Wie neue Technologien den Onlinejournalismus von Grund auf verändern

New York Times Labs: ein Blick in die digitale Zukunft des Journalismus
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Auf die Frage, wie mit den veränderten Lesegewohnheiten im digitalen Zeitalter umzugehen sei, hat der publizistische Betrieb immer noch keine adäquaten Antworten gefunden. Die NYT Labs arbeiten an Technologien, die den Onlinejournalismus von Grund auf verändern könnten.

Ratlosigkeit macht sich schon seit einiger Zeit nicht nur im Printjournalismus breit. Auch unter denjenigen, die schriftliche Inhalte online produzieren, also für das Medium arbeiten, dem gemeinhin der Niedergang der Printmedien angelastet wird, wächst die Verunsicherung. Dass der Journalismus im Internet ebenfalls nicht gerade floriert, liegt nicht nur am mäßigen Erfolg der Bezahlmodelle, sondern auch an seiner Form. Das scheint zumindest die Erkenntnis zu sein, die hinter den Experimenten steht, die die altehrwürdige New York Times seit 2006 von einer kleinen Forschergruppe durchführen lässt. Auch für Webentwickler lohnt sich ein Blick auf die dort entstehenden technischen Spielereien.

Grenzen des Artikels

Onlinejournalismus ist im Prinzip Printjournalismus geblieben, nur digital und mit Hyperlinks. So in etwa könnte die These lauten, die den Untersuchungen der NYT Research & Development Group zugrunde liegt. So wird man den interaktiven Möglichkeiten des Mediums jedoch nicht gerecht: Der Text bleibt starr, linear, ein monolithischer Block, den der Leser zu akzeptieren hat wie er ist. Im Bezug auf Nachrichtentexte wird besonders deutlich, wie wenig sich die journalistischen Denkmuster verändert haben und wie limitiert die Form ist, mit der Informationen im Internet weiterhin verbreitet werden.

Einmal veröffentlicht, können Texte – abgesehen von kleineren Korrekturen – nicht mehr verändert werden; auf die Wünsche der Leser reaktiv einzugehen, ist dadurch von vornherein ausgeschlossen. Der Artikel entspricht nicht dem kommunikativen Medium Internet. Dass die Labs der NYT dem neuen Format Facebook Instant Articles und Apples neuer News-App eher ablehnend begegnen, wundert daher nicht. „The Future of News is not an Article” ist bspw. ein Blogeintrag überschrieben, der die mangelnde Dynamik und Responsivität thematisiert, die der Form Text notwendig eingegeben ist. Deren Grenzen mit technologischen Mitteln zu überwinden, um die Zukunft des (digitalen) Journalismus zu retten, haben sich die Labs zum Ziel gesetzt.

Membranes, …

Lesern, die gezielt nach Informationen suchen, könnte etwa die Gelegenheit gegeben werden, gezielt nachzuhaken, also Fragen an den Autor oder die Redaktion zu stellen. Die Antworten darauf könnten dann wiederum in den Text eingearbeitet werden. Studien, die die Entwicklung einer solchen Technologie zum Inhalt haben, werden von den NYT Labs schon seit einiger Zeit durchgeführt.

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Das jüngste Produkt dieser Bemühungen ist ein „Membranes“ genanntes Konzept, das sowohl erste Varianten einer Fragefunktion erkundet als auch die Visualisierung von Antworten und Zusatzinformationen innerhalb des Artikels. „Permeable publishing“, also durchlässiges Publizieren, ist das Stichwort. Es bricht den Einbahnstraßencharakter des Artikels auf, indem Leser bestimmte Textstellen markieren und eine passende Frage dazu aus einem Dropdown-Menü auswählen können. Dieses Wechselspiel kann dann in den Antworten der Redaktion fortgeführt werden.

… Partikel …

Der Studie liegt eine eigene Anschauung über die Struktur von Texten zugrunde, die weniger als abgeschlossenes Ganzes betrachtet werden, sondern als Ansammlung von Informationsfragmenten, die im Hausjargon „particles“ genannt werden. Diese im Text zu identifizieren und zu verschlagworten, um sie später weiterzuverwerten, ist das Thema eines anderen Experiments, des sogenannten Editor-Projekts. Wie bei den meisten Projekten der NYT Labs geht es auch dort um Zeit- und Kostenersparnis, d.h. um die Einsparung von teuren Arbeitskräften durch Automation. Die lernfähige Editor-Software soll in Echtzeit, d.h. während des Schreibprozesses, Texte auf Stichworte analysieren, diese taggen und mit bereits existierenden Inhalten verknüpfen. Nachher kann der Autor die Inhalte der Tags auf Relevanz überprüfen und sie je nach Bedarf entfernen oder verändern.

Einerseits fällt dadurch das zeitraubende Verschlagworten weg, andererseits wird es Journalisten leichter gemacht, nützliche Informationen aufzufinden. Statt sich durch unzählige Artikel arbeiten zu müssen, könnten die Autoren auf die zu einem Thema aggregierten Partikel zurückgreifen. Bestimmte, schon des Öfteren verhandelte Informationen bräuchten vielleicht überhaupt nicht mehr in den Fließtext eingearbeitet werden, sondern werden als zweite, dritte, etc. Ebene auf der Seite eingebettet. Das würde außerdem den lästigen Seitenwechsel bei Hyperlinks überflüssig machen.

Editor, an experiment in publishing from NYT R&D on Vimeo.

… und allerhand mehr

Alle Projekte, die an der Eighth Avenue in Manhatten durchgeführt werden, sind für eine drei bis fünf Jahre in der Zukunft gelegene Arbeits- und Lebenswelt konzipiert. Dort wird flüssige Userinteraktion noch weiter im Vordergrund stehen als heute schon üblich. Nicht nur für Nachrichtenseiten, sondern für Content-Provider jedweder Art kann dies eine Chance sein, besser ihr Publikum zu finden – und damit vielleicht: eine gesicherte Finanzierung. Dazu entwickeln die NYT Labs nicht nur neue Wege große Datenmengen zwecks ergiebiger Auswertung eleganter zu visualisieren und Archivmaterial zugänglicher zu gestalten, sondern vor allem neue Devices, die sich besser in den Alltag der User einfügen sollen.

Prominentestes Beispiel ist sicherlich der „mirror“, also ein interaktiver, sprach- und gestengesteuerter Spiegel, der die jeweilige Person erkennt, die gerade in ihn blickt. Neben den Schlagzeilen des Tages zeigt er dann persönliche Gesundheitsdaten samt passendem Content an. Ein anderes Beispiel für „environmental computing“, d.h. den Versuch, sich stärker dem User anzuschmiegen, ist ein digitaler Küchentisch, bei dem sich die Nutzer Rezepte aus dem Fundus der NYT direkt auf der Arbeitsfläche anzeigen lassen können. Man sieht, auch bei den Devices wird angestrebt, Inhalte aus ihrer starren Textform herauszulösen, um der Nutzerperspektive gerechter werden zu können.

Aus der Entwicklerperspektive

Aber auf welche Art und Weise sind die Arbeiten der NYTLabs für Webentwickler von Interesse, oder handelt es sich bloß um Spielereien für verzweifelte Journalisten? Zunächst einmal ließe sich konstatieren, dass man für eine Diagnose der Grenzen von Text weit über Nachrichtenportale hinausblicken muss. Angenommen, es gelänge, praktikable und bezahlbare Lösungen für das Vorhaben einer particle-basierten, kommunikativeren Textproduktion zu finden, könnte das durchaus große Auswirkungen auf die Struktur von Webseiten, Apps und den Content-Management-Systemen dahinter haben. Wie könnte eine zeit- und kosteneffiziente Distribution von Informationsfragmenten über unterschiedliche Portale gestaltet werden? Wie hätten die Cross-Plattform-Lösungen dazu auszusehen?

Schwer absehbar ist darüber hinaus, wie eine solche Entwicklung die Gravitation der großen Content-Distributoren (aka YouTube, Tumblr, Instagram, Snapchat und natürlich Facebook) beeinflussen würde. Anders herum gefragt: Werden die Ideen der NYTLabs zum Fortbestehen autonomer Newsproduktion beitragen oder ihren Untergang im dezentralisierten Publishing noch beschleunigen? (kleine Randnotiz: zeitgleich unterstützt die New York Times, trotz der eher kritischen Haltung ihrer Labs, Facebooks Instant-Articles-Projekt)

Fazit

Die gesamte digitale Content-Industrie ist aktuell in einem – wie üblich nicht ohne Friktion ablaufenden – Wandlungsprozess begriffen. Niemand kann sagen, wohin die Entwicklung gehen wird. Daher ist es nicht nur aus Freude an neuen Technologien, sondern auch mit Blick auf die sich daraus entwickelnden Beschäftigungsmöglichkeiten interessant, die Beiträge der NYT Research & Development Group zur Kenntnis zu nehmen.

Aufmacherbild: Famous newspaper, The New York Times Building via Shutterstock.com / Urheberrecht: Erika Cross

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