Reaktionen nach dem Abgang der Twitter-Führungsebene

Twitter: Kritik an Führungswechsel und Zweiklassen-Werbung
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CEO Jack Dorsey bleibt weiter im Mittelpunkt der öffentlichen Kritik. Seine Follower reagierten auf die Bekanntgabe zum Managementwechsel mit vielen Fragen – doch die blieben unbeantwortet. Das geplante Nachrichtenmagazin Moments, Löschungen von Tweets und die ungleiche Behandlung mit Werbeanzeigen bleiben die Top-Diskussionsthemen.

Übernahmegerüchte und ein schlechter Aktienkurs sorgen seit Wochen für Spekulationen um die Zukunft von Twitter. Letztes Wochenende machte dann das Gezwitscher die Runde, dass Teile der Führungsebene kurz vor der Entlassung stünden. Am Sonntag Abend schaltete sich schließlich CEO Jack Dorsey per Tweet ein und versuchte schnell die Wogen zu glätten. Mit einem ausführlichen Schreiben, eingebettet als Screenshot, richtete er sich damit vor allem an seine Mitarbeiter, denen er die Neuigkeit eigentlich erst im Laufe der Woche unterbreiten wollte.

Neue Team-Struktur mit Erfolg der Vorgänger geschmückt

Auch der Wechsel und die Umstrukturierung der Führungsebene wurde letztendlich von Dorsey bestätigt. Gleich vier der wichtigsten Manager werden den Social-Media-Dienst verlassen. Darunter der Senior Vice-President of Engineering, der Vice-President of Global Media, der HR Vice-President und der Senior Vice-President of Product. Die Betonung liegt jedoch auf „freiwillig“, „Auszeit“ und „Erfolge“, die man gemeinsam erzielt habe. Das Zeichen an die Gesellschafter ist unmissverständlich auf Erfolgskurs getrimmt. Denn neben dem Versuch, möglichst alle Kritikpunkte zu entschärfen, konnte Dorsey auch gute Nachrichten verbreiten: Zwei Milliarden US-Dollar habe man in den vergangenen 18 Monaten durch Werbung von „near-zero revenues“ erwirtschaften können, schreibt Dorsey. Die anstehenden Quartalszahlen könnten also erstmals positive Ergebnisse liefern.

Das Wall Street Journal berichtete am Folgetag, dass die Stelle des Senior Vice-President of Product, bisher besetzt durch Kevin Weil, wohl nicht neu besetzt werde. Stattdessen werde Dorsey einen Teil der Aufgaben für Consumer-Produkte selbst übernehmen, gemeinsam mit Chief Technology Officer Adam Messinger. Das könnte jedoch die Kritiker erneut auf den Plan rufen, schließlich wird Dorsey vorgeworfen, dass er in seiner Rolle als Doppel-CEO von Twitter und dem Bezahldienst Square die Fokussierung verliere. Business Insider kritisiert zudem, dass die momentan gefragte Expertise von Messinger im Bereich Back-End-Infrastruktur damit auf der Strecke bliebe. Twitter hat also einige grundsätzliche Strukturfragen zu lösen.

Harmonieren Moments und Twitter?

Ein Beispiel: Mit der angekündigten Einführung von Moments, einem zusätzlichen Nachrichtenüberblick, könnte sich Twitter selbst das Leben schwer machen. Um das Informationsüberangebot als Nutzer zwischen Werbung und relevanten Neuigkeiten besser überschauen zu können, sollen die Top-Themen durch Moments gebündelt dargestellt werden. Wenn der Dienst als Nachrichtenmagazin gut angenommen wird, stellt sich jedoch die Frage, warum der User noch den herkömmlichen, unübersichtlicheren Tweet-Feed checken soll? Auch mit diesem Einwand konfrontierten User den Chef nach der Bekanntgabe des Führungswechsels. Eine Antwort, wie man es etwa von Mark Zuckerbergs Q&A-Sessions gewohnt ist, lieferte der Twitter-CEO jedoch nicht.

Reaktionen der Dorsey-Follower

Der Tenor der Reaktionen verwies aber vor allem auf ein ganz anderes Problem: Wie wird Twitter mit Hassposts und Meinungsfreiheit umgehen? Viele Follower nutzen die Gelegenheit, um Dorsey mit dieser schwierigen Frage zu konfrontieren. Doch eine Antwort bleibt der CEO auch hier schuldig. Statt wie von Facebook angekündigt, das Prinzip von Counterspeech anzuwenden, werden auf Twitter weiterhin unangemessene Tweets gelöscht und wiederholter Missbrauch mit Account-Auflösung bestraft. Angesichts der vielen Nutzerfragen sollte der Problemstellung deutlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden – auch im Austausch mit der Community.

Neue Kritik wegen ungleichen Werbegeschäfts

Erfolgreiche Werbegeschäfte waren der eigentliche Aufhänger für Dorseys Personalwechsel-Bekanntmachung. Doch am heutigen Dienstag ist schon wieder neue Kritik diesbezüglich laut geworden. Re/code berichtet, dass Twitter mit seinen Werbeanzeigen momentan ein Zweiklassen-Geschäft teste. Während jeder normale User sich durch die Werbeflut scrollen müsse, seien Top-Nutzer – als User mit vielen Followern – von Ads befreit. Re/code-Autor Peter Kafka, der sich selbst über 70.000 Follower freuen darf, konnte dies bestätigen: Er kann Twitter ohne Werbung nutzen – sein Chef ebenfalls.

Die Idee dahinter ist simpel: Star-Tweeter werden bei Laune gehalten und versorgen die Community ungestört mit Tweets. Die Follower und kleineren Tweeter finanzieren indirekt die Plattform und  Tweets der Großen, indem sie Werbung ausgespielt bekommen. Der nächste Prostest gegen ein unfaires Werbegeschäft könnte Dorsey also bald ins Haus stehen. Der Erfolg mit Werbeanzeigen einerseits könnte andererseits zu einem Rückgang der Nutzerzufriedenheit führen.

Aufmacherbild: winner red paper ship via Shutterstock, Urheberrecht: Csaba Peterdi

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