wurden die Zugangsdaten bei Online-Diensten geklaut oder im Namen der Betroffenen unerwünschte E-Mails verschickt. Rund sechs Prozent berichten, dass sie im Netz massiv verbal angegriffen worden seien. Die restlichen acht Prozentpunkte verteilen sich auf die illegale Nutzung der persönlichen Daten.

Copyright Bitkom

Screenshot: https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Jeder-zweite-Internetnutzer-Opfer-von-Cyber-Kriminalitaet.html

 

Bereits im letzten Jahr veröffentlichte das Bundeskriminalamt eine Studie zur Cyber-Kriminalität, die darauf hingewiesen hatte, dass mehr als die Hälfte aller Internetnutzer von kriminellen Machenschaften betroffen gewesen sind. Die Anzahl der bekannt gewordenen Delikte ist zwar nicht direkt gestiegen, doch die Dunkelziffer illegaler Vorgehen dürfte auch dank zunehmender Verschlüsselungen und Aktivitäten im Dark Net zugenommen haben. Denn während sich immer mehr Internetnutzer verschlüsselter Dienste bedienen, schlagen auch Kriminelle ihren Vorteil daraus. Die jüngsten Terroranschläge in Paris sind ein Beispiel dafür, dass Absprachen der Attentäter offenbar auch über verschlüsselte Messenger stattfanden, so dass Behörden nicht rechtzeitig eingreifen konnten. Schon zu Beginn des Jahres ist mehrfach darauf hingewiesen worden, dass verschlüsselte Dienste wie Threema und Telegram sich beim sogenannten IS großer Beliebtheit erfreuen. Doch erst jetzt wurden Konten gesperrt.

Die passende Software gegen menschliche Probleme

Das Schutzbedürfnis jedes einzelnen Internetnutzers nimmt in Anbetracht der Cyber-Kriminalität zu. Verschlüsselte Messenger und E-Mail-Provider wie auch Zwei-Faktor-Authentifizierungen haben Hochkonjunktur. Und während gesellschaftliche Themen in steigendem Maße auf sozialen Plattformen diskutiert werden, gibt es leider noch keine effektive Anti-Hass-Software, um sich vor Attacken anderer User zu schützen. Gegen Viren lässt sich mit Software-Lösungen zumindest teilweise vorgehen. Gegen Phishing und virtuellen Hass lässt sich hingegen vor allem mit Vorsicht und gemeinschaftlichem Engagement etwas entgegen setzen. Einerseits herrscht die Erwartung, dass Unternehmen und staatliche Behörden illegales Treiben unterbinden. Anderseits wollen viele ihre Privatsphäre nicht durch Überwachungsmaßnahmen eingeschränkt wissen.

Screenshot: http://www.google.com/transparencyreport/removals/copyright/

Screenshot: http://www.google.com/transparencyreport/removals/copyright/

Während Internetnutzer zusehends um die eigene Sicherheit besorgt sind, nutzen viele weiterhin die medialen Angebote von Daten-Piraten, die jedoch ihrerseits Urheberrechte verletzen und Unternehmen schädigen. Bei Google sind allein letzen Monat 65.923.523 Anträge eingegangen, die die Löschung von vermeintlich illegalen URLs fordern. Ob es sich dabei tatsächlich um berechtigte Verstöße handelt oder um Falschmeldungen oder Wettbewerbsstreitigkeiten, können die menschlichen Analysten bei Google längst nicht mehr selbst erfassen.

Zwar können Bots bei der Erfassung helfen, doch sind diese noch immer fehleranfällig bei der Bewertung. Mit dem gleichen Problem sieht sich Facebook konfrontiert, das erst kürzlich bekannt gab, dass die Anträge zur Löschung von Hass-Posts ebenfalls verstärkt über Algorithmen bearbeitet werden sollen. Doch auch hier stellt sich die Frage, ob eine Maschine moralisch werten kann. Die triviale Einsicht, dass alle Anfeindungen und illegalen Machenschaften letztlich von Menschen gemacht sind, legt nahe, dass jeder bei sich selbst beginnen sollte, seine Interaktionen im Netz zu überdenken.

Privatsphäre und Sicherheit vertragen sich nur bedingt

Im Internet frei und unbescholten zu agieren und gleichzeitig die Freiheit anderer durch das eigene Handeln nicht einzuschränken ist ein Drahtseilakt. Denn wer seine Privatsphäre durch technologische Mittel schützt, muss berücksichtigen, dass andere sich das gleiche Recht herausnehmen – und das wiederum könnte eigenen Interessen im Weg stehen.

Die größte Herausforderung stellt sich den Behörden und publikumswirksamen Plattformen im Netz, obwohl die Verantwortung bei jedem einzelnen liegt. Die Sicherheit aller zu gewährleisten und dabei die Privatsphäre der einzelnen zu berücksichtigen, scheint nahezu unmöglich. Wenn sich noch wirtschaftliche Interessen hinzugesellen, ist das Chaos perfekt. Angesichts der Überforderung durch Beschwerden und Cyber-Kriminalität klingen Software-Lösungen fast wie die Erlösung von der menschlichen Unvollkommenheit.

Deswegen werden die Forschungsbemühungen zu Machine Learning nicht ohne Grund vor allem von führenden Tech-Unternehmen wie Facebook oder Google vorangetrieben. Mit welchen Algorithmen hingegen staatliche Einrichtungen experimentieren, lässt sich ebenso wenig einschätzen, wie die Dunkelziffer intelligenter werdender Bot-Netze von Kriminellen. Statt auf das menschliche Lernverhalten zu setzen, sollen meist technologische Lösungen herhalten. Dass das Problem damit nur vom Menschen auf die Maschine verlagert wird, ist das paradoxe an der Situation. Dennoch sollten alle Bemühungen, Mensch und Bot intelligenter und damit umsichtiger zu machen, gefördert werden.

 

Aufmacherbild: Team work concept in cloud computing via Shutterstock, Urheberrecht: Valery Sidelnykov

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