Gratis-Content stößt als Geschäftsmodell auch in der IT-Branche an seine Grenzen

Open Source und kostenlose Inhalte – rechnet sich das noch?
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Nicht nur die Aussicht, in einem zukunftsträchtigen Industriesektor tätig zu sein, macht die IT-Industrie für viele junge Leute so attraktiv. Viele fühlen sich genauso vom starken Community-Gedanken unter den Entwicklern angezogen und von der Selbstverständlichkeit, die die Open-Source-Idee in der Branche besitzt. In letzter Zeit berichten Free- und Open Source-Content-Produzenten jedoch von Problemen, Day-Job und Community-Arbeit unter einen Hut zu bekommen. Hat die Open-Source-Ökonomie ihre Grenzen erreicht?

Seit 17 Jahren, das schreibt der IT-Consultant Peter-Paul Koch auf seinem Blog, stellt er Online Content – egal ob Text oder Code – für die Entwickler-Community gratis zur Verfügung. In letzter Zeit seien ihm aber Zweifel an diesem Teil seines professionellen Engagements gekommen. Sein Fazit: Community-Arbeit macht man rein als Hobby oder ausschließlich gegen Bezahlung – dazwischen wird es bald nichts mehr geben.

Open-Source-Engagement kostet Zeit!

Koch reagiert mit seinem Artikel auf einen ähnlichen Beitrag von Rachel Andrew. Beide Autoren reflektieren nicht zuletzt auf den Prozess des Älterwerdens in der Tech-Branche. Sie mussten einsehen, dass sie ihre Verpflichtungen außerhalb des Berufs nicht länger hintanstellen können, um weiter die Community zu unterstützen.

Andrew begreift ihr früheres Engagement mittlerweile als Privileg, denn Open-Source-Aktivitäten kosten einerseits Zeit. Zeit, die sie mittlerweile anders – etwa für Familie – investieren muss. Andererseits bringt dieses Engagement nicht genügend Einkommen, schon garnicht zur Altersvorsorge. Überspitzt ausgedrückt: Scheinbar bleibt es dem Jüngeren überlassen, sich an die Szene zu verschwenden.

Sie haben weder eigene Familie noch festen Job, die Zeit und Energie kosten. Da es sich meist um Studierende handelt, sind sie gleichwohl durch Geld von Eltern, Staat oder Stiftungen abgesichert. Das spiegelt sich, so Marijn Haverbeke, in der recht homogenen Zusammensetzung der Szene: „we’re mostly a young white guy club“.

Verschenktes Potenzial

Das ist schade, denn so werden junge Talente, die sich ein intensiveres Engagement für Open-Source-Software und -Community nicht leisten können, in reguläre Jobs abgedrängt, wo ihr volles Potenzial eventuell verkümmert. Ältere Entwickler finden dagegen wenig Zeit, ihre Erfahrung weiterzugeben.

Negativszenarien für diese Entwicklung kann man sich viele ausdenken: Vielleicht schlummerte in einer jungen Entwicklerin eine technische Revolution, aber weil sie einen Day-Job annehmen muss, der größere Projekte außerhalb der Arbeitszeit nicht mehr erlaubt, wird die Idee nie realisiert. Vielleicht schafft es ein anderer Programmierer, unabhängig von seinem Brotgeber noch Tutorials, Artikel und Vorträge zu verfassen. Aber er ist bald ausgebrannt und leidet unter gesundheitlichen Problemen. Vielleicht kann ein erfahrener Kollege vor einer Fehlentwicklung warnen, aber findet nicht die Zeit und die Ressourcen, um eine substantiellere Position stark zu machen.

Folgen für die Branche

Ohne Finanzierung besteht für Entwickler kein ausreichender Anreiz, ja, vielfach überhaupt nicht die Chance, sich an Open-Source-Projekten und Community zu beteiligen. Für die Branche kann der Mangel an Unabhängigkeit und Community Folgen haben. Zuerst leidet die Qualität: Open-Source-Projekte bleiben wegen mangelnder Beteiligung unter ihrem Niveau, hingeschluderte Tutorials und schlechte Vorträge helfen niemandem, besser zu werden.

Weniger gegenseitige Hilfe lähmt außerdem den (kollektiven) Lernprozess, was bspw. dazu führt, dass fortschrittliche Technologien langsamer übernommen und Neulingen der Einstieg erschwert wird. Weniger Freiheit, eigene Ideen abseits routinemäßiger Aufgaben zu verfolgen, hemmt Innovationspotentiale. Rachel Andrews fürchtet deshalb:

Do we want our future to be dictated by big companies, with independent input coming only from those young or privileged enough to be able to work some of the time without payment? Do we want our brightest minds to become burned out, leaving the industry or heading into jobs where the best scenario is contribution under their terms of employment? Do we want to see more fundraisers for living or medical expenses from people who have spent their lives making it possible for us to do the work that we do? I don’t believe these are things that anyone wants.

Open Source ist wichtig!

Dabei bleibt die Community für Entwickler weiterhin unverzichtbar und Open-Source-Software wird immer wichtiger – in finanzieller wie technologischer Hinsicht. Die positiven wirtschaftlichen Auswirkungen von Open Source etwa sind längst bekannt, ebenso wie die Attraktivität, die Open-Source-erfahrene Entwickler auf die Personalabteilungen großer Firmen ausüben. Ohne Open Source ist die IT-Branche heute nicht mehr denkbar.

Der diesjährige Open Source Jobs Report der Linux Foundation zeigt jedoch, dass sich lediglich 41 Prozent der ITler an Open-Source-Projekten beteiligen. Das deckt sich mit den Ergebnissen einer kleinen Umfrage, die Rachel Andrews unter Kollegen geführt hat. Dort sagen 59 Prozent, bei den über 40-Jährigen sogar 70 Prozent, dass sie sich nicht an Open-Source-Projekten beteiligen. Anzunehmen ist, dass die Zahlen bei anderen Arten von Community-Support ähnlich ausfallen.

Mögliche Alternativen

Wenn wir nun nicht hinter Open Source zurückfallen wollen (was ohnehin nur schwer vorstellbar ist), müssen wir uns neue Formen der Finanzierung ausdenken, um die Vielfalt und Innovationskraft des IT-Sektors zu erhalten. Doch wie? Noah Kantrowitz schildert in seinem Beitrag „Funding FOSS“ interessante Ansätze, die wir hier um einige Punkte ergänzt haben:

  • Bezahlmodelle: Dieser Ansatz kommt eher den berühmten Kanonen gleich, die auf Spatzen schießen – mit ungewissem Ausgang. Schließlich verringert sich die Reichweite von Software und Inhalten hinter einer Bezahlschranke erheblich.
  • Foundations: Ungewisse Erfolgsaussichten machen die Suche nach Privatkapital schwer. Alternativ könnten unabhängige Organisationen aufgebaut werden, die IT-Projekte ohne unmittelbares kommerzielles Interesse finanzieren.
  • Mäzenatentum: In Renaissancezeiten haben Wohlhabende Adlige oder Bürger häufig Künstler finanziert. Heute sollen, nach Noah Kantrowitz‘ Vorstellung, Unternehmen unabhängige Open-Source-Entwickler unterstützen. Dafür winkt soziales Prestige.
  • Staatliche Finanzierung: Traditioneller Repräsentant des Gemeinwesens ist der Staat. Er könnte die Förderung wichtiger Technologien durch Steuereintreibung dort erzwingen, wo einzelne Unternehmen sich nicht durchringen können.
  • Bedingungsloses Grundeinkommen: Autoren etwa, die die Community voranbringen wollen, können eine finanzielle Basis gut brauchen. Sie müssten so die Angst vorm sozialen Abstieg nicht länger an sich nagen lassen.
  • Crowdfunding & Spenden: Kickstarter, Patreon, Flattr usw. bieten Produzenten von freien Inhalten die Chance, sich etwas von den Usern zurückgeben zu lassen. Immer intuitivere Bezahlfunktionen machen das Spenden einfach und schnell.

Viele derjenigen, die Inhalte produzieren, nutzen Patreon allerdings, um die schmalen Verdienste aufzustocken, die sie über Verteiler-Plattformen wie YouTube einfahren. Mal ganz abgesehen von der Debatte, die speziell darüber zu führen wäre, macht dieses Phänomen nochmals das übergreifende Problem deutlich: niemand zahlt freiwillig.

Ohne einen grundlegenden kulturellen Wandel, so glaubt Marijn Haverbeke deshalb, wird es keinen Fortschritt geben. Er schlägt deshalb vor, offensiver dazu aufzufordern, Geldbeiträge zu spenden. Wer einen Fehler ausgebessert haben will, soll eine einmalige Spende geben; wer eine Software kommerziell nutzt, soll sich zu monatlichen Zahlungen verpflichten. Langfristig soll sich auf diese Weise eine gewisse soziale Erwartungshaltung, die Schöpfer kostenloser Produkte in irgendeiner Form zu bezahlen, etablieren.

Ausblick

Sollten die Leute nicht einsehen, dass Open-Source-Progammierer und Community-Arbeiter bezahlt werden müssen, ist es keine waghalsige Prognose, dass das aktuelle System nicht mehr lange funktionstüchtig bleibt. Ähnlich dem seit Jahren mit dieser Entwicklung kämpfenden Journalismus steht die IT-Branche vor der Frage, wie sie mit den Zwang zur kostenlosen Verfügbarkeit umgehen will.

Der eingangs erwähnte Peter-Paul Koch jedenfalls findet zum Schluss seines Eintrags keine befriedigende Antwort auf die Frage nach dem „Wie Weiter?“. Auch dieser Artikel kann nicht mit einer Patentlösung aufwarten. Die Debatte steht erst am Anfang. Sie sollte jedoch geführt werden, bevor es zu spät ist.

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Aufmacherbild: Old shoes with holes worn down von Shutterstock / Urheberrecht: Lane V. Erickson

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