Umfrage zeigt unklaren Standpunkt der Nutzer zum Datenschutz und staatlichen Zugriffen

Verschlüsselungsdilemma: Apple, Google, Whatsapp zwischen Staat und Nutzer
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Ein iPhone belebte die Diskussion um Verschlüsselung, Datenschutz und öffentlicher Sicherheit. Es steht viel auf dem Spiel: Das Vertrauen der Bürger und Nutzer. Nachdem weitere US-Firmen sich Apples Position angeschlossen haben, verhärten sich die Fronten gegenüber den Behörden. Die Leidtragenden könnten am Ende jedoch die Tech-Unternehmen sein. Eine Umfrage zeigt, was Nutzer sich von Staat und Digitalbranche in Sachen Datenschutz erhoffen und weshalb die Firmen es ihren Usern nur schwer recht machen können.

Die Rechtsstreitigkeiten zwischen dem FBI und Apple halten an. Die Diskussion begann mit dem geforderten Zugriff auf das iPhone des Bernardino-Terrorverdächtigen. Doch mittlerweile dreht sich alles um die generelle Verschlüsselungsproblematik. Nachdem sich weitere Tech-Firmen wie Google und Whatsapp der Position von Apple angeschlossen hatten und sich gegen ein Einfallstor für Sicherheitsbehörden aussprachen, spitzt sich das Dilemma weiter zu: Kann es einen Kompromiss geben, der die Privatsphäre der Nutzer schützt und zugleich wirtschaftliche wie auch staatliche Interessen vereint?

Weitere Unternehmen wollen Verschlüsselung ausbauen

Nicht nur die Apple-Führungsebene und iPhone-Besitzer müssen sich mit dieser Frage auseinandersetzen, auch Whatsapp-, Facebook-, Snapchat- und Google-Nutzer werden damit konfrontiert. Denn noch bevor ein Gerichtsurteil zu erwarten ist, werden sich weitere Tech-Firmen mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselungen rüsten. Dem Guardian zufolge werden auch Facebook und der, durch die Social-Media-Plattform aufgekaufte, Messenger Whatsapp die Kryptographie ausbauen. Eine offizielle Bekanntgabe von Whatsapp über das neue Angebot werde schon in Kürze folgen. Daneben sollen auch Snapchat und Google an Maßnahmen arbeiten, um ihren Nutzern eine bessere Verschlüsselung zu bieten.

Verschlüsseln ist eine Frage des Vertrauens

Damit positionieren sich die Firmen gegen die Sicherheitsanforderungen der US-Regierung – und auch gegen europäische Bestrebungen. Anlass ist nicht allein der Vorfall aus San Bernardino um die iPhone-Entsperrung. Der NSA-Skandal 2013 hatte die Debatte angestoßen, die Pariser Terroranschläge haben in Europa zusätzlich die Sicherheitsfrage angestachelt. Doch es geht nicht allein um staatliche Sicherheitsansprüche und Datenschutzbedenken auf Seiten der Bürger. Es geht längst auch um die Integrität der Tech-Branche. Die Vertrauensfrage der Nutzern spielt dabei eine entscheidende Rolle. Eine Umfrage unter 3000 Personen hat das zwiespältige Verhältnis der User zu der Problematik nochmals auf den Punkt gebracht.

Umfrage verdeutlicht das Problem

Etwa 57 Prozent der Befragten sprechen Tech-Unternehmen generell das Recht zur Datenweitergabe ab. Dies geht aus einer kürzlich veröffentlichten Umfrage von Open-Xchange hervor, für die jeweils 1000 Nutzer aus den USA, Großbritannien und Deutschland befragt wurden. Verteilt auf die drei Staaten zeigte sich, dass sich in den USA (61 Prozent) und Großbritannien (64 Prozent) deutlich mehr Personen gegen die Datennutzung aussprachen als in Deutschland (47 Prozent). Wie passt das mit dem Stereotyp zusammen, dass Deutsche in Sachen Datenschutz besonders kritisch seien? Eine Antwort kristallisierst sich aus den anderen Ergebnissen der Umfrage heraus.

Von den deutschen Befragten sind 76 Prozent gegen einen Datentransfer an US-Behörden. Stichwort: Safe Harbor und Privacy Shield. Interessanterweise ist hierzulande mit 34 Prozent die Ansicht vertreten, dass Facebook, Twitter oder Google persönliche Daten mit Polizei und Geheimdiensten teilen dürften, wenn dies tatsächlich die Sicherheit verbessere. In den USA und Großbritannien haben sich jeweils nur 21 Prozent für solcherlei Zugriffe ausgesprochen. Hieran zeigt sich einerseits das deutsche Misstrauen gegenüber US-Behörden, das vor allem durch die Snowden-Enthüllungen verstärkt wurde. Das Vertrauen gegenüber europäischer, beziehungsweise deutscher Staatseingriffe scheint hingegen größer.

Privatsphäre – ein Thema für die USA

US-Bürger und Briten haben im Vergleich dazu offenbar mehr Vertrauen in die Unternehmen, die ihre Daten verwalten. Von staatlichen Zugriffen halten sie vergleichsweise weniger – dies könnte zumindest im Fall der USA auch mit dem umstrittenen Überwachungsgesetz CISA zusammenhängen. Datenschützer und große Tech-Konzerne hatten sich gegen die staatlichen Ausnahmeklauseln aufgelehnt und die Diskussion in die Öffentlichkeit getragen.

Überraschenderweise möchte die Mehrheit der US-Bürger auch ihre privaten Daten ungern für wirtschaftliche Zwecke verwendet wissen, – wenn man sich auf die Umfrage verlassen will. Bisher waren es meist die Amerikaner, die die europäische Kritik an den Datenschutzauflagen der US-Konzerne für überzogen hielten. Angenommen aber, das Bewusstsein für mehr Privatsphäre breitet sich auch in den USA aus, dürfte dieser Aspekt die Tech-Unternehmen weiter in die Enge treiben. Denn der gesamte Wirtschaftszweig lebt davon, dass Infomationen über Nutzer für Werbezwecke verarbeitet und mitunter an Dritte weiterverkauft werden.

Das Dilemma aus unterschiedlichen Perspektiven

Wenn Nutzer ihre Daten den Unternehmen anvertrauen, dann tragen die Firmen letztlich die Verantwortung, und dass in zweifacher Hinsicht: gegenüber den Nutzern und gegenüber den Behörden. Beide haben ein Interesse an  Schutz und Sicherheit, allerdings aus unterschiedlichen Perspektiven. Das Interessen des Einzelnen nach dem Schutz der Privatsphäre steht hier dem gemeinschaftlichen Bestreben nach innerer Sicherheit gegenüber.

Ein User, der aber nun auf Datenschutz pocht und zugleich Ausnahmen für staatliche Zugriffe einräumt, bringt Tech-Unternehmen in doppelte Bedrängnis. Denn wie sollen Google, Facebook und Co. beiden Anforderungen gerecht werden, ohne das Nutzervertrauen in ihre Produkte aufs Spiel zu setzen? Beispielsweise dann, wenn Behörden in Ausnahmefällen die Verschlüsselung umgehen könnten, obwohl allen Nutzern Datensicherheit versprochen wurde. Ein anderer Kritikpunkt, der häufig angeführt wird: Wenn Unternehmen den Behörden eine Umgehung der normalen Zugriffssicherung gewährleisten, könnten auch Kriminelle diese Hintertüren leichter ausfindig machen.

Tech-Unternehmen in der Verantwortung

Ein Mittelweg als Kompromisslösung ist gar nicht so leicht einzuschlagen, auch weil die Konzerne um ihre Datenhoheit bangen müssen, wenn Gesetze sie zur Herausgabe zwingen. Die Nutzer machen ihnen eine Entscheidung durch ihr zweideutiges Verhalten nochmals schwerer. Wenn diese mehr Datenschutz für sich selbst einfordern, dafür aber bereit sind, die Privatsphäre anderer im Ernstfall preiszugeben, geht die Rechnung am Ende für alle nicht auf. Und wer entscheidet über den Ernstfall? Die staatlichen Instanzen? Dass Apple und vielleicht bald auch einige weitere Tech-Unternehmen die Tore mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselungen dicht machen, ist keineswegs verwunderlich – sondern konsequent. Ein deutliches Nein zu Hintertüren ist momentan die einzig probate Lösung für Unternehmen. Ob eine starke Verschlüsselung jedoch auch den Unternehmen helfen wird, ist eine ganz andere Frage.

Geschäftsmodelle und Verschlüsselung

Beispiel Google: Der kostenlose Service von Gmail finanziert sich unter anderem dadurch, dass Google durch das Scannen von Nutzer-Mails zielgerichtete Anzeigenplätze verkauft. Sollte der Mail-Verkehr jedoch verschlüsselt sein, wird’s mit dem Targeting schwierig. Sowohl das Businessmodel als auch die Usability könnten unter der Verschlüsselung leiden. So hat die Open-Xchange-Umfrage auch gezeigt, dass Nutzer noch immer vor komplizierter Verschlüsselungstechnik zurückschrecken. Zwar würden 88 Prozent aller Befragten Verschlüsselungen nutzen wollen die einfach per Klick einzurichten sind, doch bisher nutzt nur eine von fünf Personen tatsächlich einen Krypto-Dienst. Rund 28 Prozent stimmten zu, dass die Technik ihnen noch zu kompliziert sei. Im Vergleich zum Vorjahr habe sich dahingehend nur wenig getan, heißt es in der Auswertung.

Whatsapp bietet bereits Android- und iPhone-Nutzern eine Verschlüsselung, bald soll diese auch für die Anruffunktion folgen. Der Facebooks Messenger befände sich ebenfalls in der Entwicklung einer Verschlüsselungstechnik, berichtet der Guardian. Die Verschlüsselung der Messenger ließe sich zumindest aus unternehmerischer Sicht deutlich leichter realisieren, da bisher keine Targeting Ads geplant sind. Für den Facebook Messenger sind als Monetarisierungsansätze Service-Kontakte und Newsletter geplant.

Aufmacherbild: Male hands and smartphone. Addiction to internet and social networks von Shutterstock/Urheberrecht: BLACKDAY

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