Warum Notlügen in Vorstellungsgesprächen kein Kavaliersdelikt sind

Sag die Wahrheit!
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Zugegeben, die Verlockung ist manchmal groß und die Fragen der Personaler sind oftmals auch richtig fies. Da würde man am liebsten mal so richtig auf den Putz hauen, um seinen Gesprächspartner zu beeindrucken, was man doch schon alles geleistet hat, welche noch so tot geglaubten Projekte man wieder auf die Spur gesetzt und schließlich zum Erfolg geführt hat oder wie tiefgreifend man sich doch in der einen oder anderen Materie auskennt. Aber Achtung: dieser Schuss kann schnell nach hinten losgehen.

Sie sitzen im Vorstellungsgespräch Ihres Traumarbeitgebers und wollen diesen Job unbedingt. Da passiert es! Der Personaler fragt nach, ob Sie schon mal ein Team geführt haben, denn die neue Aufgabe ist mit Personalverantwortung verbunden. Sie sollen ein Team von Entwicklern bei der Einführung einer neuen Software unterstützen. Mit der Software kennen Sie sich perfekt aus, aber bisher waren Sie selbst Entwickler und haben sich nicht mit Managementaufgaben beschäftigt. Die Möglichkeiten in Ihrem aktuellen Job sind dafür auch begrenzt, genau deshalb haben Sie sich ja auch auf die Stelle beworben, um endlich den nächsten Schritt zu tun. Aber das kann man doch jetzt nicht zugeben! Sicher wird doch jemand gesucht, der alle Anforderungen mit einschlägigen Erfahrungen belegen kann. Jetzt, da man es bis ins Finale geschafft hat, darf man nicht als Anfänger dastehen, sonst steht man wieder ganz am Anfang. Jetzt wird erwartet, dass man Profi ist. Genau! Und deshalb gibt es an dieser Stelle nur eine Antwort: Nämlich die Wahrheit! Sagen Sie offen, dass Sie bisher noch nicht als Teamlead gearbeitet haben und beweisen Sie, dass Sie aber durchaus das Zeug dazu haben, in Zukunft Mitarbeiter zu führen, weil Sie reif und erfahren genug dazu sind, weil Sie sich mit der Software auskennen und sich für das Team als Coach und nicht als Chef verstehen. Mit dieser Strategie haben Sie gute Chancen, den Job zu bekommen. Wenn Sie sich einer „Notlüge“ bedienen, die mit Sicherheit irgendwann auffliegt, haben Sie dagegen womöglich für immer verspielt.

In manchen Situationen kommen nicht wahrheitsgemäß beantwortete Fragen erst ans Tageslicht, wenn man schon eine Weile an Bord ist. Dann kann man seinen Job noch so gut gemacht haben, wahrscheinlich ist man ihn durch seine Falschdarstellung auch gleich wieder los. Eine Lüge im Vorstellungsgespräch ist kein Kavaliersdelikt, sondern beschädigt das Vertrauen und damit die Zusammenarbeit so nachhaltig, dass der Arbeitgeber das Recht zur Kündigung hat. Ausnahmen sind Fragen nach persönlichen Verhältnissen oder bei Frauen nach einer bestehenden Schwangerschaft. Wenn diese Fragen nicht im direkten Zusammenhang mit der Ausübung des Jobs stehen, dann müssen solche Fragen nicht beantwortet werden. Bevor man hier aber die Dinge falsch darstellt, sollte man eher von seinem „Schweigerecht“ Gebrauch und dazu keine Angaben machen. Besser ist es jedoch auch hier, offen und ehrlich zu antworten, denn Sie selbst wollen ja einen Job, in dem Sie sich langfristig entwickeln können und der Ihnen auch Spaß macht.

Dass der Lebenslauf sowie die beiliegenden Zeugnisse der Realität entsprechen, versteht sich von selbst, denn wer z. B. Diplom- oder Arbeitszeugnisse fälscht, riskiert nicht nur seinen Job, sondern macht sich sogar strafbar. Es ist kein Beinbruch, wenn man nicht nur erstklassige Zeugnisse vorweisen kann oder der Lebenslauf aufgrund verschiedener Ursachen Lücken aufweist. Wichtig ist, dass man die Gründe dafür wahrheitsgetreu, selbstsicher und plausibel vortragen kann. Man muss die Schwachpunkte ja nicht gerade betonen, sondern meist reicht es, sie in einem Satz abzuhandeln und sich dann wieder auf seine Qualifikationen und Erfahrungen zu konzentrieren. Vor allem sollte man unnötige Schuldzuweisungen unterlassen und auch kein Mitleid erwarten. Richtig ist es dagegen, die Dinge zu betonen, die in der Stellenausschreibung gefordert sind und in denen man sich auch tatsächlich profilieren kann. Nutzen Sie also die Chance, das Gespräch in die richtige Richtung zu bringen, in dem Sie die Möglichkeit geben, Themen länger auszuführen und vielleicht sogar selbst vorschlagen, z. B. Ihr aktuelles Projekt oder besondere Verantwortlichkeiten darstellen zu dürfen, die für die entsprechende Position nützlich sein können.

Beliebt bei der Auswahl von IT-Fachleuten sind häufig auch ganze Fragekataloge an technischen Aufgabenstellungen. Auch die Bearbeitung von Fallstudien mit Bezug zum neuen Job wird häufig in Vorstellungsgesprächen genutzt. Wie aber sollte man reagieren, wenn man auf einzelne technische Fragen im Interview keine Antwort weiß, sei es, weil einem die Erfahrungen dazu fehlen oder weil man sich in eine andere Richtung spezialisiert hat? Falsch wäre es, sich irgendetwas zusammenzureimen, nur um etwas zu sagen. Das macht insgesamt einen schlechteren Eindruck, als wenn man selbstsicher zugibt, dass man sich in diesem Bereich nicht so gut auskennt. Bevor der Gesprächspartner von selbst darauf kommt und Sie sich mit falschen Antworten blamieren, sagen Sie lieber direkt, dass Ihr Spezialgebiet in eine andere Richtung geht. Sie geben dem Interviewer damit wiederum die Möglichkeit, Ihnen Fragen zu Ihrem Schwerpunkt zu stellen und sich somit die Chance, doch noch zu glänzen. Und selbst wenn die eine oder andere Frage ganz unbeantwortet bleibt, Sie sind nicht bei „Deutschland sucht den Superstar“, sondern Sie bewerben Sie um einen Job bei einem professionellen Unternehmen. Ihnen gegenüber sitzt nicht eine Jury, die ein Millionenpublikum unterhalten soll, sondern ein Personaler und evtl. ein fachlicher Interviewer, die auch nicht alles wissen, die aber von Ihnen erwarten, dass Sie zeigen, was Sie wirklich können und bei der Wahrheit bleiben.

Gesucht werden heute Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten, die mit Selbstsicherheit, aber ohne Arroganz auftreten, die Ihr Profil auf den Punkt bringen können, ohne dabei auszuschweifen und die gut ausgebildet, aber auch bereit sind, ihr ganzes Leben lang zu lernen. Und dazu bedarf es keiner Superhelden, die alle Anforderungen perfekt erfüllen, sondern IT-Experten mit Charakter und Leidenschaft für ihre Arbeit. Sollten Sie die eine oder andere Frage im Vorstellungsgespräch also nicht beantworten können, dann stehen Sie dazu, und vor allem fragen Sie interessiert nach, welche Antwort denn die richtige gewesen wäre. Verstricken Sie sich nicht in Diskussionen, sondern präsentieren Sie sich offen und neugierig. Dann kann eigentlich nichts schiefgehen!

Yasmine Limberger ist Dipl. Betriebswirtin und arbeitet seit mehr als 10 Jahren in der IT-Beratung. Verantwortlich beim Systemintegrator Avanade Deutschland GmbH in Kronberg u. a. für die Bereiche Recruiting und Personalmarketing hat sie langjährige Erfahrungen in der Auswahl von IT-Fach- und Führungskräften. Ihre Spezialgebiete sind neben Persönlichkeitswahrnehmung, Training und Coaching auch Marketing und Alliance Management. Yasmine Limberger ist erreichbar unter: yasmine.limberger@avanade.com.

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