Es musste ja kommen...

Die Note für den Nachbarn – Peeple soll das Yelp für Menschen werden
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Gleichsam über Nacht hat sich ein rigides Kastensystem etabliert. An der Spitze stehen die Fünfen und Vieren, die die Drecksarbeit von Dreien and Zweien machen lassen, während die Einsen aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Ein dystopisches aber längst nicht mehr unrealistisches Szenario.

Ursache ist die Einführung einer App zur Bewertung von Menschen auf dem Campus des Greendale Community Colleges, dem fiktiven Schauplatz der US-amerikanischen SitCom Community. Dieser Parodie auf dystopische Visionen sind wir in der Realität ein Stück näher gekommen: Mit Peeple gibt es bald eine Art Yelp für Menschen. Die in der Folge „App Development und Condiments“ zentrale App „MeowMeowBeenz“ funktioniert ähnlich wie die Onlinebewertungssysteme, die wir heute ganz alltäglich nutzen. Statt Dienstleistungen, wie bei Yelp, werden hier allerdings Menschen bewertet und statt Sternen vergeben die Teilnehmer sogenannte MeowMeowBeenz, deren Anzahl bald die soziale Stellung der Campusbesucher bestimmt. Sterne werden auch bei Peeple vergeben, das nach dem gleichen Prinzip arbeitet und wie Yelp über eine Kommentar- bzw. Reviewfunktion verfügt.

Ist Menschen bewerten menschlich?

In Deutschland hat vor einiger Zeit die Webseite meinprof.de mit einem ähnlichen Prinzip für Furore gesorgt. Dort können Studenten ihre Dozenten bewerten, was bei letzteren erwartungsgemäß nicht gut ankam. Ähnliche wie bei Yelp und jetzt Peeple sollen bei meinprof.de die Bewertungen der jeweiligen Personen diese zur Verbesserung – in diesem Fall der Lehre – anhalten. Während man jedoch bei meinprof.de und Yelp relativ leicht auf einen konkreten Katalog von möglichen Verbesserungen verweisen kann, stellt sich bei Peeple doch die Frage, nach welchen Kriterien Menschen bewerten werden können. Und wer ist darüber hinaus überhaupt berufen, meine persönlichen, professionellen und romantischen Qualitäten zu beurteilen? Zu vermuten steht eher, dass die amorphe Masse der Rezensenten zu lauter breiigen Persönlichkeiten führt. Im Bett mit dem ideellen Gesamtliebhaber, kann man sich was Langweiligeres vorstellen?

Ethische Maßstäbe?

Julia Cordray und Nicole McCullough, die Gründerinnen von Peeple, haben natürlich nur die besten Absichten. McCullough erklärt gegenüber der Washington Post, dass etwa Mütter mit Peeple den Umgang ihrer Kinder überprüfen können. Gott behüte, die Bewertung der anderen Eltern ließe vermuten, dass irgendwelche Schmuddelkinder darunter sind. Dann muss eingegriffen werden, schließlich soll aus dem Sprössling noch was werden. Darin besteht wohl die größte Gefahr der App: die Kommodifizierung des eigenen Umfelds. Man betrachtet seine sozialen Kontakte im Schaufenster der App und wird selbst betrachtet – wer nützlich ist, kann bleiben, wer komische Schrullen hat, kommt weg. Ein Schelm, wer hier den eigentlich Zweck des Ganzen zu erkennen glaubt. Dass sich ethisch zweifelhafte Maßstäbe in die Bewertungen einschleichen könnten, scheinen die Macherinnen jedenfalls nicht zu befürchten.

Der Diskriminierung Tür und Tor öffnen?

Peeple ist gewissermaßen als Feedbackinstanz für den eigenen Charakter konzipiert. Damit dieses Feedback nicht wie die Kommentarspalte eines YouTube-Clips ausfällt, haben die Macherinnen einige Teilnahmebedingungen aufgestellt. Um Reviews und Bewertungen zu posten, muss man über 21 Jahre alt sein, seinen Klarnamen angeben und sich via Facebookaccount verifizieren. Positive Reviews gehen direkt online, bei negativen ist ein 48-stündige Verzögerung eingebaut, wohl um impulsive Bewertungen nach einem Streit einzudämmen. Außerdem soll eine Art Netiquette diskriminierendes Verhalten verhindern. Der Bewertung selbst kann man sich momentan jedoch nicht entziehen, da eine Funktion, mit der man seinen Eintrag aus der Datenbank der App entfernen lassen kann, bislang nicht existiert. Apps mit verwandtem Prinzip – etwa Lulu, das Frauen mehr Sicherheit beim Dating garantieren sollte – sind nach Einführung eines solchen Features schnell zu mediokren Dating-Apps heruntergekommen. Der Reiz scheint also vor allem darin zu bestehen, anderen Leuten schön eins reinwürgen zu können, ohne dass diese die Möglichkeit hätten, sich dagegen zu wehren. Sobald das nicht mehr geht, weil Leute sich dem Zugriff der Öffentlichkeit entziehen können – wozu es ja Gründe genug gibt -, ist die App schlicht überflüssig. Wieso sollte ich mich „verbessern“, wenn ich auch bleiben kann, wie ich bin, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Es fehlt schlicht der Druck.

Laut Washington Post will Cordray eine Ausstiegsfunktion einbauen, sofern diese von den Betatestern gefordert wird. Es besteht also noch Hoffnung. In der oben geschilderten Folge von Community wird das Bewertungssystem übrigens durch eine Revolution gestürzt. Allerdings betätigt sich die Anführerin der Revolte bald darauf als Widergängerin von Pol Pot und etabliert ein gnadenloses Regime, das alle Menschen zu Einsen macht. Vielleicht sollte man deshalb gar nicht erst damit anfangen, Menschen der permanenten öffentlichen Beurteilung auszusetzen. Bislang hat das Lästern hinter dem Rücken der Betroffenen diesen Zweck doch auch ganz gut erfüllt.

Aufmacherbild: thinking woman with question mark on gray wall background von Shutterstock / Urheberrecht: PathDoc

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