Twitters Zukunft

Twitter CEO Costolo warnt vor Einschränkung der Meinungsfreiheit
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An seinem letzten Arbeitstag spricht Dick Costolo die zukünftigen Herausforderungen des Unternehmens an. Twitter hat nicht nur mit Trollen und Extremisten zu kämpfen, sondern auch mit der Wahrung der Meinungsfreiheit – unter Berücksichtigung der Geschäftsinteressen.

Mit dem Auslaufen des Vertrags als Twitter CEO hat Dick Costolo noch eine Warnung mit auf den Weg gegeben, die für den Microblogging-Dienst in Zukunft immer dringlicher werden könnte. Gegenüber dem Guardian hat der nun Ex-Chef in einer letzten Stellungnahme die Probleme des Unternehmens formuliert: Vor allem zwischen der öffentlichen Wahrnehmung, den unternehmerischen Zielen und staatlichen Regulationen in Zukunft die Balance zu finden, gehöre zu den wesentlichen Herausforderungen von Twitter.

Mehr Mitarbeiter, neuer Algorithmus und Nutzerinitiativen

Nachdem die Microblogging-Plattform die vergangenen Jahre zunehmend mit Trollen, Shitstorms und öffentlichen Verunglimpfungen zu kämpfen hatte, wurde unterschiedliche Maßnahmen ergriffen, um den Missbrauch des Dienstes einzudämmen. Neben Blocklisten, die von den Usern geteilt werden können und in denen Störenfriede aufgelistet werden, sollen künftig auch neue Algorithmen gegen Schergen und Störer der freien Meinungsäußerung eingesetzt werden. Diese sollen verhindern, dass mehrfach Registrierungen bereits gelöschter Account-Inhaber auf anderem Wegen ihrem Werk nachgehen können. Egal ob es um darum geht, auf politische oder soziale Missstände hinzuweisen – Aktivisten aber auch Journalisten und Prominente, die sich gegen Missstände aussprechen, werden auf Twitter akribisch beleidigt, marginalisiert und teils mit Drohungen überhäuft. Indem User gemeinsam gegen ausgewiesene Hetzer mit Blocklisten vorgehen können, sollen Machine-Learning-Systeme das Spam-Problem lösen und mehrfach Registrierungen erschweren. Bereits Anfang des Jahres hatte Costolo eingestanden, dass Twitter und auch er selbst als Verantwortlicher hinsichtlich dieser Regulierung versagt habe und es viel Nachholbedarf gebe.

Trolle und Extremisten unterwandern Twitter

Dass allerdings Schergen des sogenannten IS und andere extremistische Organisationen ebenso Twitter zur Verbreitung ihrer Ideen und Ansichten nutzen, ist letztlich auch dem Unternehmensprinzip geschuldet – es ist die unangenehme Kehrseite der Medaille. Dessen ist sich auch Costolo bewusst. Zwar sei das Team verdreifacht worden, dass sich der Aufgabe widme, derlei bedenkliche Bewegungen zu verfolgen und auszuschließen, doch sei das Problem, das damit einher gehe, ein sehr viel größeres. Da sich nämlich öffentliche Aufrufe zur Hassverbreitung und Kriminalität nur mühsam durch Algorithmen und die Initiative der Mitarbeiter und User eindämmen lassen, gäbe es bereits von staatlicher Seite aus Überlegungen, die Meinungsäußerung zu reglementieren. Und genau darin sieht der Ex-Chef von Twitter die eigentliche Gefahr.

Wer hilft bei der ethischen Verwaltung?

Über 300 Millionen aktive User zu verwalten ist keine leichte Aufgabe. Dabei aber auch noch die geschäftlichen Interessen, technologische Entwicklungen und ethischen Herausforderungen zu berücksichtigen, scheint für ein einzelnes Unternehmen mit dieser Reichweite und auch Einfluss nahezu unvereinbar. Dass Behörden ein Interesse haben, Rechtsstaat gefährdende Maßnahmen zu ergreifen, wenn das Unternehmen diese selbst nicht imstande ist zu gewährleisten, ist nachvollziehbar. Dennoch kann es weder im Interesse des Unternehmens noch eines demokratischen Staates sein, die freie Meinungsäußerung einzuschränken, nur weil die Gegenspieler mittels dieser Freiheit eben das Recht aller unterwandern und auflösen wollen. Auf den kommenden CEO Jack Dorsey, warte demnach die Herausforderung, die globalen politischen Probleme, die freie Meinungsäußerung und technologische Errungenschaften in Einklang zu bringen. Costolo klingt im Interview mit dem Guardian einerseits erleichtert, dass er in Zukunft nicht mehr den Kopf für diese Sisyphusarbeit hinhalten muss, anderseits jedoch auch misstrauisch, ob sich die Balance so einfach finden lässt. Für ihn steht fest: eine staatliche Regulation ist die falsche Herangehensweise.

I will say directly that I think regulation is a threat to free speech. I can’t think of an example where regulation didn’t have unintended consequences and I’m unable to conceive of a regulatory body that will be swift enough to deal with the constantly evolving issues of ethics, communication and technology. I just don’t think it’s possible.

Twitter CEO Dick Costolo im interview mit The Guardian

Aufmacherbild: Hand showing social networking concept made with white chalk on a blackboard via Shutterstock, Urheberrecht: Ivelin Radkov

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