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Portraitdrome: Menschen sprachlos vor der Kamera
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Was tun Menschen, wenn sie drei Minuten lang alleine vor einer Kamera sitzen, ohne sprechen zu dürfen? Erstaunliches. Ein Projekt das schonungslos menschliche Emotionen und Gedanken offenbart, ohne dass ein einziges Wort gewechselt wird.

Menschen, die sich vor der Kamera präsentieren oder gefilmt werden, erzählen meist eine Geschichte, schauspielern, gestikulieren oder interagieren mit ihrer Umgebung oder anderen Leuten. Es gibt einen Grund, weshalb sie filmen oder gefilmt werden. Viele YouTube-Channels basieren darauf, dass etwas erklärt, vorgestellt, oder kommentiert wird. Der Gefilmte richtet sich mit einer artikulierten Absicht an den Zuschauer oder erklärt sich selbst, wenn er befragt wird. Doch was passiert, wenn der Gefilmte einfach nur vor einer Kamera sitzen soll ohne Beisein von anderen Menschen und von einer Kamera beobachtet wird? Der Berliner Filmemacher Luis Schubert ist mit seinem Konzept Portraitdrome genau dieser Frage nachgegangen und hat Freunde und Bekannte gebeten, sich auf einen Stuhl vor eine Kamera zu platzieren und etwa drei Minuten lang filmen zu lassen. Es gibt keine Fragen, keine Handlungsanweisungen, niemand außer der Kamera ist anwesend in dem Raum, alles ist erlaubt – außer zu sprechen.

Was so einfach klingt, birgt für die Portraitierten allerhand Verhaltensschwierigkeiten, wie die Videos von Portraitdrome eindrucksvoll veranschaulichen. Teils lächeln die Gefilmten verlegen, der Blick flüchtet der Linse, mal ziehen sie Grimassen oder glotzen einfach nur. Statt zu reden, müssen die Portraitierten sich drei Minuten lang irgendwie gegenüber dem Bewusstsein, gefilmt zu werden, verhalten. Bei manch einem scheint es, als wollte er die zielgerichtete Aufmerksamkeit der Kamera irgendwie für sich nutzbar machen, ein anderer versucht durch Ablenkung die Zeit schneller vergehen lassen und wieder andere sind einfach da und wissen nicht, was zu tun ist.

Die schonungslos-einfühlsame Menschlichkeit, die diese Videos offenbaren, scheinen dabei sogar dem Zuschauer einen Einblick in die Gedanken der Betroffenen zu ermöglichen – auch wenn es sich dabei nur um die Spiegelung der eigenen Gedanken handelt: Ein abschweifender Blick zur Seite oder ein verlegenes Lächeln erinnert jeden Zuschauer daran, wie es sich für einen selbst anfühlt, beobachtet zu werden. Dass auch ein Hund mit in die Reihe aufgenommen wurde, zeigt recht eindrücklich, mit welcher Gelassenheit unsere tierischen Begleiter allem menschlichen Darstellungsdrang unbescholten gegenüber sitzen. In dem Moment als Migo der Hund keinen Bock mehr hat, sich zu verhalten, legt er sich einfach vor der Kamera schlafen.

Über 40 Videos hat sind bereits auf dem Tumblr-Blog Portraitdrome zusammen gekommen. Jedes einzelne davon hat seinen ganz eigenen Charme.

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