Interview mit Stefan Priebsch

Neu gegründete Interessengemeinschaft PHP e.V. verfolgt große Ziele
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Stefan Priebsch hat zusammen mit anderen bekannten Akteuren der deutschen PHP-Community die Interessengemeinschaft PHP e.V. und damit den ersten PHP-Verein gegründet. In einem Interview verrät er uns Details zur Gründung und zur Zielsetzung des Vereins. Stefan Priebsch sieht für die Programmiersprache PHP, die 1995 von Rasmus Lerdorf entwickelt wurde, einige Herausforderungen, die mithilfe des Vereins angegangen werden sollen.

Entwickler: Hallo Stefan und vielen Dank, dass du dir Zeit für unsere Fragen genommen hast. Du bist einer der Gründer der Interessengemeinschaft PHP e.V. Bitte sag uns, wer sind die anderen Initiatoren und an wen richtet sich der Verein?

Stefan Priebsch: Die Interessengemeinschaft PHP e.V. wurde von verschiedenen bekannten Akteuren der deutschen PHP-Community gegründet, unter anderem von Mitgliedern von thePHP.cc, Qafoo und Mayflower. Wir sind allerdings alle als Privatpersonen im Verein engagiert und repräsentieren dort nicht unsere jeweiligen Firmen. Der Verein steht allen Privatpersonen und Firmen offen, die die Verbreitung von PHP fördern und die Zusammenarbeit in der deutschen PHP-Community weiter verbessern wollen. Das PHP-Projekt ist traditionell schwer zu greifen, da es nicht die eine Organisation gibt, die es repräsentiert, sondern man wissen muss, wann man mit wem reden muss. Hier setzen wir an. Wir wollen allerdings keinesfalls Kontrolle über PHP ausüben, das könnten wir auch gar nicht, sondern verstehen uns als Mittler zwischen PHP-Community, Industrie und PHP mit seinem Ökosystem an quelloffenen Projekten.

Entwickler: Wann, warum und wie entstand die Idee zur Gründung eines PHP-Vereins?

Priebsch: Die Idee dazu ist schon fast 20 Jahre alt. Um das Jahr 2002 gab es schon einmal einen Versuch, einen PHP-Verein zu gründen. Das scheiterte damals aber daran, dass die Gemeinnützigkeit nicht anerkannt wurde. Seitdem gab es in der deutschen PHP-Community immer wieder Gespräche darüber. Am Rande der International PHP Conference 2016 in Berlin unterhielt ich mich mit einem der Geschäftsführer von Flyeralarm, der anbot, uns bei der Gründung eines Vereins zu unterstützen.

Um das Jahr 2002 gab es schon einmal einen Versuch, einen PHP-Verein zu gründen.

Flyeralarm suchte damals nach einer Möglichkeit, etwas an die PHP-Community zurückzugeben. Ich erzählte davon, dass bei mir und verschiedenen anderen die Idee einer Vereinsgründung im Raum herumschwebt. Ein paar Wochen darauf trafen sich die späteren Gründungsmitglieder für zwei Tage in der Nähe von Würzburg, um unser gemeinsames Bild, was der Verein sein möchte, zu schärfen. Im Januar 2017 haben wir den Verein in Frankfurt gegründet. Es hat dann leider über ein Jahr gedauert, bis wir im Dialog mit Registergericht und Finanzamt die Satzung soweit hatten, dass uns die Gemeinnützigkeit anerkannt wurde. Daher sprechen wir erst seit Sommer 2018 öffentlich über den Verein. Bei einem Start-up würde man das vermutlich Stealth-Modus nennen (grinst).

Entwickler: Welche Herausforderungen siehst du für die Programmiersprache PHP und wie möchtet ihr diese angehen?

Priebsch: Bjarne Stroustrup, der Schöpfer von C++, hat einmal gesagt: „Es gibt zwei Arten von Programmiersprachen: Diejenigen, über die sich Leute beschweren, und diejenigen, die keiner benutzt“. PHP hat eine bewegte Vergangenheit – vom Hobbyprojekt hin zu der Plattform, die über 70 Prozent des World Wide Web betreibt.

In den früheren Zeiten wurden im PHP-Projekt einige Fehler gemacht, sowohl technischer Natur als auch in der Art und Weise, wie die Entwickler zusammengearbeitet haben – oder vielleicht sollte man sagen: teilweise gegeneinander gearbeitet haben. Diese Vergangenheit hat PHP teilweise einen etwas zweifelhaften Ruf eingebracht, der der Sprache heute noch immer nachhängt. Es gibt immer noch begründete Kritik, aber die meisten Sünden der Vergangenheit haben Sprache und Projekt längst hinter sich gelassen.

Hinzu kommt, dass PHP sich durch besonders niedrige Einstiegshürden auszeichnet, sowohl in der Benutzung, beispielsweise wenn man ein WordPress-Blog haben möchte, als auch für die Programmierung, weil es eben quelloffen und auf nahezu jeder IT-Plattform verfügbar ist. Wir haben daher – auch durch das seit dem Dotcom-Boom ungebrochen anhaltende Wachstum in der IT-Branche bedingt – eigentlich einen permanenten Zustand von Unterbesetzung und teilweiser Überforderung der Entwickler. Diese kommt daher, dass in den letzten Jahren sehr viele Firmen wirklich groß geworden sind, man aber als Entwickler in einem heranreifenden mittelständischen Unternehmen plötzlich vor ganz anderen Aufgaben und Herausforderungen steht als in einem kleinen Start-up.

PHP zeichnet sich durch besonders niedrige Einstiegshürden aus.

Hier sehe ich – neben der Eigenverantwortung jedes Entwicklers zur persönlichen Fortbildung – auch wesentlich die Arbeitgeber in der Pflicht, die Qualifikation ihrer Mitarbeiter laufend zu verbessern. Für beide Gruppen ist die Interessengemeinschaft PHP der richtige Ansprechpartner.

Entwickler: Hinsichtlich eurer Zielsetzung, die Lehre und die Forschung zu unterstützen: Welche derzeitigen Projekte verfolgt ihr in dieser Richtung?

Priebsch: Wir wollen erreichen, dass PHP in der akademischen Ausbildung stärker berücksichtigt und repräsentiert wird, indem wir es für Dozenten einfacher machen, über PHP zu sprechen. Dazu arbeiten wir daran, qualititativ hochwertiges Material sowie eine kuratierte Linkliste von hilfreichen Ressourcen bereitzustellen. Wer hierzu Input hat, ist herzlich eingeladen, daran mitzuarbeiten, unabhängig davon, ob er Mitglied im Verein ist oder nicht.
Zusätzlich werden wir einen einführenden Vortrag zu PHP erstellen, dessen Folien von Hochschulen oder Bildungseinrichtungen genutzt werden können. Alternativ bieten wir an, dass ein Vereinsmitglied zu Besuch kommt, diesen Vortrag hält und so ein Dialog rund um PHP beginnt.

Entwickler: Was für Konferenzen plant ihr und welche Ziele strebt ihr an?

Priebsch: Wir hatten unseren ersten öffentlichen Auftritt diesen Sommer auf der FrOSCon in Sankt Augustin. Dort hatten wir sehr interessante Konversationen und sind deutlich in der Mitgliederzahl gewachsen. Ansonsten gibt es Gespräche über eine Abendveranstaltung oder einen Stand auf der International PHP Conference in München im Oktober und Ideen für mehrere Events in 2019, über die ich allerdings noch nicht sprechen kann, bis die Planung weiter fortgeschritten ist. Ich wünsche mir, dass wir in der Mitgliederzahl noch weiter stark wachsen, damit wir zukünftig auch die Manpower haben, unsere Ideen umzusetzen und damit unsere Versprechen einzulösen.

Entwickler: Ihr wollt quelloffene Software als Kulturgut prägen und entsprechende Projekte fördern. Welche Etappenziele habt ihr euch dabei gesteckt und warum ist euch das wichtig?

Priebsch: Nach unserer Meinung ist die Mitarbeit an quelloffenen Softwareprojekten ein Paradebeispiel für eine gemeinnützige Tätigkeit. Gesellschaftlich und vor allem politisch wird dies aber noch viel zu wenig anerkannt, dabei profitieren sowohl Einzelpersonen also auch die ganze Gesellschaft erheblich von Open Source. Wir wollen ein besseres Verständnis für Open Source schaffen, möglicherweise auch auf politischer Ebene. Das ist allerdings ein eher langfristiges Ziel für uns. Erst einmal müssen wir wachsen, uns gut vernetzen und eine Reputation aufbauen, aufgrund derer man uns auch zuhört, wenn wir etwas zu sagen haben.

Entwickler: Wo wäre denn heute das Internet beziehungsweise das WWW ohne freie Software?

Priebsch: Das ist eine Kristallkugel-Frage, oder vielleicht eher eine Paralleluniversums-Frage. Meine persönliche Meinung ist, dass ohne freie Software und die dahinter liegenden freien Standards das WWW, wie wir es heute kennen, nicht existieren könnte. Es hätte niemals die Verbreitung und Bedeutung erlangt, die es heute hat, wenn kommerzielle Firmen den Zugang beschränkt oder die wichtigsten Dienste kostenpflichtig gemacht hätten.

Entwickler: Wie sieht eure zukünftige Projektplanung aus? Gibt es ein ganz großes Ziel?

Priebsch: Wir diskutieren aktuell zum Beispiel, ob beziehungsweise wie wir eine Überarbeitung der Phar-Erweiterung in PHP fördern können. Der Quellcode ist einige Jahre alt und entspricht nicht unbedingt den heutigen Standards. Phar-Archive sind aber höchst geschäftskritisch für PHP, weil ja beispielsweise Composer und andere Werkzeuge als Phar-Archiv distribuiert werden.

Unser ganz großes Ziel ist es, „der PHP-Verein“ zu werden und damit die Anlaufstelle für PHP in Deutschland und eine Networking-Plattform für unsere Mitglieder zu werden.

Entwickler: Wer kann mitmachen und wie kann man den Verein unterstützen?

Priebsch: Wir sind für jeden offen, der volljährig ist und unsere Satzung akzeptiert. Für natürliche Personen ist der Jahresbeitrag 42 Euro. Zusätzlich freuen wir uns über jedes Unternehmen, das unsere Arbeit als Fördermitglied unterstützt. Wer den Dialog mit uns aufnehmen möchte oder weitere Fragen hat, wendet sich an anfragen@igphp.de.

Vielen Dank für das Interview!

Im Interview: Stefan Priebsch (Berater, Autor, Lehrbeauftragter)
Jede alte Digitaluhr ist leistungsfähiger als Stefan Priebschs erster Computer. Er ist seit über 20 Jahren IT-Berater, hat einen Universitätsabschluss in Informatik, ist Autor mehrerer Fachbücher und seit mehreren Jahren Lehrbeauftragter für professionelle Webentwicklung an einer Hochschule. Stefan Priebsch hält Vorträge und Keynotes auf Technologiekonferenzen rund um die Welt. Als Mitgründer und Principal Consultant von The PHP Consulting Company (thePHP.cc) hilft Stefan Unternehmen dabei, erfolgreich Software zu entwickeln und zu betreiben. In seiner Freizeit spielt er E-Gitarre und hat als Forschungsschwerpunkt agiles Heimwerken.
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