Ein griechischer Tech-Journalist über das #greferendum

Das #greferendum und das Internet
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#grexit, #greferendum und besorgniserregende Telefonanrufe von meinen Verwandten aus Griechenland: Seit einer gefühlten Ewigkeit tanzt Griechenland am finanziellen Abgrund Sirtaki. Doch nun steuert der Schuldenkrimi seinem vorläufigen Showdown entgegen und das Internet stimmt auf Facebook und Co. bereits den Abgesang an.

„Ich verstehe die Tragweite des Referendums nicht. Wählen wir mit einem NEIN den Euro ab? Ich bin ratlos, eigentlich kann ich nur noch Nein sagen – zu allem! Es ist genug, wir können nicht mehr“, seufzte meine Tante Marula besorgt ins Telefon als ich sie am Montag anrief. Sie wohnt in einem kleinen griechischen Dorf im Norden Griechenlands: Hühner, Ziegen ein Gemüsegarten aber kein Internetzugang. Zum Glück kein Internetzugang. Denn hätte Tante Marula einen Zugang zum Netz, dann könnte sie sehen, wie sich meine Cousins und Cousinen auf Facebook über das Referendum öffentlich zanken. Sie könnte auch die offizielle Webseite des Finanzministers Yanis Varufakis besuchen und die Blog-Beiträge des Politikers begutachten. All die Memes und Karikaturen und lustigen Bilder, die aus der prekären Lage Griechenlands auch zu einem digitalen Phänomen machen. Tante Marula würde den Zirkus im Internet nicht verstehen, er würde sie nur noch mehr verunsichern.

Schließlich ist die Frage, die sie in wenigen Tagen beantworten soll, bereits irritierend genug. Ja oder Nein? Eine klare Antwort, auf eine nicht ganz so klare Frage:

Soll der Vorschlag der drei Institutionen vom 25. Juni, der aus zwei Teilen besteht, akzeptiert werden?

Drei Institutionen und zwei Teile am 25. Juni? Wie bitte? Kann das bitte jemand erklären? Selbstverständlich. Die Erklärung fällt aber mitunter sehr unterschiedlich aus – je nachdem wen man fragt. Fakt ist, dass das Hilfsprogramm für Griechenland ausgelaufen ist. Spätestens in der vergangenen Nacht hätte eine satte Überweisung in Höhe von 1,5 Milliarden Euro aus Athen an den Internationalen Wärungsfond in Washington eingehen sollen. Bei diesem Betrag handelt es sich lediglich um eine Rate, die Gesamtschulden belaufen sich auf rund 320 Milliarden Euro. Doch die Regierung konnte ohne die Unterstützung seiner Euro-Partner auch schon 1,5 Milliarde Euro nicht aufbringen. Die griechische Regierung ist sich mit den europäischen Partnern nicht einig geworden, denn frisches Geld gibt es nur gegen härtere Sparmaßnahmen.

Diese Entscheidung will die Regierung nun an die Wähler abwälzen. Eine Entscheidung, die im Netz heiß diskutiert wird. Meine rund 200 griechischen Facebook Freunde posten unentwegt Pro- und Contra-Argumente, Bilder, Artikel, Videos aller Art. Der digitale Countdown zum Referendum zählt die Stunden bis zum Urnengang herunter.

In der Zwischenzeit baut der griechische Finanzminister Yanis Varufakis mit seiner Rücktrittsdrohung bei einem „Ja“ zum Sparplan Druck auf die Wähler auf. Er tweetet seine persönliche Ansichten und taucht in unzähligen Amateur-Videos, die mit Smartphones aufgenommen wurden, auf YouTube auf.

Egal, es gibt kein Zurück mehr, schließlich sind die rund neuen Millionen Stimmzettel bereits gedruckt. Erstaunlicherweise steht das „Nein“ über dem „Ja“. Also korrigiere ich meine Frage ebenfalls: NEIN oder JA? Tante Marula hat jetzt die Wahl. Wenn es schief geht, sind die Politiker dieses Mal fein raus. So funktioniert schließlich Demokratie, oder? Die Frustration der Bevölkerung hat einen neuen Höhepunkt erreicht. So auch meine Tante: „Man wählt Politiker, die über Jahrzehnte hinweg das Land an den Rand des Ruins treiben und kurz bevor der Vorhang fällt, fragt man die Bürger und überlässt ihnen den Todesstoß einfach selbst.“ Egal ob Ja oder Nein, die griechische Bevölkerung hat in beiden Fällen verloren. Yanis Varufakis twitterte vergangene Woche:

By the people, for the people

Ist der griechische Staatsbankrott überhaupt noch abwendbar? Der britische Schuhverkäufer Thom Feeney nutzt die Macht des Internets und sammelt auf der Crowdsourcing-Plattform IndieGoGo Geld, damit Griechenland wenigstens die fällige Rate in Höhe von 1,5 Milliarden Euro begleichen kann. Wenn jeder EU-Bürger nur drei Euro spenden würde, könnte die Crowdsourcing-Kampagne gelingen, gibt Feeney auf der IndieGoGo-Plattform zu bedenken.

Die Aktion „Greek Bailout Fund“ hat im Netz für viel Aufsehen gesort und erfreut sich großer Beliebtheit. Der aktuelle Raising-Stand liegt bei über 1.4 Millionen Euro. 83.500 User haben bereits an der digitalen Rettungsaktion teilgenommen und dafür gesorgt, dass aufgrund der großen Nachfrage die IndieGoGo-Webseite zwischenzeitlich nicht mehr erreichbar war. Ein Erfolg, der auch dem Umstand geschuldet ist, dass die Aktion fleißig auf Social-Media-Plattformen geteilt wurde. Alleine auf Facebook wurde die Aktion über 300.000 Mal geteilt. Den Spendern winken erstaunliche Gegenleistungen. Für drei Euro bekommen die Teilnehmer eine Postkarte mit dem griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras, ab zehn Euro können sich die Spender auf eine Flasche Ouzo freuen. Ab 25 Euro gibt es eine Flasche griechischen Wein. Trotz der beeindruckenden Summe von 1.4 Millionen Euro wurde noch nocht einmal ein Prozent des gesamten Funding-Ziels erreicht. Dennoch zeigt dieses IndieGoGo-Beispiel, welche Dynamik das Internet hat und wie die Community aktuelle politische Entwicklungen diskutiert. Tante Marula bekommt von all diesem Trubel nichts mit. Sie versteht nicht, warum wildfremde Menschen Geld spenden oder sich auf öffentlichen Plattformen hitzige Diskussionen liefern, um anschließend auf der gleichen Plattform süße Katzenbilder und private Urlaubsbilder tauschen. Sie kennt das Internet nur vom Hörensagen, doch nächsten Sonntag wird sie wie rund neun Millionen wahlberechtigte Griechen eine Entscheidung fällen müssen.

grexit

Screenshot: www.indiegogo.com/greek-bailout-fund.html#/story

Aufmacherbild: flag of Greece painted on cracked wall via Shutterstock / Urheberrecht: danielo

 

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