PHP

IPC-Interview mit Marcel Normann

„Einen dramatischen Niedergang von PHP sehe ich nicht“
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Während PHP technisch besser ist als es jemals war, haben sich trotzdem Zweifel über seine zukünftige Bedeutung breit gemacht. Wir haben IPC-Speaker Marcel Normann zu den Gründen gefragt.

Marcel Normann, Leiter der Software-Entwicklung bei der WhereGroup in Bonn, beleuchtet in seiner IPC-Session eine Reihe aktueller und historischer Daten zur Beliebtheit von PHP und seiner Herausforderer. Wo kommen diese wechselnden Trends her und was bedeuten sie für mich als Entwickler? Wir haben Marcel Normann zu diesem spannenden Thema einige Fragen gestellt.

In Ihrer IPC Session geht es um die zukünftige Bedeutung von PHP. Laut einem Bericht von W3Techs wird PHP von 79 % aller serverseitigen Websites verwendet. Trotzdem wird immer wieder der Niedergang der Sprache beschworen. Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass PHP immer wieder für tot erklärt wird?

Marcel Normann: Hinter dieser weiten Verbreitung stehen größtenteils Out-of-the-Box-Produkte wie Blogs und Onlineshops mit wenig oder gar keinem Entwicklungsaufwand. Entwickler interessieren sich aber für die Zukunft von PHP, weil sie ihren Lebensunterhalt mit ihren Kenntnissen verdienen wollen, da hilft die bloße Anzahl von PHP-Installationen nicht.

Der Drang, PHP für tot zu erklären, ist sicher auf mehrere Gründe zurückzuführen: Häufig haben die Kritiker im Hinblick auf “nacktes” PHP zum Beispiel einfach Recht. Sie übersehen dabei aber, dass sich durch das Auftauchen erstklassiger Frameworks wie Symfony oder Laravel ihre Kritik mittlerweile häufig ins Leere läuft. Problematischer ist aber meiner Meinung nach aber das geänderte kulturelle Umfeld: Früher war PHP selbst über lange Jahre Trendsetter, mittlerweile genießt es in der Entwicklungsöffentlichkeit kaum noch Beachtung. Diese aufgekommene Stille verwechselt der ein oder andere mit Friedhofsruhe.

Leider gibt es kaum verlässliche Zahlen, die eine valide Aussage über den Zustand von PHP erlauben. Die wenigen Zahlen, die es gibt, zeigen seit einigen Jahren in der Tat einen merklichen Abwärtstrend für PHP.

Entwickler: Welche Vorteile bietet PHP im Vergleich zu anderen Programmiersprachen?

Marcel Normann: Wenn wir von nacktem PHP sprechen, dann ist sicher die flache Lernkurve hervorzuheben: Wer es geschafft hat, seine HTML-Seiten von einem Apache ausliefern zu lassen, muss nur noch einen ganz kleinen Schritt machen um die erste Zeile Code darin unterzubringen. Genau das hat neben der großen Verbreitung auf Shared Hosts vor 20 Jahren zur der rasanten Ausbreitung von PHP geführt. Beides ist heutzutage aber kaum noch relevant.

Aber auch heute noch gilt bei der Arbeit mit PHP-Frameworks: Im Zweifelsfall sind sie einfacher zu erlernen, zu debuggen und zu betreiben; auf jeden Fall im Vergleich mit der Enterprise-Konkurrenz.

Bemerkenswert ist die Langlebigkeit von PHP-Code: Code aus dem Jahr 2000 konnte man mit überschaubaren Änderungen 18 Jahre lauffähig halten, erst mit dem Wegfall der mysql_-Funktionen in PHP7 sind dann komplexere Änderungen fällig gewesen. Und schielen wir Richtung NodeJS gefällt mir auf Seiten PHP der behutsame und defensive Umgang mit Dependencies. Sicher weniger eine Frage der Technik als der Kultur.

Entwickler: Wie sehen Sie die Zukunft von PHP? PHP 8.0 steht in den Startlöchern – was ist von der neuen Version zu erwarten?

Marcel Normann: Auch wenn wie erwähnt die Zahlen einen Abwärtstrend zeigen: Einen dramatischen Niedergang von PHP sehe ich nicht. Der Marktanteil von PHP am Entwicklungsmarkt wird sicher merklich sinken, aber auf relativ hohem Niveau. Möglich, dass sich dieser Trend zunehmend selbst verstärkt, aber dazu gibt es keine relevanten Erfahrungen.

Von PHP 8.0 erwarte ich keine nennenswerte Veränderung der Marktposition. Leistungsverbesserung und behutsame BC-Breaks werden vor allem bestehende Entwickler bei Stange halten, bei den asynchronen Workloads zieht man mit Jahren Verspätung nur mit der Konkurrenz gleich. Spannend könnte aber das Foreign Function Interface werden: Mittelfristig kommen vielleicht über diese Schiene Neuerungen schneller in PHP.

Entwickler: Wie sieht Ihre Beobachtung bei dem Programmierernachwuchs aus? Hat da PHP noch die nötige Relevanz oder stehen für die Nachwuchsentwickler nur noch modernere und „coolere“ Programmiersprachen im Fokus?

PHP scheint in der universitären Ausbildung kaum eine Rolle zu spielen, eher noch in der dualen Ausbildung.

Marcel Normann: PHP scheint in der universitären Ausbildung kaum eine Rolle zu spielen, eher noch in der dualen Ausbildung. Früher wurde das kompensiert durch eigene Entwicklungsprojekte, diese liegen heute aber oft im Bereich der SPAs, häufig mit NodeJS. Ansonsten sind die Wunschsprachen gar nicht so trendy: Python, C# und Java haben auch schon einige Jahre oder sogar Jahrzehnte auf dem Buckel.

Die gute Nachricht ist, dass trotzdem niemand Probleme hat, sich in PHP oder darauf basierende Frameworks einzuarbeiten. Es ist aber dann nicht mehr die Liebeshochzeit, die es früher war. Man nimmt es halt in Kauf, weil andere Parameter stimmen.

Entwickler: Wie sieht die Verwendung von PHP bei der WhereGroup aus? Welche Rolle spielt die Sprache bei Ihrer Entwicklungsarbeit?

Marcel Normann: Die WhereGroup ist mit PHP groß geworden und bis vor kurzem war es unsere einzige serverseitige Sprache. Vor vier Jahren sind wir von der nativen Entwicklung weg und komplett zu Symfony gewechselt. Eine Entscheidung, die wir bis heute nicht bereut haben.

Außerhalb von PHP erleben wir ausgelöst durch Entwicklung für QGIS seit einiger Zeit einen Trend zu Python. Da diese Sprache in unserer GeoIT-Branche sehr verbreitet ist, wird sie wohl dauerhaft einen Platz bei uns erobern. Durch neue Projekte im Bereich großer Konzerne und Behörden stehen wir zur Zeit außerdem vor der Entscheidung, im Bereich der dort marktbeherrschenden JVM Kompetenzen aufzubauen. Sicher ein schwieriger Schritt für eine Firma, die aus dem Scripting-Umfeld kommt, aber ein nötiger.

Man kann also sagen, dass es bei uns so aussieht wie in der restlichen Welt: Der Anteil von PHP sinkt auf hohem Niveau, aber von einem Verschwinden kann nicht die Rede sein.

Entwickler: Was wünschen Sie sich persönlich für PHP in der Zukunft?

Marcel Normann: Von den PHP-Entwicklern wünsche ich mir einen reflektierten Umgang mit ihrer Programmiersprache. Wer Vor- und Nachteile zur Konkurrenz klar benennen kann, kann diese dann auch für sich selbst (und seine Kunden) gewichten und einen eigenen Standpunkt behaupten.

Von PHP selbst wünsche ich mir, dass ich es mit gutem Gewissen wieder ohne Frameworks wartbar entwickeln kann. Dafür müsste die Sprache aber wesentlich stärker “opinioated” werden. Hier hat Go vorgemacht, dass man mit dem Forcieren von Einfachheit, Standards und den weitgehenden Verzicht auf Drittkomponenten durchaus einen Nerv bei Entwicklern trifft. Die Bausteine dafür sind in PHP-Ökosystem praktisch alle vorhanden. Was es braucht, ist der Mut, sie zu forcieren und ein Startschuss, der über ein normales Major Release hinausgeht. P++ hätte dieser Startschuss sein können; ich bin gespannt, wie die Diskussion nach dessen schneller Beerdigung weitergeht.

Entwickler: Vielen Dank für dieses Interview!

Marcel Normann ist Leiter der Software-Entwicklung bei der WhereGroup in Bonn. Das Unternehmen bietet Softwaredienstleistungen im GeoIT-Bereich für Großunternehmen und Behörden. Marcel arbeitet seit 1999 als Entwickler, davon über 15 Jahre mit PHP. Seine Freizeit verbringt er abseits von Computern mit Imkerei, Jogging und sporadischen Feuerwehreinsätzen.

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