Jahresbericht "Form 10-K" zeigt Verlustgeschäfte von Twitter

Twitter – ein Auslaufmodell? Nur wenn sich nichts ändert!
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Twitter bleibt auf dem Boden der Tatsachen – nicht aus Bescheidenheit, sondern weil die Perspektive fehlt. Dabei haben Jahresberichte wiederholt das Grundproblem offengelegt: Die Verluste können auch durch mehr Werbung kaum eingebremst werden. Es fehlt an neuen Nutzern, mehr Funktionen und einem Bezahlmodell für Promoter. Stattdessen verharrt Twitter auf einem eingerosteten Geschäftsmodell, das den durchschnittlichen User verprellt. Die Fakten zum Bericht und ein Ausblick.

Wenn es doch nur ein Problem wäre, aber Twitter hat in diesen Tagen gleich mehrere zu bewältigen: Der Aktienwert ist mit etwa 18 US-Dollar weiter im Keller, Teile der Führungsebene haben den Nachrichtendienst kürzlich verlassen und noch immer fehlt ein belastbares Konzept, um schwarze Zahlen zu schreiben. Doch damit nicht genug. Am Montag wurde der Jahresbericht, auch Form 10-K genannt, veröffentlicht. Statt der eher ‚kreativen‘ Darstellung der Werte im eigenen Jahresgeschäftsbericht, muss das standardisierte Form-10-K-Dokument anderen Anforderungen genügen, denn es wird der SEC, der US-Kontrollbehörde für den Wertpapierhandel, vorgelegt. Die Zahlen zeigen nun, wo der Schuh drückt: Seitdem der Nachrichtendienst vor etwa zehn Jahren an den Start ging, wurden insgesamt zwei Milliarden US-Dollar Verluste gemacht. 2014 waren es „nur“ rund 1,6 Milliarden.

Tradition mit Tendenz zur Verschlechterung

Bevor das Unternehmen 2013 an die Börse ging, betrug das Defizit 418 Millionen US-Dollar. Zum Vergleich: Twitter hat allein im letzten Jahr 521 Millionen US-Dollar in den Sand gesetzt. Das Wachstum vollzieht sich bei Twitter offenkundig im falschen Bereich. Abzüglich der aktienbedingten Kompensationen und anderer Ausgaben läge das Nettoeinkommen von Twitter demnach nur noch bei etwa 277 Millionen US-Dollar für 2015, kommentiert Victor Luckerson von Time. Doch wie soll diese Kluft geschlossen werden? Es fehlt nicht nur das passende Monetarisierungsmodell. Anleger befürchten ferner, dass der Nutzerschwund Twitter nachhaltig zu schaffen machen wird. Der letzte Quartalsbericht deutete stark darauf hin, da die aktiven Nutzer um zwei Millionen schrumpften.

Wem nützt Twitter überhaupt?

Twitter hat zunächst ganz grundsätzliche Fragen zu klären: Will man es den bestehenden Usern recht machen? Denn die wollen am liebsten alles so beibehalten wie es ist. Oder wird das 140-Zeichen-Limit aufgelöst, um damit neue Nutzer zu gewinnen? Neue User, die Twitter auch als Social-Media-Plattform nutzen? Bislang kann der Microblogging-Dienst vor allem zweierlei: promoten und News verbreiten – zwei Seiten der gleichen Medaille. Die Funktionen werden überwiegend von Unternehmern, Politikern, Journalisten, Promis und Aktivisten genutzt. Für den alltäglichen Austausch ist neben solchen Tweets nur wenig Platz – im doppelten Sinne. Ein ganz normaler User, der Unterhaltung, Medien oder Konversationen sucht, nutzt eher Facebook, Snapchat oder Instagram – denn auch hier lässt sich anderen folgen, allerdings bedeutend übersichtlicher und medial ansprechender.

Werbung oder Bezahlmodell?

Schon jetzt wird Twitter von vielen als reine Promotion-Plattform wahrgenommen. Ein Reddit-Nutzer fasst es prägnant zusammen: „Twitter is already like 99% ads. Not necessarily ads Twitter makes money from but still ads.“ Damit wird zugleich das Kernproblem von zwei Perspektiven beleuchtet. Mehr Werbung ist nicht die Lösung des Problems. Dennoch wird Twitter ein Monetarisierungsmodell fahren müssen. Mit mehr Werbung würde der Wust an Promotion jedoch nur noch unübersichtlicher werden. Oder aber man führt ein Bezahlmodell ein, dass vor allem aktive Promoter zur Kasse bittet. Doch auch hier wird es schwierig, zwischen geschäftlichen und privaten Tweets zu unterscheiden. Die Anzahl der Follower und Tweets pro Tag könnten aber als Richtwert dienen, um festmachen, wann unternehmerische Interessen dahinter stecken.

Kürzlich wurde bekannt, dass Twitter aber offenbar ein gegenteiliges Modell erprobt. User mit vielen Followern werden demnach eher von Werbung befreit, damit sie ungehindert ihre Promotion ausüben können. Dem normalen User ist damit kaum geholfen – weder mit noch mehr Promotion-Tweets, noch mit mehr Werbung.

Der User braucht mehr Transparenz, damit man in der Masse der relevanten Neuigkeiten und Werbe-Tweets den Durchblick behalten kann. Dass Promoter wegen geringfügiger Kostenbeiträge jedoch die Plattform wechseln, ist  unwahrscheinlich; vor allem wenn das Publikum erstmal versammelt wurde und das Marketing-Konzept funktioniert. Dass Tweets fokussierter abgesetzt werden und nicht allein die Häufung zählt, würde ebenfalls der Übersichtlichkeit zugute kommen.

 

Aufmacherbild: Kiev, Ukraine – September 30, 2015:Twitter logotype printed on paper, cut and pinned on cork bulletin board.Twitter is an online social networking service. via Shutterstock, Urheberrecht: rvlsoft

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