Unter #RIPTwitter trauern Nutzer um das soziale Netzwerk, das sich zu retten versucht

#RIPTwitter? Was das soziale Netzwerk plant und wie seine User dazu stehen
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Eine Meldung auf BuzzFeed sorgte in der Nacht auf Samstag für einen Sturm der Entrüstung auf Twitter. Die Timeline, das Herz des Social-Media-Dienstes, solle umstrukturiert werden, verkündete die Nachrichtenseite. Statt Tweets chronologisch aufzulisten, werde künftig ein Algorithmus eine Auswahl treffen, was der Nutzer wann zu sehen bekommt – und das angeblich schon in der heute angebrochenen Woche. Unter dem Hashtag #RIPTwitter sehen Nutzer nun das Ende des Microbloggingservices gekommen.

Was BuzzFeed ankündigte, klingt furchtbar in den Ohren vieler Twitter-Nutzer. Künftig solle die Zusammenstellung der Timeline von einem Algorithmus beeinflusst werden, statt streng chronologisch zu sein. Das erinnert an Facebook – und gerade davon hob sich Twitters Timeline ja bisher ab. Statt eine Auswahl zu treffen, bekamen Twitter-Nutzer bislang alle Meldungen und Retweets derjenigen zu sehen, denen sie folgen. Wer selbst eine weitergehende Filterung vornehmen wollte, musste zumeist sogar auf externe Services zurückgreifen.

Grundlegende Neuerungen: Sterne, Herzen und Algorithmen

Eine so grundlegende Änderung der Kernfunktionalität des Kurznachrichtendienstes ist also ein großer Schritt, den das neue Managementteam rund um Jack Dorsey nun gehen möchte. Andererseits ist das auch nicht die erste Neuerung, an die Twitter-Nutzer sich gewöhnen müssen. Erst vor wenigen Monaten wurden die beliebten Sterne, mit denen Tweets „favorisiert“ werden konnten, gegen Herzen ausgetauscht – mit der neuen Bezeichnung des „likens“, ganz wie bei der Konkurrenz. Auch damals kam es zu einem großen Aufschrei seitens der Nutzerschaft.

In die Gruppe der eher kritisch beäugten Neuerungen gehört auch die im vergangenen Jahr eingeführte „Während du weg warst“-Funktion. Hier wird eine Auswahl an (vorgeblich) besonders interessanten Tweets angezeigt, die in Abwesenheit eines Nutzers geschrieben wurden. Noch ist es allerdings möglich, auf die Verwendung dieser Funktion zu verzichten, indem die Einblendung einfach geschlossen wird.

Mehr Fragen als Fakten

Ob auch die algorithmische Timeline in Zukunft diese Möglichkeit bieten wird, ist noch nicht endgültig bekannt. Die Meldung, mit der BuzzFeed in der Nacht auf Samstag für Aufsehen sorgte, ist recht vage formuliert und präsentiert jenseits der Datumsangabe nur wenig klare Fakten. Wie genau die Auswahl der angezeigten Tweets erfolgen soll, ist hier der Fantasie der Leser überlassen, auch die Frage nach einer Opt-Out-Möglichkeit wird offen gelassen.

Jack Dorsey, Twitters amtierender CEO, versuchte daraufhin am Wochenende, die erregten Gemüter zu beruhigen – mit mäßigem Erfolg. Zwar beteuert er, dass es sich bei der Ankündigung einer Umstellung der Timelines noch in dieser Woche um eine Falschmeldung handele. Dass eine solche Veränderung geplant ist, bestreitet er jedoch nicht. Zur Beruhigung der Nutzer könnte höchstens noch seine Betonung des Live-Charakters des Kurznachrichtendienstes beitragen. Wie genau das künftig aussehen wird, bleibt jedoch erneut offen.

Erstes Nutzerfeedback

The Verge hat allerdings einige Testnutzer der algorithmischen Timeline ausfindig machen können. Diese berichten dem Magazin, dass sie nicht besonders zufrieden mit der Neuerung sind. Robin Bonny nennt die neue Timeline gegenüber der Nachrichtenseite eine „schlechte Idee“ und erklärt diese Äußerung damit, dass die algorithmische Sortierung Gespräche und Tweets zu Events auseinanderreißen würde. Das mache es schwerer, Zusammenhänge nachträglich noch zu verstehen.

Der Bericht von TheVerge erweckt jedoch auch den Eindruck, dass es vor allem darum geht, alte Tweets selektiv erneut an die Spitze der Timeline zu stellen und nicht darum, neue Tweets zu filtern. Insofern würde es sich nicht um einen Ersatz der chronologischen Timeline handeln, sondern lediglich um eine Erweiterung. Auch von einer Möglichkeit zur Deaktivierung der algorithmischen Sortierung ist bei TheVerge die Rede.

Gerade die Live-Berichterstattung von Events ist es aber, die Twitter ins Zentrum der digitalen Medienlandschaft stellt, wenn irgendwo auf der Welt etwas Interessantes passiert. Tweets bislang unbekannter Nutzer können sich binnen weniger Minuten tausendfach verbreiten, wenn sie sich auf ein aktuelles Ereignis beziehen. Wer wissen möchte, was jetzt gerade am anderen Ende der Erde passiert, greift zu Twitters chronologischem Feed. Genau hier könnte die Nachvollziehbarkeit aber in Mitleidenschaft gezogen werden.

Finanzielle Schieflage

Warum nimmt das Unternehmen also so viele Veränderungen vor, wenn diese nicht den Wünschen der Nutzer entsprechen? Ein Grund könnte in der finanziellen Situation des Unternehmens liegen. Zwar ist Twitter nicht unmittelbar von einem Bankrott bedroht; seit Jahren schreibt das Unternehmen aber rote Zahlen. Im vergangenen Jahr hat die Twitter-Aktie massiv an Wert verloren: Von einem Höchstwert bei 49,57€ im Frühjahr 2015 stürzte sie auf einen Wert von nur noch 14€ am 8. Februar diesen Jahres ab.

Kurz nachdem Jack Dorsey erneut den CEO-Posten des Unternehmens übernahm, entließ er außerdem fast acht Prozent der Mitarbeiter. Eine Annäherung an die Geschäftsmodelle anderer Social-Media-Plattformen könnte also ein strategischer Versuch sein, endlich wieder ein Wachstum der Nutzerzahlen und damit des Profits des Unternehmens zu erreichen.

Gegen Hate Speech

Daneben wird auch vermutet, dass die Gründe hinter der algorithmischen Timeline auf dem Gebiet des Nutzer-Schutzes liegen könnten. Immer wieder sieht sich das Unternehmen mit dem Problem der so genannten Hate Speech konfrontiert; einem Verhalten, bei dem Nutzer sich verbal verletzend gegenüber anderen Nutzern verhalten. Twitter musste sich in der Vergangenheit den Vorwurf gefallen lassen, nicht stark genug dagegen vorzugehen – die neue Filterung könnte also auch darauf abzielen, solche Inhalte weniger sichtbar zu machen. Das vermutet zumindest siliconANGLE.

Große (und laute) Teile der Nutzerschaft des Social-Media-Dienstes sind dennoch unglücklich mit Twitters Ankündigung. So verkündet der ehemalige Twitter-Mitarbeiter Paul Rosania zwar, dass sich lediglich das Verhältnis von irrelevanten zu relevanten Inhalten verschieben würde, der Nutzer also keinerlei Nachteile bemerken würde. Genau davor fürchten sich viele Nutzer aber trotzdem.

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Die Masse der kleinen Accounts

Twitter ist nämlich nicht nur eine Community der großen, auffälligen Accounts. Viele Nutzer haben nur wenige Follower, bewegen sich in ausgewählten, kleinen Nutzerkreisen und folgen dennoch einigen großen Accounts. Sie befürchten, dass ihre Tweets in einer algorithmischen Timeline künftig quasi unsichtbar werden könnten, weil ihnen nicht mehr die nötige Relevanz für eine gute Platzierung zugesprochen wird. Für viele Nutzer sind es aber gerade diese kleinen Nischen, die Twitter ausmachen. Auch wird weithin die immer größer werdende Ähnlichkeit mit Facebook abgelehnt: Wer zu Facebook wolle, würde sich doch gleich dort anmelden, nicht auf Twitter, so der Grundtenor des Hashtags #RIPTwitter. Man sieht das Ende dessen gekommen, was den Kurznachrichtendienst ausmacht – und somit das Ende Twitters an sich.

Immer wieder wird in der Diskussion rund um #RIPTwitter darauf verwiesen, dass es ganz andere Dinge sind, die die Twitter-Nutzerschaft sich vom Social-Media-Dienst wünschen würde. So geht es häufig darum, dass immer noch viele Nutzer gern die bereits benannten Sternchen zurück hätten, mit denen über Jahre hinweg Tweets favorisiert wurden. Auch eine Edit-Funktion für Tweets kommt häufig zur Sprache – diese wird vom Unternehmen bislang jedoch mit dem Hinweis darauf abgelehnt, dass sie zu aufwändig in der Umsetzung sei. Daran zweifeln die Nutzer jedoch. Auch die Gefahr massiver späterer Veränderungen an Tweets, die häufig geteilt wurden wird in dieser Debatte immer wieder angeführt, könnte jedoch durch eine zeitlich begrenzte Bearbeitungsmöglichkeit im Keim erstickt werden.

Mit Humor leichter zu ertragen

Twitter scheint dennoch noch nicht am Ende einer langen Reihe von Veränderungen an der Plattform angelangt zu sein. So ist auch die Moments-Funktion, die es erlaubt Event-Seiten auf Twitter zu erstellen, noch nicht für deutsche Nutzer verfügbar. Und auch in Sachen Tweet-Länge scheint noch nicht das letzte Wort gesprochen zu sein. So mancher kann auf diese vielen Umbrüche sowie die große Aufregung, die diese Auslösen, nur noch mit Humor antworten …

Aufmacherbild: tanuha2001 / Shutterstock.com

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