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Network Effect: der tägliche Social Media Wahnsinn
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Kaum ein Tag vergeht ohne Facebook, Snapchat, Twitter oder Youtube, um andere zu sehen und sich selbst zu zeigen. Doch was macht diese ständige Präsenz im Netz mit uns? Das Projekt networkeffect.io verschafft einen verstörenden Einblick über Menschlichkeit im Internet.

Was suchen wir eigentlich im Internet? Informationen, Angebote und Personen oder doch eher Gewissheit, Identität und Nähe? Sowohl als auch – wäre eine von vielen möglichen Erwiderungen auf ein Phänomen, das unseren Alltag stärker prägt als jedes bisher geschaffene Medium. Obwohl es Menschen miteinander verbinden und antworten liefern soll, scheint es so, als würde es manchmal mehr Distanz und Ungewissheit durch ein Überangebot verursachen. Welchen Einfluss vor allem Facebook, Twitter, Youtube oder Snapchat auf das soziale Leben jedes Einzelnen nehmen, zeigt ein Projekt mit dem Namen Network Effect.

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Screenshot: http://networkeffect.io/

 

Jeder, der die Seite besucht, bekommt nur acht Minuten Zeit, sich mit der wirren, überladenen Oberfläche auseinanderzusetzen. Im Hintergrund pulsiert ein Herzschlag während unentwegt Video-Ausschnitte bildschirmfüllend abgespielt werden. Zusätzlich werden Kommentare von Usern als Tonspur unterlegt, die begründen, weshalb sie etwas oder gut finden. Die Beweggründe sind vielfältig und kaum fassbar – aus allen medialen Kanälen dringt Information als Video, Audio, Statistik und News auf den Besucher ein. Um ein wenig Durchblick zu erhalten, wurden die Verhaltensweisen von den Machern auf 100 Aktionen beschränkt. So gibt es wählbare Kategorien wie „Lachen“, „Reden“ und „Weinen“, daneben aber auch eine Anzahl kurioser wie teils verabscheuter Verhaltensweisen, die genauso im Netz gezeigt und diskutiert werden – „Kotzen“, „Gähnen“, „Strippen“ oder „Schlagen“ sind nur eine kleine Auswahl dessen, was als Video-Collage, Twitter-Kommentare und News-Beiträgen passend zum Keyword auf den Besucher regelrecht hereinbricht.

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Screenshot: http://networkeffect.io/stare

 

Männer schießen, Frauen lachen lieber

Unter der Kategorie „Schießen“ sieht man beispielsweise, wie Leute Gegenstände durch Schusswaffen und selbst gebaute Gerätschaften zerstören. Der Content dazu wird durch YouTube eingespielt, also Videos, die von Menschen freiwillig öffentlich gemacht wurden. Dazu lässt sich einsehen, inwieweit das Thema für Menschen seit dem Jahr 1900 relevanter oder uninteressanter geworden ist. Eine kleine Statistik verschafft einen Überblick. Anhand von semantisch zugehöriger Begriffe haben die Macher der Seite mittels Google Books Erwähnungen aus der Literatur und Aufsätzen zusammengesucht wie späterhin auch durch Verweise auf Social Media Plattformen in Vergleich gezogen, in denen das Thema Schießen behandelt wird. Zudem wird eine Übersicht geboten, in der die Begründungen der Menschen gezeigt werden, weshalb sie etwa schießen oder gähnen, was sie daran gut oder schlecht finden. Ebenfalls interessant ist die Geschlechterdominanz-Anzeige. So ist der Männeranteil beim beim „Schießen“ bei rund 70 Prozent, während es bei der Kategorie Lachen eine Frauen-Domäne von 57 Prozent gibt , die sich für das Thema interessieren und darüber twittern, posten oder diskutieren.

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Screenshot: http://networkeffect.io/laugh

 

Was oder wen will Network Effect erreichen?

Die genaue Funktionsweise der Seite zu beschreiben, fällt wohl absichtlich schwer. Dass jeder Besucher täglich nur ein Mal acht Minuten lang die Zeit hat, sich auf der Seite umzusehen, ist bezeichnend. Letztlich scheinen die Macher darauf aufmerksam machen zu wollen, wie viel Zeit wir damit verbringen, uns im Netz über andere zu informieren und uns selbst zu präsentieren. Der Voyeur und Exibitionist steht sich hier in einer Person gegenüber, selbstgewiss durch Social Media, News Aggregatoren und andere Internet-Angebote. Vermittelt wird diese Menschlichkeit durch technologische Gerätschaften – mit dem Laptop oder Smartphone wird ständig Nähe erzeugt und gesucht, doch statt in realen Kontakt zu treten und sozial zu interagieren, verschiebt sich die Aufmerksamkeit auf die technischen Geräte und die dazugehörigen Plattformen. Wozu das Überangebot an emotionaler Information und einer sich ständig mitteilenden virtuellen Identität im Netz bei jeder einzelnen Person führen könnte, setzt networkeffect.io recht eindrücklich in Szene.

Dei Seite ist nur über den Chrome-Browser erreichbar.

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