Interview mit Fatih Kendirli über den Gewinn der Silbernen Biene

"So ein positives Feedback zu erhalten ist nicht selbstverständlich."
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Auf der BIENE 2010 hatten wir die Ehre, dem Nationalpark Harz eine Biene in Silber zu überreichen. Wir Sprachen mit Fatih Kendirli, dem für die Umsetzung verantwortlichen Projektleiter.

Herr Kendirli, herzlichen Glückwunsch zum Gewinn der Biene in Silber. Ist das ein persönlicher Erfolg für Sie?

Als Projektleiter und als Entwickler arbeite ich gemeinsam mit meinem sehr ambitionierten und motivierten Team. So ein positives Feedback zu erhalten ist nicht selbstverständlich. Gerade die Themen Barrierefreiheit und Webstandards liegen mir sehr am Herzen. Erwartungen, Möglichkeiten und Einschränkungen aller Nutzer gleichermaßen zu berücksichtigen wird mit der Entwicklung des Mediums Internet immer anspruchsvoller. Der Gewinn der Biene zeigt mir, dass wir richtige Wege eingeschlagen haben. Es ist für mich persönlich und für mein Team ein großer Erfolg und wir freuen uns sehr!

Wie sind Sie zu diesem Projekt gekommen?

Unsere Agentur arbeitet mit vielen Behörden und öffentlichen Auftraggebern zusammen, unter anderem mit verschiedenen Natur- und Nationalparken. Europarc hat sozusagen als Dachverband für alle Natur- und Nationalparke Deutschlands unter dem Motto „Nationale Naturlandschaften“ 2007 ein gemeinsames Corporate Design ins Leben gerufen. Vertretend für einen unserer Kunden nahmen wir in Berlin an der Vorstellung zu den Vorgaben der Gestaltung für Internetseiten teil. Ich musste feststellen, dass selbst die Vorgaben der BITV nicht berücksichtigt waren und brachte uns mit unseren Bedenken ein. Anwesend waren viele Vertreter der Schutzgebiete, darunter auch die des Nationalparks Harz. Da deren handelnde Akteure besonderen Wert auf das Thema Barrierefreiheit legten, kamen wir nach Vorstellung unseres umfangreichen Portfolios zusammen. Wir erhielten 2008 den Auftrag zum Relaunch des Internetauftritts des Nationalpark Harz.

Hatten Sie vorher bereits Erfahrungen mit der Gestaltung von barrierefreien Seiten?

Bei öffentlichen Stellen findet das Thema Barrierefreiheit spätestens seit der BITV Beachtung. Unsere Agentur ist sehr vielseitig und übernimmt Entwicklungen und Umsetzungen gestalterischer und planerischer Art für unterschiedlichste Medien von öffentlichen Stellen, bei denen wir Barrierefreiheit berücksichtigen müssen. Mit Barrierefreiheit bei Internetseiten hatten wir entsprechend schon Erfahrungen. Nicht jedoch auf dem Level, wie wir es beim Nationalpark Harz umgesetzt haben. Vieles war Neuland für uns. Wir haben uns ausgiebig mit Barrieren beschäftigt, Menschen mit Behinderungen befragt und in unsere Usability-Tests einbezogen. Es sind Erfahrungen entstanden, die wir nicht missen möchten.

Zwei stolze GewinnerZwei stolze Gewinner der Biene

Wie sind Sie mit der Herausforderung umgegangen, eine Seite mit vielen Bildern so zu gestalten, dass auch sehbehinderte Nutzer die Chance bekommen, sich etwas unter dem Gezeigten vorzustellen?

Die visuell emotionale Gestaltung ist dem Nationalpark Harz sehr wichtig. Uns war bewusst, dass wir vor allem über die Darstellungsart und Qualität von Bildmaterial und Farbharmonien die Erwartungen an optischer Stimmung erfüllen müssen. Wir haben viel mit Screenreadern experimentiert, verschiedene Bandbreiten simuliert und versucht, Althergebrachtes zu verbessern. Man beschäftigt sich auch in der Freizeit bis spät in die Nacht mit Ideenfindungen und Problemlösungen, weil es einfach Spaß macht, sich der Herausforderung zu stellen gerade diese visuellen Erwartungen barrierefrei und innovativ umzusetzen.

Wir wollten Bilder besonders gut in Szene setzen und haben uns lange mit der Detaildarstellung von Bildmaterial beschäftigt. Alternativbeschreibungen von Bildmaterial beschlossen wir für alle lesbar auch auf diesen Detailseiten als Abbildungsbeschreibung aufzuführen.

Wir setzten uns das Ziel, eine möglichst flexible Darstellung zu erreichen – dabei sollte der Auftritt in allen Lagen „schön“ aussehen. Ein elastisches Layout bot uns die richtige Basis. Wir wollten nicht nur die Inhalte allen zugänglich machen, sondern auch die Funktionen der Seite so gestalten, dass sie sinnvolle Optionen für verschiedene optische Wünsche bieten.

Was waren die größten Herausforderungen der Umsetzung des Projekts?

Die Fehlertolerante Suche. Hier erstellen Cronjobs nächtlich Suchwortdatenbanken in beachtlicher Größe. Wir haben die Suchfunktion unseres CMS stark aufgebohrt und haben viele Maßnahmen zur Performanceverbesserungen ergreifen müssen, damit der Server die Last für die Suchwort-Vorschläge und Ähnlichkeitssuche in Echtzeit bewältigen kann.

Bei der Funktion zum Anpassen der Darstellung hat die Vorschaufunktion in jQuery und die Query-Bereinigung für schöne URLs einiges an Energie gekostet.

Wie schätzen Sie den Mehraufwand ein, den es braucht, um barrierefreie Inhalte zur Verfügung zu stellen?

Wir konnten uns glücklich schätzen, dass Ingrid Nörenberg vom Nationalpark Harz redaktionell super Arbeit geleistet hat. Auch wenn wir mit unserem CMS möglichst viel zu vereinfachen versucht haben, musste auch sie feststellen, dass aller Anfang schwer ist. So mussten Akronyme und Fremdwörter bei allen Texten den Weg in die Glossar-Datenbank finden, bevor sie bei den restlichen Texten automatisch ausgezeichnet wurden – und das ist bei der Menge an Inhalten schon beachtlich viel Arbeit. Auch Formulierungen auf Komplexität zu prüfen, Alt- und Title-Texte zu definieren und an vielen Stellen Inhalte zusätzlich in einfacher Sprache einzuarbeiten hat sie viel Mühe gekostet.

Redaktionell würde ich den Aufwand bei einem solchen Auftritt auf ein 2 bis 3-faches schätzen.

Es gab „nur“ eine Biene in Silber, da die Tester bei einigen Transaktionen Probleme hatten. Sind Ihnen diese Probleme bekannt; und haben Sie vielleicht sogar bereits eine Lösung dafür?

Ein solches Projekt lässt sich nur mit Aufgabenteilung bewältigen. Viele Tests sollten die Qualität sichern. Leider hat uns die wachsende Komplexität, die hinter den Entwicklungen steckt, nach Abschluss eines Meilensteins einen Strich durch die Rechnung gemacht und wir hatten scheinbar unbemerkt einen internen Konflikt mit Variablen. Das fiel uns ca. 1 Woche vor der Preisverleihung auf und wir haben die Transaktionen nicht nur von diesem Problem befreit, sondern haben sie noch weiter optimiert.

Natürlich schmerzt es zu erfahren, dass es „fast“ hätte Gold werden können, aber wichtiger für uns ist zu wissen, dass es fortan keine Probleme mehr bei den Transaktionen geben wird. Wir freuen uns auch sehr über unsere silberne BIENE.

Unter uns: Werden Sie nachbessern, um sich nächstes Jahr die goldene Biene zu sichern?

Unsererseits sehr gerne. Wenn der Nationalpark Harz damit einverstanden ist, sind wir 2011 auf jeden Fall wieder in der Liste der Einreichungen.

Herr Kendirli, vielen Dank für dieses Gespräch.

Fatih Kendirli

Fatih Kendirli ist 29 Jahre alt und Leiter der Non-Print-Abteilung der Firma cognitio. Er ist nicht nur Medienfachwirt für Digitalmedien sondern auch technikbegeisterter Medienjongleur und Ausbilder.

 

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