Kommentar zur Social-Media-Nutzung

Facebook: Kein Jein zur Klarnamenpflicht!
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Die Interessenlage der Facebook-Betreiber ist eindeutig: Ja, zur Klarnamenpflicht. Demgegenüber stehen zu recht Datenschutzbedenken. Die Lösung ist unbequem, weil sie nutzerabhängig sein sollte. Wer Facebook will, soll seinen wahren Namen tragen.

Als im vergangenen Jahr die Facebook-Konten einiger Nutzer mit Psydonymen oder Künstlernamen gesperrt wurden, erreicht die Debatte um die Klarnamenpflicht ihren bisherigen Höhepunkt. Vor allem Nutzer, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung nicht unter ihrem bürgerlichen Namen bei Facebook erscheinen wollten, darunter auch Dragqueens oder Transsexuelle, wurden gelöscht. Zwar entschuldigte sich Facebook offiziell, bestimmte Gruppen durch diese Maßnahmen ausgeschlossen zu haben, doch hinderte dies die Plattform nicht daran, die Klarnamenpflicht weiter zu forcieren. Der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar versucht nun, wie schon andere vor ihm, erneut gegen die Klarnamenpflicht auf Facebook vorzugehen. Er argumentiert, dass der Zwang gegen das deutsche Telemediengesetz verstoße, dass jeder Bürger das Recht auf die Benutzung eines Pseudonyms habe, hieß es auf RP-Online. Das Problem ist nur, dass Facebook in Europa nach irischem Recht verfahren kann, denn dort befindet sich der Geschäftssitz – paradoxerweise auch für alle anderen europäischen Länder.

Für Facebook und seine Partner ist die Lage klar

Für Facebook ist klar, weshalb der Geburtsname beziehungsweise der bürgerliche Name genannt werden muss. Missbrauch mit betrügerisch angelegten Profilen – wie bei Twitter – könne nur verhindert werden, wenn alle ihre Klarnamen angeben, so das schlagende Argument. Dass aber auch Behörden und Unternehmen ein Interesse daran haben, Personen leichter über ihren Namen zu finden, müsste allen Betroffen ebenso klar sein. So berichtet Spiegel Online, dass sich eine Nutzerin beklagt habe, kein Pseudonym verwenden zu dürfen, weil sie sich durch geschäftliche Anfragen mit ihrem Klarnamen belästigt fühlt. Dass Facebook nach einer Lichtausweis-Kopie verlangt, um zu prüfen, ob ihr Facebook-Name dem Realnamen entspricht, ist überaus bedenklich. Hier ließe sich jedoch dreist einwenden, dass Facebook nicht im Dienste sozialer Kontakte sondern überwiegend ökonomischer und politischer Interessen steht. Wer sich nicht an die Spielregeln halten will, sollte sich eine andere Plattform zu Kommunikations- und Darstellungszwecken suchen – so rigoros es auch klingen mag. Egal, ob es um die Erfassung der Nutzerdaten samt  Verhalten geht, um dies für Werbezwecke zu nutzen, oder ob Personaleiter sich auf Facebook nach ihren Bewerbern umschauen, um deren soziales Verhalten und etwaige Risiken abschätzen zu können – im Mittelpunkt stehen unter anderem Geschäftsinteressen. Für Behörden bietet sich zudem die Möglichkeit, illegales Treiben schnell und treffsicher unterbinden zu können.

Worum geht es? Produkte und soziale Kontakte

Sowohl die Vermarktung als auch die Kontrolle sind gewissermaßen gerechtfertigt. Schließlich handelt es sich nicht um eine selbstorganisierte Community, die sich zusammengefunden hat, um sich zu unterhalten und Bilder und Links auszutauschen (und sich auch selbst aufrecht erhält durch die Finanzierung der Server- und Verwaltungskosten), sondern um eine zunächst kostenlose Dienstleistung, die sich über Anzeigen finanziert. Die User selbst sind das Produkt, mit dem gewirtschaftet wird. Wem das missfällt, dem bleibt unter den momentanen Bedingungen nicht viel mehr übrig, als eine geeignetere Plattform zu nutzen, bei der ein Geschäftsmodell vorherrscht, das den eigenen Prinzipien eher entspricht. Doch das kann langfristig nicht die Lösung sein, da Facebook nicht nur Geschäftsinteressen unterhält, sondern auch soziale Kontakte und damit auch eine gesellschaftliche Verantwortung trägt.

Politik und Wirtschaft – was tut demgegenüber der User selbst?

Auch wenn es ein ehrbares Anliegen ist, das nationale Datenschutzrecht auf das US-amerikanische Unternehmen anwenden zu wollen, um den deutschen Usern ihre Freiräume zu verschaffen, so kann dies nicht im Interesse aller sein; vor allem nicht derjenigen, die die Plattform führen, sie unter geschäftlichen Voraussetzungen oder zur Wahrung der inneren Sicherheit nutzen. Das Problem wurzelt letztlich darin, dass sich drei wesentliche Interessenkomplexe in gewissen Punkten ausschließen. Das vermeintliche Recht, weitestgehend unerkannt und unbehelligt die Plattform zu nutzen, obwohl demgegenüber gerade die Erfassung der Daten die Grundlage von Facebook bildet, lässt sich auch nicht mit einer halb garen Lösung umsetzen – wenn etwa Deutsche Pseudonyme nutzen dürfen, die Iren aber hingegen nicht. Sind die Deutschen dann ein Vorbild für andere demokratische Rechtsstaaten oder schaffen sie damit nicht noch mehr Ungerechtigkeit in Anbetracht aller Nutzer weltweit, von denen viele weiterhin ihren Klarnamen ausspielen müssen, weil ihr Gesetz eine Änderung nicht zulässt? Die Lösung scheint also doch darin zu bestehen, dass diejenigen Nutzer, die mit den Geschäftsbedingungen von Facebook nicht einverstanden sind, sich Macht der digitalen Möglichkeiten ein anderes oder eigenes Netzwerk suchen beziehungsweise schaffen. Es geht also auch um Eigenverantwortlichkeit, das betrifft auch die Verwaltung und Aufrechterhaltung des Netzwerks. Die Umsonst-Mentalität im Netz stößt im Fall Facebook allmählich an ihre Grenzen. Wer Facebook nutzen will, geht damit einen Vertrag ein, an dessen Regeln sich die Beteiligten halten müssen. Das bedeutet nicht, dass Klauseln nicht auch verbessert und angepasst werden müssten, um allen ein besseres Miteinander zu ermöglichen. Doch bei der Masse an individuellen, ökonomischen und politischen Interessen, die aufeinander treffen, kann nur eine Basis herauskommen, die aus allen Perspektiven mit gewissen Einschnitten und Abstrichen verbunden ist.

Reddit kämpft mit dem gleichen Massenproblem

Auch bei Reddit herrscht gerade eine vergleichbare Debatte, nur unter entgegengesetzten Voraussetzungen. Die überwiegend durch Nutzer geführte, forenähnliche Social-News-Seite muss um ihren eigenen zukünftigen Bestand ringen. Es geht um Meinungsfreiheit, Geschäftsinteressen und die Wahrung der persönlichen Unversehrtheit. Hier sind Pseudonyme ausdrücklich erlaubt, es darf auch gesagt werden, was einem nicht gefällt – solange dadurch nicht andere Personen ausdrücklich denunziert werden. Es gibt einen Down-Vote, die Community entscheidet maßgeblich, was in die direkte Aufmerksamkeit (Ranking) der Nutzer gelangt. Da aber auch diese Plattform langfristig wirtschaftlich bleiben muss und sie keinen Hort für illegale Machenschaften oder Ausgrenzung von Minderheiten bieten darf, braucht es ebenfalls ausdrückliche Verhaltensmaßstäbe und ein für alle vertretbares Geschäftsmodell. Das Problem ist ein ähnliches wie bei Facebook – die Masse beziehungsweise der Pluralismus erschwert eine für alle Beteiligten annehmbare Lösung. Der selektive Zusammenschluss einzelner Interessengruppen könnte wieder zur Lösung werden. Dies klingt zunächst rückwärts gewandt und entgegen der Vorstellung eines globalen Netzwerks, doch da nicht alle Meinungen gleich sein können, da die Bedrüfnisse verschieden bleiben, braucht es eine Vielfalt der Netzwerke – und nicht nur ein allgemeingültiges Facebook für alle.

Aufmacherbild: Businesswoman with glasses sitting at desk skeptically looking at arguing people through magnifying glass isolated grey office wall background. Human face expression, attitude. To each its own concept via Shutterstock, Urheberrecht: PathDoc

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