Google ja, Snapchat nein: Studie erforscht moderne Lesegewohnheiten in Deutschland

Facebook statt SPON – Geht das Zeitalter der Nachrichtenportale zu Ende?
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Die Konzentrationsprozesse im Internet schreiten immer weiter voran und rütteln mittlerweile an einem weiteren Grundbaustein des Webs: der Homepage. Aber wie weit ist diese Entwicklung wirklich fortgeschritten? Zur Beantwortung dieser Frage hat sich eine neue Studie den Gewohnheiten der Deutschen hinsichtlich des Nachrichtenkonsums gewidmet und gibt erst einmal Entwarnung.

Für die von nextMedia.Hamburg, einer Initiative für Digitalwirtschaft, durchgeführte Studie wurden insgesamt 1.000 User aus Deutschland zwischen 18 und 60 Jahren zu ihren Vorlieben beim Auffinden digitaler News befragt. Dabei wurde insbesondere Wert auf den Vergleich von klassischen Portalen, also den Homepages der Medienhäuser, mit neuen Distributionswegen für Nachrichteninhalte via Social Media gelegt. Die Umfrage förderte dabei eher althergebrachte Einstellungen bezüglich der Quellenwahl zutage.

Google News bleibt erste Wahl

So ist etwa Google News durch alle Alterskohorten hinweg – mit etwas Überhang bei den über 50-Jährigen – der beliebteste Weg, um an Nachrichten zu gelangen. Durchschnittlich 60 Prozent greifen auf das Angebot der Suchmaschine zurück, dicht gefolgt von den klassischen Webseiten der Medienhäuser, die sich bei 48 Prozent behaupten können.

Diese profitieren außerdem von ihren Kanälen in den sozialen Netzwerken, wo immerhin durchschnittlich 28 Prozent der User auf Nachrichten stoßen. Bei den 18- bis 29-Jährigen gab sogar fast die Hälfte der Befragten an, Social Media regelmäßig als Nachrichtenquelle zu nutzen. Da liegen sie allerdings immer noch hinter ihren Altersgenossen aus den USA, wo bereits 90 Prozent auf Facebook zurückgreifen, um sich zu informieren.

Quelle: nextMedia.hamburg

Quelle: nextMedia.hamburg

Facebook führt bei Social Media

Mark Zuckerbergs Vision, Facebook gewissermaßen als zweites Internet zu etablieren, scheint zumindest bei der Nachrichtendistribution Fortschritte zu machen. Kein anderes soziales Netzwerk hat für den Nachrichtenkonsum der User einen größeren Stellenwert als Facebook. Fast die Hälfte der Nutzer greift auf News via Facebook zu, während Youtube (immerhin noch acht Prozent), Google+ (eher bei Älteren), Twitter (vier Prozent), Pinterest, Instagram und sogar die Trend-App Snapchat weit abgeschlagen dahinter liegen.

Quelle: nextMedia.hamburg

Quelle: nextMedia.hamburg

Weitere Ergebnisse

Die plattformspezifische Aufbereitung von Newsinhalten sorgte spätestens mit der Einführung von Facebooks Instant Articles für Gesprächsstoff. Doch noch scheint das Format sich nicht durchgesetzt zu haben, lediglich ein Drittel (bei Jüngeren immerhin fast jeder Zweite) der User haben schon einmal einen Instant Article gelesen.

Dabei sind die Nutzer für derartige Präsentationswege durchaus aufgeschlossen und wünschen sich, dass sowohl die optische Integration von Nachrichten als auch die Präsenz von News-Anbietern in Sozialen Netzwerken aufgewertet würde. Gerade auf die Anbieter von Inhalten achten die Deutschen, von denen immerhin 63 Prozent sagen, dass die Quelle der Nachrichten für sie eine große oder sehr große Rolle spielt.

„Homeless Media“

Im Hintergrund der Studie steht eine neue Ausgabe des digitalen Hausmagazins von nextMedia.Hamburg namens Unified, das sich der Frage widmet, ob (Nachrichten-) Inhalte in Zukunft noch auf Homepages gebündelt veröffentlich werden oder ob sie als „homeless media“ nur noch in den Kanälen der sozialen Medien existieren.

Diese auch als „distributed content“ bekannte Publishing-Variante geistert nun schon seit einiger Zeit durch die Debatten um die Inhalte-Industrie. Schon vor knapp zwei Jahren widmete sich Matt Buchanan auf theawl.com dem Thema und beschrieb die Entwicklung gar als heraufziehendes Ende einer Teleologie der Webseite: „von der selbständigen Einheit zum Fütterer sozialer Ströme“.

Der Strategy Manager der Nachrichtenagentur „Associated Press“ Francesco Marconi hat den Begriff „homeless media“ geprägt. Er bezeichnet damit Content, der nur noch über die Plattformen Dritter an die Konsumenten gebracht wird. Abgerechnet wird dann über die Klickpauschalen der jeweiligen Portale, wie es vor allem bei Youtube schon gang und gäbe ist.

Wie geht’s weiter?

Die zunehmende Verbreitung der mobilen Internetnutzung, wo Inhalte vor allem unmittelbar per App konsumiert werden, scheint den Aufstieg von „homeless media“ zu begünstigen. Dass die großen Portale eigens Vertriebsmöglichkeiten für Nachrichtenproduzenten (z.B. Snapchat Discover oder Google Accelarated Mobile Pages) schaffen, scheint ebenfalls für die weitere Veränderung der Distributionswege zu sprechen.

Wie oben beschrieben, sieht das Nutzerverhalten aber noch Spielraum für die gute, alte Homepage vor. Außerdem stellt sich wie üblich die Frage, wer das alles bezahlt: Ob Youtube Gewinne einfährt, weiß niemand, auch Snapchat scheint noch nicht profitabel zu sein, Twitter ebenfalls nur ein bisschen, wobei das noch eine ganz andere Geschichte ist.

Außerdem stellt sich die Frage, ob das Profil der jeweiligen Nachrichtenanbieter – bspw. eine Zeitungsredaktion mit einer konkreten politischen Ausrichtung – nicht im diffusen Netz der Kanäle verloren geht. Aktuell sagt man der schon abgeschriebenen Frankfurter Rundschau nach, durch ihr (paradoxerweise seit der Übernahme durch die FAZ) geschärftes linksliberales Profil doch noch die Kurve zu kriegen. Markenbindung und die Aufmerksamkeit, die deutsche User gegenüber ihren Quellen aufbringen, sollten also nicht unterschätzt werden.

Fazit

Dementsprechend stellt sich die Frage, ob Nachrichtenanbieter überhaupt jemals vollends auf den „distributed content“-Zug aufspringen werden. Sollten sich irgendwann doch Bezahlmodelle durchsetzen, wäre eine Rückkehr zur Bündelung der Inhalte auf einer Homepage und/oder App nicht auszuschließen.

Trong Nguyen / Shutterstock.com

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