Interview mit Stefania Trabucchi & Markus Müller-Trabucchi

Responsive Webdesign ist eine Methode!
Kommentare

Obwohl uns der Begriff schon eine Weile begleitet, stößt man auf durchaus unterschiedliche Definitionen von Responsive Webdesign. Oftmals beschränken sich solche Definitionen jedoch zu sehr auf das reine Anpassen von Inhalten auf verschiedene Displaygrößen. Dabei sollte der Begriff viel weiter gefasst werden und Responsive Webdesign stattdessen als die Optimierung von Design und Content auf Zugänglichkeit, Anpassbarkeit und Performance verstanden werden, und zwar mit dem Ziel Inhalte geräteunabhängig anzeigen zu können. 

„Deswegen ist Responsive Webdesign weder Design noch Technologie, Responsive Webdesign ist eine Methode!“ Das sagen Stefania Trabucchi, erfahrene Webdesign-Projektleiterin bei Trabucchi Media Services und Markus Müler-Trabucchi, Business Development Manager im Satz-Rechen-Zentrum.

Um Design und Content auf Zugänglichkeit und Anpassbarkeit zu optimieren sollten Unternehmen in einer idealen Welt auf Single-Source-Publishing oder auf medienneutrales, XML- basiertes Publizieren setzen und so alle Medienkanäle automatisiert aus Datenbanken oder Redaktionssystemen bedienen. Doch obwohl viel von solchen Ansätzen geredet wird, stellt sich die Frage: Wer – außer den Großen – arbeitet so?

Wir haben uns mit Stefania Trabucchi und Markus Müller-Trabucchi zu diesen und anderen Fragen unterhalten. Zusammen hält das Ehepaar auf der MobileTech Conference im September (1.9. – 4.9. in Berlin) den Vortrag „Robuste Inhalte für Responsive Webdesign. Wie kommen meine Inhalte aufs Tablet?“. Aus Sicht ihrer speziellen Fachgebiete sprechen wir mit ihnen über Single-Source-Publishing und Workflow-Optimierung.

PHPMagazin: In einer „idealen Welt“ werden alle Medienkanäle automatisiert aus Datenbanken und Redaktionssystemen bedient. Sieht man Responsive Webdesign nicht als Design oder Technologie, sondern als Methode, ergeben sich aus dem Single-Source-Publishing  jedoch Probleme. Welche sind das?

Stefania Trabucchi: Wir befinden uns in einer technologischen Ära, in der wir die Inhalte in jeglicher Form und auf allen Geräte konsumieren wollen und können. Vom klassischen Printprodukt zu den neuen digitalen Formaten wie Touch-Displays in der Mittelkonsole vom Auto, von Google Glasses bis hin zu den unterschiedlichsten Haushaltsgeräten mit berührungsempfindlichen Monitoren, mit denen wir die gesamte Haustechnik verwalten. Um alle diese unterschiedliche Formate bedienen zu können, muss uns klar sein, dass die Herausforderung zur Mehrfachverwendung nicht im Design, sondern im Content steckt. 

Die Workflowprozesse bei der Entstehung von Content dergestalt zu ändern, dass die Vorteile für eine bessere Modularität und Portabilität evident werden, ist die momentan größte Herausforderung, die angegangen werden muss. Die Probleme, die wir zu lösen haben, sind: das Container-First-Thinking und eine Tag- und Metadaten-orientierte Arbeitsweise.

PHPMagazin: Treten diese Probleme über alle Bereich hinweg auf oder gibt es bestimmte Branchen und Sektoren, die auf mehr Probleme mit RWD treffen als andere?

Stefania Trabucchi: Das ist abhängig von der Ausgangslage. Viele Firmen gehen den Weg zu web-first. Das bedeutet, wir müssen uns mit richtigen Content Management Systemen (CMS) und nicht mit einfacheren Web Publishing Tools (WPT) auseinandersetzten. Aus dem CMS müssen die produzierten Inhalte für jede Plattform, für jede Präsentationsform und jederzeit verfügbar gemacht werden können. WPT – auch wenn die Unterscheidung nicht immer einfach ist – legen den Wert zu sehr nur auf die Erzeugung von Webseiten aus einer Datenquelle.

Markus Müller-Trabucchi: Typischerweise sehen wir diese Schwierigkeiten, wenn am Ende eines Workflows Inhalte vorliegen, welche in erster Linie für eine Druckausgabe konzipiert und aufbereitet wurden. Typische Branchen dafür sind das klassische Verlagswesen oder Abteilungen für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit in Behörden und Verwaltungen, wo noch immer ein sehr stark am Endprodukt „Buch“ oder „Broschüre“ orientiertes Denken verbreitet ist.

Container First Thinking ist eine richtige Strategie. 

PHPMagazin: Wie sollte man Inhalte organisieren, damit sie a) auf den unterschiedlichsten mobilen Geräten optimal angezeigt werden und b) dieser Aufwand die Kosten nicht in schwindelerregende Höhen treibt?

Markus Müller-Trabucchi: Die reine Lehre predigt hier seit Jahren eine IT-orientierte Aufbereitung von Content in medienneutralen Redaktions- oder Datenbanksystemen. Häufig jedoch erlauben die Rahmenbedingungen nicht die dafür notwendigen Investitionskosten oder aber der Eingriff in Prozesse und Workflows ist aufgrund der hohen Anzahl an handelnden Personen nicht realisierbar. Wir gehen hier nach Analyse der Rahmenbedingungen eher pragmatisch vor. Um die Inhalte medienneutral und zukunftssicher vorhalten zu können, sind oftmals bereits „minimal-invasive“ Erweiterungen des Workflows ausreichend, wie beispielsweise eine semantische Klassifizierung der Inhalte im Autoren- oder Copy-Editing-Prozess.

Stefania Trabucchi: Container First Thinking ist hier eine richtige Strategie. Die Frage der optimalen Darstellung kann so beantwortet werden, dass die Inhalte derart transformiert werden sollten, dass sie im gewünschten Layout, bzw. auf dem Bildschirm korrekt wiedergegeben bzw. einfach übertragen werden können. Auch sogenannte „verschmutzte“ Inhalte, d.h Inhalte die noch zu viele Zusatzinformationen wie Videoeinbettung, Microformate oder besondere Markups enthalten, sollten in kleine Einheiten umgewandelt werden. 

Stefania Trabucchi

Stefania Trabucchi ist Geschäftsführerin der Trabucchi Media Services. Ihr Focus liegt auf Responsive Web Design zur Integration von mobilen Anwendungen sowie deren Content Strategy und Choreography. Durch ihre langjährige Projekterfahrung als Webdesigner und ihr Know-how neuester Front-End Entwicklungen verbindet sie Technik und Kreation. Sie und ihr Team arbeiten in nationalen und internationalen Projekten mit Schwerpunkt Content Management Systeme. Sie ist aktives Mitglied der Python Community und wirkt u.a. auch im Plone und Python-Umfeld als Konferenz-Sprecherin und Dozentin für Webtechnologien. Markus Müller-Trabucchi ist Business Development Manager im Satz-Rechen-Zentrum. Der Berliner Dienstleister bietet Lösungen zur automatisierten Erschließung digitaler Inhalte. Im Rahmen seiner Projektberatungstätigkeit begleitet er Kunden aus den Bereichen Healthcare und Government bei der Umsetzung automatisierter Publishinglösungen. 

PHPMagazin: Welche Methoden lassen sich in diesem Prozess anwenden? 

Stefania Trabucchi: Für Web-First-Strategien gilt es vornehmlich, Content Management Systeme einzusetzen, die es ermöglichen, Trennung vom Inhalt und Bildschirmausgabe zu garantieren und die Sicherstellung der Modularität und der Portabilität der Inhalte garantieren.

Markus Müller-Trabucchi: Konkrete Methoden sind hier beispielsweise eine templateorientierte Erfassung der Inhalte im Authoring oder die nachträgliche semantische Klassifizierung der Inhalte durch maschinelle Analyse wiederkehrender Inhaltsmuster und formaler Strukturen. 

PHPMagazin: Haben Sie ein Beispiel für uns aus der Praxis, vielleicht von einem Kunden, wo diese Herangehensweise Früchte getragen hat?

Stefania Trabucchi: In der letzten drei Jahren sind viele große Zeitungsverlage den genannten Ansätzen gefolgt, vom Boston Globe über New York Times bis zu BBC oder NPR, um nur einige berühmte Use Cases zu benennen. Wir haben als Kunden viele kleine und mittlere deutschen Verlage oder Publisher, womit wir in behutsamer Weise dieselben Ansätze und Strategien in Beratung und Umsetzung begleiten.

 

 

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -