Kolumne: Karrieretipps

Platzhirsch oder stille Koryphäe Wer macht am schnellsten Karriere
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Als Personaler erlebt man sie immer wieder: die selbstbewussten IT-Gurus, die im Vorstellungsgespräch mit Fachwissen nur so strotzen und bei ihren Ausführungen über technische Architekturen kein Ende finden. Aber auch die stillen Underdogs fallen auf, die ganz leise und mit gesenktem Blick von ihrem Job sprechen, als wäre es ihnen peinlich, dass sie das letzte IT-Projekt mit ihrer Expertise und Weitsicht wieder auf die Spur gebracht haben. Aber was zahlt sich letztlich mehr aus? Immer ordentlich auf den Putz zu hauen – vor allem, wenn man auch wirklich ein anerkannter Experte ist? Oder eher bescheiden und unauffällig aufzutreten und einfach einen super Job zu machen?

Beantworten wir die Frage mal mit einer Gegenfrage: Mit wem wollen Sie am liebsten zusammenarbeiten? Mit dem dominanten Platzhirsch, der zwar was auf dem Kasten hat, aber alle mit seiner Bühnenshow nervt oder mit einem soliden Mauerblümchen, bei dem Sie nie wissen, ob es noch im Standby-Modus ist oder schon auf Betriebstemperatur, und das in der heutigen IT-Dynamik schnell übersehen wird? Die Antwort wird wohl lauten: Weder noch!

Und so überzeugt auch weder der übermotivierte Alleskönner noch ein lethargischer Stummfilmheld den Personaler im Vorstellungsgespräch oder den Vorgesetzten bei den Beurteilungs- und Gehaltsrunden. Dennoch muss man akzeptieren, dass jeder eben so ist, wie er ist. Man kann nicht aus seiner Haut und sich für die Karriere in seiner eigenen Persönlichkeit komplett verbiegen. Das muss man auch nicht. Aber ein bisschen Selbstreflektion lohnt sich in jedem Fall und wer es schafft, über seinen Schatten zu springen, hat gute Chancen auf eine erfolgreiche berufliche Laufbahn. Das heißt, dass überzeugendes Auftreten letztlich einen großen Einfluss darauf hat, in welchem Tempo man seinen Karriereweg geht. Die selbstbewussten, motivierten und passionierten IT-Spezialisten haben da sicher einen Vorteil gegenüber den stillen Underdogs, die aber in keinster Weise weniger Kompetenz, Fachwissen oder Leistungsbereitschaft besitzen – sie reden einfach nicht so viel, sondern machen lieber. Der goldene Mittelweg ist im IT-Business heute jedoch der erfolgreiche. Da IT-Lösungen immer vernetzter werden und unzählige interne und externe Schnittstellen, Kunden wie Dienstleister berücksichtigt werden müssen, sind kommunikative Fähigkeiten, neben Teamwork und einer strukturierten Arbeitsweise, ebenso wichtig wie das technische Fachwissen. Es geht darum, seine Arbeit und seine Fähigkeiten selbstbewusst, aber realistisch auf den Punkt zu bringen, aber auch im richtigen Moment aktiv zuhören und die richtigen Fragen stellen zu können. Wer sich also mal ein bisschen selbst beobachtet und feststellt, dass er das Rampenlicht und die Anerkennung braucht, der sollte sich bewusst in Meetings auch mal zurücknehmen, seinen Teil vortragen und dann auch mal anderen den Vortritt lassen. Gehören Sie eher zu den stilleren Vertretern, dann nehmen Sie sich vor, mehr aus sich herauszukommen, sich aktiver an Teammeetings zu beteiligen und auch mal sachlich Widerspruch zu leisten, wenn Sie z. B. Fehlerquellen identifiziert haben, die beseitigt werden müssen. Eine gute Vorbereitung auf Meetings oder Vorstellungsgespräche sowie ständige Weiterbildung des Fachwissens geben Ihnen dabei die nötige Sicherheit.

Seien Sie außerdem selbstkritisch genug, Fehler einzugestehen und fordern Sie regelmäßig Feedback von Kollegen und dem Vorgesetzten ein. Seien Sie offen für Ratschläge und reflektieren Sie sachliche Kritik an Ihrer Person ohne das Feedback im negativen Sinne persönlich zu nehmen. Versetzen Sie sich auch mal in Ihre Kollegen hinein. Würden Sie gerne sich selbst zum Kollegen haben? Genauso gehen auch Personaler bei der Auswahl ihrer Fach- und Führungskräfte vor. Sie stellen sich bereits im Gespräch vor, wie der Bewerber sich im Team verhalten würde, wie er gegenüber einem Kunden oder der Managementebene seine Arbeit präsentieren wird oder wie strukturiert er an komplexe Aufgabenstellungen herangeht. Personaler haben dazu ein Bündel an geschickten Fragen zur Hand, um Sie aus der Reserve zu holen und um sich ein klares Bild über Ihre so genannten Softskills zu machen. Auch Ihr Vorgesetzter wird sich bewusst oder unbewusst bei Betrachtung Ihrer täglichen Arbeit fragen, ob und wann er Ihnen mehr Verantwortung übertragen wird. Seine Entscheidung wird nicht nur davon anhängig sein, was für eine technische Koryphäe Sie sind, sondern eben auch, mit welcher Persönlichkeit er es zu tun hat. Wer beruflich vorankommen will, tut also gut daran, sein eigenes Verhalten selbstkritisch zu betrachten und gegebenenfalls auch mal wieder zurechtzurücken und der persönlichen Arbeitssituation entsprechend anzupassen. Aber wie halte ich mir den Spiegel richtig vor, um meine vermeintlichen Persönlichkeitsmakel auch zu erkennen? Wie schaffe ich es letztlich, über meinen Schatten zu springen und auch mein Verhalten langfristig zu ändern? Technisches Wissen lässt sich durch regelmäßige Fortbildungen, vor allem aber auch durch Erfahrungen, erweitern. Geht das auch mit den Softskills? Reichen dazu z. B. Team-Building-Maßnahmen und Trainings für situatives Führen oder muss man gar zum Therapeuten auf die Couch? Personaler sind sich da meistens einig: Die Grundpersönlichkeit eines Menschen lässt sich nur sehr schwer ändern. Angemessenes Verhalten in besonderen Situationen kann man jedoch mit einer selbstkritischen Haltung und der richtigen Motivation durchaus erlernen. Oftmals ist das nur ein allgemeiner Reifeprozess. Denn wer über die Jahre erfährt, wie die eine oder andere Verhaltenweise bei seinen Mitmenschen ankommt und was letztlich zum Erfolg führt, der wird sein Verhalten schon ganz automatisch anpassen. Zudem kommt mit der Reife und Erfahrung meist auch mehr Selbstbewusstsein und Realismus in das eigene Persönlichkeitsprofil. Dennoch kann es eben auch sein, dass sich unerwünschte Verhaltensmuster über die Jahre mehr und mehr einbrennen und statt eines gesunden eher ein übersteigertes Selbstbewusstsein in den Vordergrund tritt. Wer sein unangebrachtes dominantes Verhalten nicht reflektiert, wird sicher dennoch Karriere machen und irgendwo ankommen, wo man als Platzhirsch sein Revier über die Jahre markiert hat. Dann darf aber nichts mehr schief gehen. Denn sollte man aus irgendeinem Grund doch mal wieder in die Situation kommen, sich in einem Vorstellungsgespräch wiederzufinden, könnte es eng werden. Dann muss man sich auch auf anderer Ebene beweisen, um den Traumjob zu bekommen und je nach Unternehmenskultur wird womöglich die nicht weniger bescheidene, aber in sich gereifte, „stille Koryphäe“ das Rennen machen.

Tun Sie also nicht nur regelmäßig etwas, um Ihre technischen Fähigkeiten auf den neuesten Stand zu bringen, sondern feilen Sie auch immer mal wieder an Ihrer Persönlichkeit. Besuchen Sie neben technischen Trainings also auch Seminare, die Ihre Softskills weiterentwickeln. Hierzu eignen sich z. B. Seminare zur Einschätzung der eigenen Persönlichkeit, zum Abbau von Stress oder zur Selbstorganisation. Vor allem Führungskräfte sollten sich auf ihre Rolle auch durch Managementseminare und individuelle Führungstechniken vorbereiten.

Bleiben Sie sich selbst treu indem Sie offen bleiben, sich auch zu verändern, nicht weil andere dies womöglich zu schätzen wissen, sondern, weil Sie es so wollen.

Yasmine Limberger ist Dipl.-Betriebswirtin und arbeitet seit mehr als zwölf Jahren in der IT-Beratung. Verantwortlich bei Avanade Deutschland GmbH u. a. für den Bereich Personalmarketing, hat sie langjährige Erfahrungen in der Auswahl von IT-Fach- und Führungskräften. Vor Kurzem ist ihr erstes Buch mit dem Titel „IT Survival Guide“ bei entwickler.press erschienen. Yasmine Limberger ist erreichbar unter yasmine.limberger@avanade.com.

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